Grenz(fuß)gänger

 

So eine Turkmenistan-Ausreise kann im Vergleich zur Einreise die reinster Erholung sein. Zumindest hier will niemand durch meine Unterwäsche wühlen oder meine Bücher durchblättern. Liegt das vielleicht an diesem speziellen Grenzübergang? Ich bin mir da nicht so sicher.
Auf dem Weg hier her hatte ich schon beinahe den Verdacht, von meinem Turkmenischen Taxi-Fahrer entführt zu werden. Hierfür muss ich kurz erwähnen, dass „Taxi“ hier reichlich relativ ist, und mein Buch meint das sei in den ganzen Ex-Sovjet-Staaten eigentlich durchweg immer das gleiche: Taxi ist hier erstmal alles, was vier Räder hat und nicht bis zum letzten Sitzplatz belegt ist. Wer transportiert werden will steht an den Straßenrand und hält die Hand raus, allerdings ohne den europäischen Daumen, sondern einfach die flache Hand mit der Innenfläche nach unten in Richtung Straße. Wer auch immer noch Platz im Auto und keine grundsätzliche Abneigung gegen einen hat wird nun anhalten und einen für relativ kleines Geld (vorausgesetzt natürlich man ist der lokalen Sprache mächtig) ein gutes Stück weit mitnehmen. Dementsprechend wirken Taxifahrer die man als Tourist so an gängigen Stellen aufgabeln und für komplette Strecken „mieten“ kann erstmal reichlich wenig nach professionellem Taxifahrer, sondern halt nach irgendeinem Typ mit Auto, der halt gerade Langeweile und Interesse ein paar Stück Geld zu verdienen hat. Ganz normal. Mein Fahrer ist Trainer der lokalen Fußballmannschaft habe ich erfahren, und bevor wir endgültig aufbrechen konnten mussten wir noch kurz bei Ihm daheim vorbeifahren, irgendwas mit seinen Kindern. Dann aber ging es im Familienauto, ein alter Opel Astra, auf in Richtung Norden. Die Richtung war schon mal richtig, aber nach einer Weile (und ganz vielen Leuten, die er zusätzlich je ein Stück mitgenommen hat obwohl ich eigentlich echt viel Geld für diese „Sonderfahrt“ zahlen musste) war einfach keine Zivilisation mehr zu sehen. Okay, das haben Grenzen so an sich, aber als er dann von der eigentlich nicht allzu schlechten Hauptstraße abbog und auf einem schmalen Teerweg, heute mehr Loch als Weg und sicherlich irgendwann von den Russen hier angelegt und seither nicht mehr ausgebessert, fuhr wurde das Gefühl in diesem Land dann doch ein wenig komisch. Links flaches, wenig einladendes nichts: karger Boden, ein paar Büschel verdorrtes Gras hier und da, an ein paar schrägen Holzmasten hängend folgt irgendein Kabel der Straße, aber sonst absolutes Niemandsland. Rechts ein relativ großer und schnell fließender Fluß mit deutlich dreckig-braunem Wasser und dahinter wieder das gleiche karge Landschaft wie auf der anderen Seite. Der Himmel ist deutlich bewölkt, es nieselt leicht und es ist unangenehm kalt, draußen lässt sich inzwischen weder irgendwas an der Strecke vor uns ausmachen noch die Kreuzung hinter uns erahnen. Im Nachhinein kann man schon irgendwie sagen: eindeutig Grenzland. Es dauert eine ganze Weile, bis am Horizont eine ganze Reihe LKWs auftaucht und das Gefühl von „wir sind hier doch irgendwie richtig“ aufkommt. Ich wundere mich einigermaßen wie ein schwerer LKW es schaffen kann seine Last über diese Buckelpiste bis hier zu ziehen und kann nun über sicherlich drei Kilometer eine Reihe parkender LKWs begutachten: Iraner, Türken, Iraner, ein Tadschike, ne ganze Reihe Iraner und noch zwei Hand voll Türken. Auch wenn die LKWs allesamt iranische, türkische oder tadschikische Kennzeichen tragen, kann ich so manche Beschriftung tatsächlich in meiner Muttersprache entdecken: „Müller Transportdienstleistungen“, „internationale Transporte“ oder „Kühlguttransporte Maier“ steht dort geschrieben. Eine irgendwie schräge internationale Blechschlange wartet hier auf ihre Abfertigung. Ich als nicht-LKW darf aber direkt vorfahren, bis kurz vor die Grenzstation selbst und es folgt das Standard-Prozedere wie schon bei der Einreise: Eine Schranke, ein Stacheldrahtzaun, ein uniformierter mit Gewehr: der Türsteher quasi, und ich muss mich erstmal ausweisen. Ein kurzer Fußweg von zwei Minuten, eine Grenzstation, zwei Türen und ein Uniformierter, den ich per Handzeichen nach der richtigen für mich frage: die rechte, war klar. Trotzdem habe ich mir diese Frage angewohnt, man mag ja nicht negativ auffallen. Vor dem Eingang der Grenzstation wieder ein Uniformierter, ich muss mich nochmals ausweisen. Dann ein paar Stehtische mit Formularen für die Zollerklärung. Ich habe natürlich wieder nichts von Wert dabei, kein Gefahrgut und keine Drogen. Außerdem bin ich natürlich nicht krank (schnief), habe keine Straftaten begangen und auch sonst nichts von dem, was hier in kyrillischer Schrift alles von mir abgefragt wird. Ich verstehe weder welches Feld was genau ist, noch habe ich irgendwas angestellt und fülle das Formular einfach nach dem Muster aus, das netterweise gut sichtbar aushängt. Einmal unterschreiben und weiter, in den nächsten Raum. Oder besser: in die Halle mit den vielen Tresen und Uniformierten. Hier startete dann allerdings leichte Verwirrung, sowohl von mir als auch von den Grenzern. Ein nicht-LKW-Fahrer, dazu noch Tourist, passt hier wohl nicht in den Standard-Ablauf und so werde ich erst mal durchgewunken bis zum vorletzten Tresen, an dem ein unerwartet, ja für mich fast schon irritierend freundlicher Turkmene den Ausreisestempel in meinen Pass rammt, um danach zu erkennen dass ich ja den Zollerklärungszettel noch in der Hand habe was ihn deutlich verunsichert. Ich bin ja laut Stempel schon ausgereist, also kann er mich nicht zurücklassen. Aber ich habe wohl bei der Durchwinkarie irgendwie ausversehen den Zoll übersprungen, der sich (wegen Kaffeepause oder sonstiger Abwesenheit) auch irgendwie nicht bemerktlich gemacht hätte. Ich glaube das hat in keine Dienstanweisung gepasst, und so war mein ursprünglich gut gelaunter Ausreisestempler nun doch irgendwie verunsichert. Weitere Uniformierte wurden gerufen, aber niemand wusste wohl so recht was nun tun bis der „Chef“ der Abteilung mich persönlich zum Zoll begleitet hat. Nun wusste hier aber niemand so recht ob und wie mein Gepäck denn nun durchsucht werden sollte, und nachdem nach weiteren fünf Minuten warten auf irgenjemand anderen der ganz oben in meinem Rucksack zuerst auf eine Ladung ungewaschener Unterwäsche gestoßen ist, war die Kontrolle dann auch gannnz schnell beendet. Ja, ich habe dazugelernt. Das mit der Unterwäsche war so kein Zufall.
Also hinten aus der Grenzstation erstaunlich schnell raus, durfte ich dem letzten uniformierten Turkmenen auf meinem Weg nochmals meinen Pass zeigen, mir von ihm sehr freundlich eine gute Weiterreise wünschen lassen (warum versteckt Turkmenistan die freundlichen Uniformierten eigentlich bei der Ausreise? Ist das irgendein mir nicht ganz verständliches Konzept?) und mich dann auf den Weg machen. Weg, so wörtlich wie es eben nur sein kann. Nach der letzten turkmenischen Schranke sind es gefühlt zwanzig Minuten Fußmarsch durch dieses trostlose Ödland bis zu den Uzbeken, und dass ja niemand von dieser provisorischen Schotterpiste abweicht ist diese links und rechts mit zwei beeindruckenden, wohl über drei Meter hohen Stacheldrahtzäunen abgesperrt. Ich bin durchaus schon über angenehmere Straßen gewandert, aber das Gefühl Turkmenistan nun hinter mir zu lassen hatte dennoch irgendwie was positives. Die Schotterpiste führt in einem Bogen zurück zu einem Stück der irgendwann mal geteerten Straße den Fluss entlang, auf der mich mein Fahrer an die Grenze gebracht hat, nur ein Stück weiter Flussaufwärts. Hinter dem Stacheldrahtzaun steht hier noch eine deutlich alte und definitiv verlassene Polizeistation, ganz bestimmt ein einfacher Kontrollposten entlang einer Straße durch die autonomen Regionen durch die UDSSR. Heute macht die Straße zwei mal einen Bogen, einen durch eine turkmenische Grenzstation hinter mir, und einen durch eine usbekische vor mir. Zunächst muss ich hier, direkt neben dem Fluss und auf der alten Schlaglochpiste durch ein schmales Tor in einem weiteren Stacheldrahtzaun, bewacht diesesmal von uzbekischen Uniformierten mit Gewehren, sowohl direkt an der Straße als auch ziemlich weit oben in einem Aussichtshäuschen. Auch hier wieder einmal Pass zeigen, in deutlich freundlichere Einreisegesichter blicken wie bei den Turkmenen und die zweite Hälfte bis zur Uzbekischen Grenzstation, ebenfalls eine mit Löchern übersähte Schotterpiste in Angriff nehmen.

Die uzbekische Grenzstation unterscheidet sich vom grundsätzlichen Aufbau wenig von anderen: auch hier muss ich wie alle LKW-Fahrer auch erst zu einem „Doktor“, der meine Temperatur misst und gewissenhaft wissen will, ob ich irgendwelche „health problems“ hätte. Natürlich nicht. Warum fragen die das auch ständig? Dann weiter den Pass stempeln lassen, um dann nach nochmaligem Vorzeigen meines Passes bei einem Uniformierten zu Fuss die letzten Meter im Freien zur Zollkontrolle für Fußgänger zu gehen. Hier bin ich nun wirklich der einzige, und der ziemlich verloren in diesem riesigen Raum wirkende Zöllner muss wegen mir nun erst mal das Licht einschalten. Auch hier wieder Zollerklärungen ausfülen, wenn auch dieses mal auf englischen Formularen und gleich zweifach, aber auch hier gibt es nette „Muster“, die einem erklären was denn nun drauf zu stehen hat. Jegliccher Betrag an Geld in jeglicher Währung? Nungut, das ist neu, aber man kann ja mal grob schätzen. Die Anzahl meiner Gepäckstücke? Auch das kenne ich so nicht, aber tu mir leicht dabei: zwei. Der Wert meines Gepäcks? Ohje, warum das denn? Das Muster sieht hier 50 Dollar für das Gepäck und 50 Dollar für ein Mobiltelefon vor. In meinen Augen reicht das nirgends hin, aber da mir der Aswirkung dieser Angabe nicht bekannt ist, ist all mein Hab und Gut in Usbekistan nun eben nur 100 Dollar wert. Ich werd es ja für diesen Preis hoffentlich nich verkaufen müssen.
Die Formulare fertig ausgefüllt darf ich nun mein Gepäck erstmal röntgen lassen. Irgendetwas scheint den Zöllner dann aber doch zu irritieren, und er zeigt mir das Bild meines kleinen Rucksacks während er mit dem Finger auf einen der vielleicht zehn Pixelflecken zeigt, die in SUmme meinen ganzen Rucksack darstellen sollen, und fragt was das sei. Ich habe mir die Antwort „einen Pixelfleck“ verkniffen, wusste aber dennoch selbst in keinster Weise, was das denn nun darstellen sollte. Ich wunderte mich mehr darüber wie jemand überhaupt da drin irgendetwas erkennen können sollte. Die Bilder die ich auf Flughäfen zum Teil erspähen konnte sind da doch deutlich besser und man erkennt im Gegensatz zu dem hier auch Gegenstände statt Pixelflecken. Aber gut, nachdem ich es selbst nicht wusste und die gemeinsame Sprache auch deutlich limitiert war, haben wir uns zu zeit an einen Tisch gesetzt um den verdächtigen Rucksack einfach mal auszuräumen. Was verbotenes oder gefährliches konnten wir beide nicht finden, aber meine doch beachtliche Sammlung an Kleingeld hat deutlich seine Neugierde geweckt. Es war offensichtlich, dieses Bündel Scheine (aus allen Ländern die ich auf dieser Reise durchkreuzt habe, sowie sämtliches Kleingeld das ich zuhause aus Ländern die ich potentiell noch auf meiner Route besuchen könnte) weckte nicht sein berufliches Interesse, sondern es war private Neugier. Also saßen wir dann, während wir gemeinsam Geldscheine aus aller Welt wie ein Fotoalbum angeschaut hatten an diesem kleinen Tisch neben dem Röntgenapparat. Danach war auch diese Durchsuchung beendet, ohne dass er auch nur ansatzweise bis zur ungewaschenen Unterwäsche vorgedrungen wäre. Hat er diese kleine Gemeinheit von mir vielleicht auf dem pixeligen Röntgenbild schon erkannt? Wie auch immer das sein mag, und was auch immer der gute (aber sehr freundliche) Herr bei deser Durchsuchen zu finden gedacht hat, ich darf mich auf den Weg machen, noch einmal Pass zeigen, noch ein mal in ein großes Buch eintragen lassen, und ich kanna uch die letzte uzbegische Grenzschranke hier hinter mir lassen. Die Sonne scheint inzwischen sogar, und während ich mir erstaunlich humorvollen Taxifahrern um den Preis in die nächste Stadt verhandele stelle ich fest: trotz Humor kann man absolut kein Verständniss für Preisverhandlungen an den Tag legen. Grenzen hier sind teuer, wissen diese lieben Transportdienstleister (mit ihren vermeintlichen Faminienautos) doch ganz genau, dass die Alternativen hier deutlich dünn gesäht sind. Mögen Grenzen per Zug manchmal auch noch so lange dauern und im Verhältniss zu südostasiatischen „normalen“ Grenzen beinahe als unangenehm empfunden werden, die vergleichbaren „normalen“ Grenzen hier zeigen ganz deutlich, welch Luxus so ein Zug über die Grenze eigentlich ist. Ich sollte mich bemühen zukünftig besser nicht mehr über Zuggrenzen zu lästern ;).

Samarqand: schon  dunkel, aber endlich da!

Samarqand: schon dunkel, aber endlich da!

Trotz alle dem, ich war auf dem Weg in die richtige Richtung. Die Sonne schien, der Stress um meine in Teheran besorgten Visen war definitiv nicht umsonst und ich war raus aus Turkmenistan. Ein deutliches befreites Gefühl hat sich breit gemacht, beinahe schon überheblich mit einem „alles ist zu schaffen, irgendwie“-Gefühl. Auf nach Bukhara, und auch wenn es dort sicherlich auch schön wäre direkt in einen Bus nach Samarkand umsteigen. Mein Fahrer ist tatsächlich so nett, mir noch den richtigen Bus zu finden und dafür zu sorgen, dass die auch alle wissen dass ich in Samarkand aussteigen will. Drei Tage Transit reichen leider nur für eine Stadt so wirklich.

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