drei Afghanen und ein Abendessen

 

Manchmal schimpfe ich über Reiseführer, manchmal lobe ich sie, meistens bin ich nicht ohne unterwegs, und viel zu oft verlasse ich mich komplett auf sie ohne darüber nachzudenken. Und ja, zumindest meistens klappt das erstaunlich gut. Ein Bündel Papier, ohne das Reisen in der Form, wenn man mal ganz ehrlich ist, wohl ziemlich schwierig bis ziemlich unmöglich wäre. Was würde man auch ohne diese rudimentären, meist als viel zu ungenau empfundenen Karten tun, die ihren Zweck dann eben doch erfüllen und einem auch mitten in der Nacht in einer fremden Stadt zumindest den Weg zu einer Unterkunft zeigen oder in total aufgebrachten Momenten aufzeigen, wo man Geld wechseln oder ein Internetcafe finden kann? Ja, am Ende ist es doch ein unverzichtbares Hilfsmittel in ziemlich vielen Reiseangelegenheiten, selbst wenn es manchmal (und manchmal noch öfter) nur als „grobe Richtungsangabe“ und weniger als „absolute Wegbeschreibung“ zu betrachten ist. Der Nachteil von so Papier ist natürlich, dass die Welt sich weiterbewegt, Dinge sich ändern und das Buch so bleibt wie es ist. Insofern ist es natürlich gefährlich, sich auf ein inzwischen über drei Jahre seit seiner Erscheinung altes Buch zu verlassen, auch wenn es (zumindest vor meiner Abreise) noch keine neueren zu kaufen gab. Und so kann es passieren dass ich hier eine ziemlich lange Einleitung zu einem ziemlich blöden Problem schreibe, und noch viel schlimmer: mich bei einem dreitages-Transitvisum zwei Nächte in Samarqand einmiete, getreu der Hoffnung dass es nur wenige Kilometer bis zur Grenze nach Tadschikistan sind. In dem Glauben bin ich heute morgen auch noch relativ entspannt zwar früh, aber nicht unangenehm früh aufgestanden, habe ich aller Ruhe gefrühstückt, mich mit einem Eimer heißem Wasser geduscht und erst ganz beiläufig beim bezahlen und auschecken dann erfahren, dass der von mir anvisierte Grenzübergang schon sein ein oder zwei Jahren komplett geschlossen ist.

Penjikent ist geschlossen. Das hat meine entspannte Ruhe dann doch innerhalb von Sekundenbruchteilen zerstört und mich ein wenig nervös gemacht. Es gibt somit nur noch zwei offene Grenzübergänge: einen weiter im Norden mit dem Namen Oybek, allerdings manövriere ich mich damit in eine ziemlich isolierte Ecke im Norden von Tadschikistan, die relativ unpraktisch ist wenn man denn nicht unbedingt gleich nach Kirgisistan hetzen oder per Inlandsflug nach Duschanbe über das Gebirge dazwischen will. Beides davon sagt mir gerade so ziemlich gar nicht zu, und so empfiehlt mir der nette Guesthouse-Typ den Übergang im Süden bei Denau. Das sind zwar „nur“ rund 170km Luftline von Samarqand, aber es liegt ziemlich viel Berg dazwischen, was einen ganz deutlichen Umweg nötig macht. Sechs Stunden schätzt er die Fahrt im Taxi. Öffentliche Verkehrsmittel? Ja, aber nur wenn man ein paar Tage Zeit hat wegen Zwischenstopps und umsteigen und so. Habe ich aber nicht, und so ist meine einzige Hoffnung der „Bidonka“ Taxistand ziemlich außerhalb von Samarqand.
Kaum dort angekommen wurde ich förmlichst überfallen. Ich wusste vom netten Guesthouse-Typ, dass ein Platz in einem „shared Taxi“ 25$ kosten wird. Wann so ein Sammeltaxi dann allerdings voll ist, ob es jemals voll wird und wann es fährt, das ist alles so eine Frage die einem im Vorfeld keiner beantworten kann. Ich habe aber nur noch ein Gedanke im Kopf: „es schon nach 9:30Uhr, plus sechs Stunden… ohjeohje, wie lange hat die Grenze wohl offen?“. Es wird ein Ausflug über die Berge werden, soviel steht fest. Die Autos sind alle nicht die neuesten, und mit drei uzbekischen Schränken von Männern und mir beladen ist Bodenfreiheit ein nicht mehr vorhandener Luxus. Geschwindigkeit den Berg hoch wohl auch. Nein, komme was da wolle, ich will heute Abend in Duschanbe in ein warmes Bett liegen, und nicht in Ungewissheit über die Summe an Dollar die ich am Taxi zwar gespart habe aber nun wohl den usbekischen Grenzern bezahlen muss bangen. Als im wahrsten Sinne des Wortes vier Taxifahrer an mir zerrten und fünf weitere mit irgendwelchen Preisen zwischen dreißig und achzig Euro für einen Platz in einem Sammeltaxi auf mich einschrien entschied ich mich für die versnobbte „Notlösung“. Ja, Taxifahrer (ach, auch hier wieder so reichlich relativ. Irgendwelche Typen mit Auto, die andere Leute für Geld durch die Gegend fahren halt) sind in Usbekistan wohl scharf auf Touristen, davon habe ich gelesen. Es geht dabei nicht mal unbedingt um das mehr an Geld das man denen womöglich abknöpfen kann, sondern vielmehr um die Polizei, oder „Militsia“ wie sie hier wie ich finde so passend heisst, die Polizeistaat-entsprechend grundlegend ziemlich willkürlich in Sachen Verkehrsrecht sein kann. Da Usbekistan wohl aber sein Image vor allem in Sachen Tourismus verbessern und deswegen Touristen bestmöglichst behandeln will, ist ein Tourist im Auto quasi schon ein Freischein durch ziemlich viele Polizeikontrollen. Ich bin also hier beinahe sowas wie ein Garant für eine relativ sorgenfreie (lange) Fahrt bis an die Grenze. Aber zurück zu meiner Notlösung. Warten hätte ich nicht ausgehalten, und so werde ich auf den Typ aufmerksam, der im Gegensatz zu den meisten anderen zwar erstmal den teuersten Preis von 100$ aufgerufen hat, allerdings dazu zu verstehen gegeben hat dass er nicht Sammeltaxi sondern nur mich fährt, nicht ganz so aufdringlich auf mich einschreit und einen durchaus symphatischen Eindruck macht. Ich erkläre ihm, oder besser: mangels gemeinsamer Sprache versuche ich ihm zu erklären dass ich es eilig habe und in dem Moment wo ich der Ansicht war er hat mich verstanden war genau das mein Mann. Dass er noch irgendwas aus anderen Taxen ein- und umladen musste bevor es losgeht war zwar nicht mein Plan, aber gut… es war erstmal okay, auch wenn ich mir da gegen später nicht mehr so sicher war.

usbekisches Nirgendwo

usbekisches Nirgendwo

Es ging nun also sechs Stunden per Taxi an die Grenze. Über die ganze Fahrt war ich mir nicht im geringsten sicher über die Öffnungzeiten der Grenzstationen, und auch mein Fahrer war mir bei der Frage keine Hilfe. Er war zwar wirklich freundlich und nett, mein erster Eindruck also nicht falsch, aber die dauerhafte Sprachbarriere in diesen Stans macht es nicht gerade leicht für mich. Schon allein unser Zwischenstopp war so ein Kommunikationsproblem: Zirka auf der halben Strecke höre ich von ihm ein fragendes „Chai?“ mit der Geste einer Teeschale, aus der er trinkt. Ja, eine kurze Pause ist eine gute Idee. Ich bräuchte dringend ein klein wenig Bewegung, und dass der arme Kerl sechs Stunden am Stück fährt halte ich, schon allein aufgrund meiner eigenen Sicherheit, auch für keine allzu gute Idee. Mein restliches usbekisches Geld dürfte auch noch gut für einen Tee reichen, und so halten wir irgendwo entlang der Straße. Dass mein Fahrer nun aber ein komplettes Essen für zwei bestellt, damit hätte ich nicht gerechnet, kann mich aber auch nicht schnell genug wehren. Das Problem kam dann mit der Rechnung: siebentausend und ein paar zerquetschte Som per Person. Meine dreitausend irgendwas haben dafür logischerweise nicht gereicht, und meine schönen 1$-Scheine wollte hier natürlich auch keiner haben. Am Ende hat mein Fahrer bezahlt, wenn er auch ein wenig unglücklich dabei aussah und ich ein deutlich schlechtes Gewissen hatte.
Abgesehen von den Verständigungsproblemen war es auch sonst eine eher zähe Fahrt. Viele der Straßen waren mehr Schotter als Piste, die relativ schlaglochfreien Kilometer auf Asphalt in Summe wohl eher die Ausnahme. Es war mal wieder bewölkt und grau, zumindest den ersten Teil der Fahrt. Danach ging es steil bergauf, aus dem bewölkt wurde erst dichter Nebel, dann Schnee, danach wieder Regen und nochmal Schnee. Auf den Schotterstraßen spritzte der Dreck in allen Richtungen, mehrfach mussten wir anhalten um ganz banal die Scheiben mal wieder vom gröbsten Dreck zu befreien. Ich wusste dass da ein Gebirge ist, dass es sich aber anfühlen würde wie einmal mitten im Winter quer über die Alpen nach Italien, damit hätte ich nicht im Ansatz gerechnet. Ich hätte auch nicht damit gerechnet irgendwo da oben, direkt neben der Straße meine erste Begegnung mit einer Horde leibhaftiger Geier zu machen, die einen mittlerweile undefinierbaren, aber doch beachtlich großen blutigen Fleischklops zerfleddern.
Vielleicht ist es ganz schön hier, vielleicht im Sommer, vielleicht mit nur ein wenig mehr Glück auch einfach an einem anderen Tag, wenn man nicht von Nebel in Schnee in Regen und zurück wechselt, man generell weiter sieht als fünfhundert Meter und dazu die Scheiben des Autos nicht grundsätzlich mit Dreck so eingesaut sind, dass man von den fünfhundert Metern theoretischer Sicht sowieso nicht mal mehr die Hälfte erkennt. Heute ist es allerdings im wesentlichen eines: in einem alten Chrysler sitzen und hoffen, dass man rechtzeitig an einer Grenze ankommt.

Kurz vor der Grenze, vielleicht war es Denau, hatte mein Fahrer dann aber wohl noch ein paar „Geschäfte“ zu tätigen. Nicht nur einmal haben wir angehalten um irgendwelche anderen Uzbeken zu treffen. Einmal wechselte ein kleine Paket in einer schwarzen Plastiktüte aus dem Kofferraum den Besitzer, ein anderes mal wurden zwanzig 100$-Scheine aus dem Handschuhfach gezaubert und jemandem übergeben, das nächste mal eine Plastiktüte mit Fladenbrot an einer Polizeistation abgegeben (?). Hier wird die Geschichte für mich so langsam komplett: Der Touristen-Freifahrtschein, das Umladen in Samarqand vor der Abfahrt… wer weiss, was da innerhalb der Transportdienstleistermaffia so läuft, aber theoretisch sollte ich nächstes mal Geld dafür verlangen, dass ich jemandem mit der Ehre des Touristenbonuses bis an die Grenze begleite.
Trotz allem, deal ist deal und ich gebe dem Kerl an der Grenze die abgemachten 100$. Die teuerste Taxifahrt die ich jemals im Urlaub hatte, aber auch bei weitem die längste. Für sechs Stunden über ein Gebirge eigentlich irgendwie ein fairer Preis, zumal der Kerl nun den ganzen Weg auch wieder zurück muss. Ja, in Usbekistan sind Gas und Benzin günstig, weil es im Land eigenes Öl und Gas gibt. Ich bin mir nicht zu 100% sicher, es ging zu schnell, aber ich meine 1 Liter Benzin liegt bei rund 700 Som, also grob 20 Cent. Wie auch immer, ich gebe ihm noch drei Dollar dazu, gebe ihm zu verstehen dass es für das Essen ist, und packe noch meine restlichen gut 3000 Som oben drauf, wechseln lohnt damit nicht wirklich und sonst habe ich auch keine Verwendung mehr dafür. Der Kerl ist offensichtlich deutlich überrascht und sehr angetan von dieser großzügigen Ehrlichkeit. Er bedankt sich mehrfach mit allen Dankesgesten die ich aus den Stans so kenne und wohl auch mit wohlwollenden Worten, die ich aber ausser dem Tonfall nicht verstehen kann.

Mein Reiseführer warnt deutlich vor diesem Grenzübergang: „long lines and other hassles are reportedly common on the Uzbek side“. Dass er also tatsächlich noch geöffnet hat als ich dort ankomme hat mich also zwar ein gutes Stück, aber noch nicht komplett beruhigt. Aber es fängt mal wieder an wie immer: viele Uniformierte, Schranken, Polizeihäuschen und ganz oft den Pass zeigen, bevor man überhaupt erstmal an die Grenzstation kommt. Dazu kommt noch, dass die Grenze gerade eine Baustelle ist. Sie hat zwar wohl auf, aber alles wird irgendwie renoviert: die Straße von der ersten Schranke zur Grnezstation existiert in dem Sinne nicht mehr. Dank Regen gibt es eine breite Fahrrinne im Boden, die nun ein einziges Matschloch ist, durch das man sich nun den Berg hoch kämpfen muss. Die Grenzstation ist voller Handwerker, Schilder existieren keine, Stehtische zum Formulare ausfüllen stehen gestapelt irgendwo im Eck unter einer Plastikplane. Es herrscht allgemein ein wenig Chaos, aber irgendwer ist so nett mir eines dieser Zollformulare zu organisieren. Ja, auch bei der Ausreise wollen es die Usbeken wieder genau wissen. All mein Hab und Gut ist immer noch nur 100 Dollar wert, das Geld ist irgendwie ein wenig weniger geworden, aber in Grunde kopiere ich (dieses mal in ein usbekisch beschriftetes Formular) einfach das Formular, das ich noch von der Einreise bei mir habe und versuche dann irgendwie das System zu durchschauen, mit dem die anderen (zum größten Teil wohl Tadschiken) hier anstehen. Nein, ich habe es nicht durchschaut, oder es gibt hier einfach unverschämte Drängler und Leute die sich nicht wehren. Als mich aber inmitten dieses Chaoses ein Uniformierter entdeckt und mit einem fragenden „Tourist?“ kurz klärt ob er richtig vermutet hat, werde ich kurzerhand an allen vorbeigeschleust. Ob mir das gefallen soll, darüber war ich mir in dem Moment in keinem Fall sicher, aber es war dann alles denkbarst einfach: „Germania?“ – „Da, Germania!“ – „Ohhh, Merseides Bens!“ – „Yes, and Baiarn Munich!“ – „Oh, Football good! Borussa Dohrdmund!“ – „Niet, wrong City!“. Und damit waren meine Zollformulare gestempelt und versorgt. Ich musste dann noch kurz mit nem anderen Zöllner zum Gepäck röntgen, aber er hat sich herzlich wenig für die Röntgenbilder interessiert: „Germania?“ – „Da, Germania.“ – „Ohh, Gitler, Gitler!“ (eine gewisse Bekanntschaft zu Russen ist hier von Vorteil um diese Aussage zu verstehen. Auch ich habe einen Moment gebraucht, aber dann fiel es mir ein: Russen fahren auch nach „Gamburg“, weil sie es anders wohl nicht aussprechen können) – „Niet! Bad Man. No good!“. Er lacht, und ich darf gehen. „Hassles“ habe ich also soweit definitiv keine erlebt.

Die Tadschiken, ein weiteres Stück Matschloch den Berg hoch, waren noch viel überraschter von mir als ich das je erwartet hätte. An der Schlange für die Einreisestempel werde ich hier direkt aussortiert, wieder mit dem fragenden „Tourist?“ – „da, Tourist.“ vorneweg. Der Uniformierte der mich gefunden hat, ist sich nun selber nicht so ganz sicher was mit mir anstellen. Irgendwie häuft sich die Ratlosigkeit der Grenzer in Bezug auf Touristen in letzter Zeit. Es kann doch nicht sein, dass Touristen hier derart rar sind? Ich mein… es gibt nen lonely planet, der die Grenzen hier auflistet (wenn auch manchmal welche die inzwischen nicht mehr existieren), es müssen hier also zwangsläufig Touristen vorbeikommen. Aber gut, er frag kurz bei seinen Kollegen nach, und die kommen dann zu dem Schluss „Major!“. Also folge ich dem Uniformierten zum Büro vom „Major“, das allerdings auf der Ausreiseseite liegt. Also einmal raus aus der Grenzstation, quer über die Straße und auf der anderen Seite wieder rein ins Haus. Auf diesem kurzen Weg waren bereits zwei Kollegen meines Begleiters mehr als aufgebracht über diese Vorgehensweise. Ich konnte natürlich dem wortlaut der Unterhaltung nicht folgen, aber die brasch vorgebrachte und aufgebrachte Frage der Uniformierten im Freien war doch recht eindeutig ein „heh, was soll der scheiß?“. Die Anwort enthielt beidesmal die Worte „Tourist“ und „Major“, woraufhin beim fragenden der strenge Gesichtsausdruck plötzlich einem ungläubigen Starren folgte.
Auch der Major war ein wenig überrascht in seinem Büro, in dem mehrere vermeindliche Tadschiken an seinem Schreibtisch wild argumentierten. Was auch immer die da wollten, der Major musste nun erstmal aufstehen, nach draussen verschwinden und erstmal iiiirgendwo ein Einreiseformular für Touristen auftreiben. Ja, ich kam mir schon ein wenig vor wie im falschen Film. Ich kann es kaum fassen, was für ein eigenartiges Ereigniss ich hier schon wieder dargestellt habe.
Das Einreiseformular längst ausgefüllt war der Major immernoch deutlich beschäftigt mit irgendwelchen „Sorgenfällen“, als neben mir mich jemand in quasi perfektem englisch anspricht und meint ich solle mir keine Gedanken machen, das sei ganz normal hier. Erstaunt über die Sprache Frage ich ihn was er hier macht, und er erklärt mir dass er in Duschanbe arbeitet und ein Visum mit mehrfacher Einreise hat, was die Grenzer hier allerdings so nicht ganz verstehen und ihm gerade versuchen die zweite Einreise zu verweigern. Aber er sei zuversichtlich. Und siehe da: der Major konnte nach ein paar Telefonaten auch dieses Problem lösen. Der Kerl neben mir spricht tatsächlich tadschikisch mit ihm (zumindest ist es eindeutig weder russisch noch englisch), was mich dann auch wieder irgendwie erstaunt, aber ich habe keine Zeit nachzufragen: der Major will sich nun um mich kümmern. „Termiz – Duschanbe?“ fragt er mich. „Niet, SamarqandDuschanbe.“ – „Ahh, Samarqand!“. Und ich habe meinen Stempel und darf weitergehen. Im dunkeln, weiter dem Berg hoch zur Zollstation. Es ist inzwischen wirklich dunkel, und ich wirklich froh über eine Taschenlampe. Es regnet schon wieder oder immer noch, so sicher bin ich mir selbst schon nicht mehr, aber ich finde dann doch den Weg durch ein paar Reihen parkender LKWs zum Zoll. Der Zoll will nichts von mir? So garnichts? Keine Unterwäsche durchsuchen, keine Geldscheine anschauen? Nein? Nungut, dann heißt es jetzt ganz offiziell: Hallo Tadschikistan, und Hallo Ihr lieben Transportdienstleister!

Auch hier sind Taxifahrer wieder irgendwelche schrägen Typen, auch hier heißt es zunächst mal: Sammeltaxi zum Preis von 15$. Komischerweise hat das mit dem Sammeltaxi aber noch nie geklappt… Tadschiken kennen wohl einen besseren Weg, vorbei an dieser Maffia, und sonst kommt keiner mehr der so blöd wäre wie ich. Nungut, schlussendlich einigen wir uns auf gut 30$ für eine EInzelfahrt, ich werde in ein Auto mit einem Typ gesetzt, mit dem ich mich absolut garnicht verständigen kann und los gehts. Abgezockt. Aber wie clever ist doch bemerkenswert: Wir fahren zunächst vielleicht 15 Minuten bis in die nächste, kleinere Stadt und nicht nach Duschanbe in einem alten Astra. Hier muss mein Fahrer kurz anhalten, um mit irgendwelchen Bekannten (?) am Straßenrand zu plaudern, um kurz danach ein oder zwei Kilometer weiter zu fahren. Plötzlich wird er langsamer, schaltet den Warnblinker ein und hält rechts am Strasserand. Ein wenig zu auffällig betätigt er nun irgendeinen Schalter links unterhalb vom Lenkrad, versucht das Auto neu zu starten und welch Zufall… es springt nicht mehr an. Aber so ganz zufällig steht hinter uns gerade ein alter Mercedes, der nach Duschanbe fährt und in dem außer dem Fahrer erst zwei Leute sitzen. Es wird kurz Geld übergeben, ich lade mein Gepäck wohl wissentlich dass hier was schief läuft aber aufgrund der Sprachgeschichte unfähig mich wirklich zu wehren um und steige hinter dem Beifahrer ein. Drei Jungs sitzen in dem Auto, der Fahrer vielleicht knapp über zwanzig, die anderen beiden vielleicht Mitte zwanzig. Es dauert ein paar Kilometer, bis ich erkenne wer da auf dem Beifahrersitz sitzt: Es ist der englisch sprechende Typ aus der Grenzstation, der mich erstmal in der Dunkelheit und inzwischen ohne Mütze nicht erkannt hat.
Während der Fahrt stellt sich nun heraus, dass er sechs Dollar für die Fahrt von kurz hinter der Grenze bis nach Duschanbe bezahlt. Er hat auch herausgefunden, dass der Fahrer fünf Dollar dafür bekommen hat, mich die restlichen gut zwei Stunden nach Duschanbe zu fahren. Bleiben also fast 30$ für die Grenztransportdienstleistermaffia. Mein neuer Fahrer ist wenig amused, fühlt er sich doch nun auch über den Tisch gezogen. Vielleicht beschwert er sich ja noch, irgendwie hoffe ich das ja.

Natürlich hat meinem neuen Fahrer auch niemand gesagt, wo ich in Duschanbe denn genau hin will, ich kannte nur den Namen des Hotels mit dem er aber wieder nichts anfangen konnte. Ein wahres Glück den englisch sprechenden Beifahrer zu haben. Es spielte auch weniger eine Rolle, denn so ganz kurzfristig wurde ich von ihm auf ein Abendessen eingeladen. Der Tag war zwar schon lange genug, aber es war ein netter Kerl und ich ganz froh um die Einladung. Er müsse nur kurz im Büro vorbei, dann würden wir was essen gehen und er bringt mich dann ins Hotel. Nungut, klingt ja nicht schlecht. Das Büro war dann erstaunlich luxuriös, und seine zwei Kollegen saßen da bereits und haben auf ihn gewartet. Habe ich schon erwähnt dass der Kerl Afghane ist? Nein? Nun, er und seine zwei Kollegen (ebenfalls aus Afghanistan) die ich kennenlernen durfte betreiben in Duschanbe eine Baufirma mit rund siebzig afghanischen Bauarbeitern. Mich hat das sehr verwirrt, habe ich doch schon gelesen dass viele Tadschiken in Russland vor allem in der Baubranche tätig sind, um mehr Geld zu verdienen das sie dann nach Hause schicken können. Offensichtlich sind das so viele, dass es nun Leute aus Afghanistan braucht, um in Tadschikistan zu bauen. Wie auch immer, von diesem recht luxuriösen Büro einer afghanischen Baufirma wechseln wir nun in sein Auto, einen brandneuen Toyota LandCruiser mit allem Schnickschnack um in einem für mich völlig unfassbaren Luxus durch die nächtlichen Straßen von Duschanbe zu cruisen. Drei Afghanen und ich in einem Luxusauto in Duschanbe, hätte mir das heute morgen jemand erzählt wäre meine einzige Erklärung dafür eine gar fürchterliche Entführung gewesen. Aber nein, wir sind auf dem Weg zu einem Abendessen in einem recht schicken Restaurant, was in mir die Erinnerung an das Mittagessen und Geldproblem geweckt hat. Aber nein, es war völlig ausgeschlossen dass ich auch nur im Ansatz daran denken durfte irgendetwas zu bezahlen, und es war ein reines Festmahl: Platten mit Gemüse, eingelegtem Zeug, Zwiebelringen, Schaschlik, einen ganzen Korb mit ganz frischem und warmem Non (ein rundes Brot, das nebenbei hier tausendmal besser als in Usbekistan schmeckt), Salat und Tee.
Gegen Ende kam dann die Einladung: Einer seiner Kollegen müsse in ein paar Tagen zurück nach Afghanistan, ob ich mitkommen wollen würde, er würde auch gut auf mich Acht geben. Ich glaube ihm das aufs Wort, aber weder will ich dass daheim irgendwer graue Haare vor Sorge bekommt, noch würde ich rechtzeitig (oder überhaupt?) ein Visum bekommen. Wird also nichts werden. Nachdem ich für jederzeit in deren Büro eingeladen und mit deren Visitenkarte ausgestattet wurde, sie sich zehn mal entschuldigt haben dass ich gerne bei Ihnen in einem Gästezimmer wohnen könnte, das aber wegen der Polizei und Registrierung mir wohl Ärger bereiten würde, sie mich ins Hotel gefahren haben und sicher gingen dass ich mein Hotelzimmer bekommen habe war ich mir sicher: Irgendwann, wenn es eben sicherheitstechnisch geht, will ich nach Afghanistan. Sicherlich ist das ein wunderbares Reiseland mit toller Landschaft, angenehmem Wetter und wenn die auch nur halb so nett sind wie die drei hier gar wunderbaren Leuten.

Elf Uhr in Duschanbe. Resume? Viel zu viel Taxi heute. Grenzen können beinahe unterhaltsam sein. Ein Glück, dass ich in den Afghanen gerannt bin. Ich habe drei Grenzen in unter einer Woche überqueren müssen. Es ist an der Zeit, hier eine kleine Pause einzulegen.

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