Erholungspause?

 

Ein wenig verwundert bin ich inzwischen ja schon, was für einen riesigen Unterschied hier drei Länder mit irgendwie doch leicht gemeinsamer Vergangenheit auf so geringer Fläche tatsächlich machen können. Okay, ich muss heute feststellen ich war bisher denkbar schlecht vorbereitet. Wusste ich über den Iran doch noch ein wenig Bescheid, hatte zum Beispiel schon vorher im Kopf dass ich dort an meine Konten nicht ran kommen werde und genug Bargeld in der Tasche, habe ich vieles über die Stans erst quasi hinter der jeweiligen Grenze im Reiseführer nachgelesen. Ich hatte keine Vorstellung, was mich in Turkmenistan erwarten würde (wobei das auch der Reiseführer nicht in der Form beschrieben hätte wie ich es erlebt habe), hatte keine Idee was „Usbekistan“ in der Realität bedeutet. Ein wenig blauäugig bin ich losgezogen und habe mich überraschen lassen. Damit zum Beispiel, dass ich in Turkmenistan faktisch keinen Internetzugang finden werde. Damit, dass es in Usbekistan quasi nur Kleingeld und eine große Differenz zwischen des offiziellen und des Schwarzmarkt-Wechselkurses gibt. Damit, dass ich als Tourist über weite Strecken wohl den gleichen Seltenheitsfaktor wie ein grünhäutier Alien habe. Damit, dass ich auch in diesen beiden Ländern faktisch nicht an Geld über meine praktischen Plastikkärtchen komme und Euros trotz theoretischer Akzeptanz an Wechselstuben grundlegend zurückgewiesen werden. Ja, ich hatte ziemliches Glück, dass ich für den Iran ausreichend Reserven einkalkuliert habe, die mich nun durch die ersten beiden Stans gebracht haben.

Ein Denkmal fuer Ismoil Somoni, "Vater der Nation"

Ein Denkmal fuer Ismoil Somoni,
„Vater der Nation“

Eine wirklich angenehme Überraschung stellt in all diesen Dingen daher gerade Tadschikistan für mich dar. Es gibt zumindest hier in Duschanbe plötzlich wieder Automaten die gewillt sind mir Geld auszuzahlen, und das teilweise sogar wie ich will in Dollar oder lokalen Somani. Es gibt Internet, so richtig mit ohne merklicher Zensur. Es gibt Märkte, die wirklich alles mögliche und unmögliche von Gemüse über Brot, hin zu Kleidung, Geschirr, Töpfen, Eisenwaren, Elektrozeug und Schuhen anbieten, genauso wie bequeme Supermärkte mit einer Auswahl, die ich seit der Türkei nirgends mehr gesehen habe. Duschanbe zeigt sich dabei irgendwie trotz seiner relativen Größe weiterhin als ruhige Kleinstadt, es gibt viel (der Jahreszeit entsprechend relativ) grün, viele Straßen sind als breite Alleen angelegt und es gibt zahlreiche Parks in denen man angenehm in der Sonne sitzend seine Zeit vertrödeln kann. Soweit ein wirklich angenehmer Ort um ein wenig zu entspannen.

noch ein Denkmal in Duschanbe.  (die stehen ziemlich drauf, irgendwie)

noch ein Denkmal in Duschanbe.
(die stehen ziemlich drauf, irgendwie)

Gut, es gibt da auch eine kleine Kehrseite. Das Hotelbusiness hier ist etwas zweigeteilt: es gibt ein paar billige Absteigen, der Art wie ich meine erste Nacht nach der Ankunft hier verbracht habe: ein alter Sovjet-Kasten, drei Stockwerke, rechteckig aus Beton und möglichst praktisch. Soweit noch nichts schlimmes, wäre da nicht die Tatsache, dass sich die Balkontür nicht wirklich verschließen lässt und die sicherlich schon einige Jahrzehnte alten Fenster maximal als Schutz vor Vögeln im Raum dienen. Dass Toiletten und Duschen ausserhalb liegen und mit den Zimmernachbarn geteilt werden müssen, das ist dabei noch gar nicht das Problem. Kurzum: es ist ziemlich zugig, und Heizung in diesem Land ein wohl unangemessener Luxus. Die Temperatur beträgt also hier innen quasi gleich viele Minusgrade wie draussen, und wenn man im Bett liegend mal seinen Atem sehen kann, die dünne Bettdecke bei weitem nicht ausreicht und man eine ganze Nacht friert, dann stellt sich schon mal die Frage nach den Alternativen. Die sind aber rar gesäht wenn man nicht gerade für einen dreistelligen Dollarbetrag in ein neues viersterne Haus einchecken mag, und das „Mittelfeld“ muss deutlich gesucht werden. Nachdem ich gestern einen halben Tag dafür aufgebracht habe, die Stadt nach einer geeigneten Bleibe zu durchsuchen, endete ich mit immer noch nicht wirklich beheizten Räumen, dafür einem bequemem Bett mit zwei dicken Decken, einem vorgelagerten Wohnzimmer mit nicht funktionierendem Fernseher, einem eigenen Bad mit chinesischem Duschtempel der ausser der angenehmen und inzwischen fast seltenen Überraschung von wirklich heißem Wasser und zahlreichen funktionslosen weil verkalkten Düsen mit so nutzlosen Gimmiks wie Licht, Radio und Lüftung aufwartet. Internet gibt es hier wie fast überall in der unteren Preiskategorie keines, was aber mehr daran liegt dass der Anschluss „gerade kaputt“ ist, als an einer grundsätzlichen Abneigung gegenüber diesem Thema. Macht dann vertretbare dreißig Dollar die Nacht, immerhin ist ja absolute Nebensaison. Saison? Gibt es sowas hier wirklich?

hier wird Tadschikistan wohl regiert

hier wird Tadschikistan wohl regiert

Ein weiteres Problem hier: Transport. Auch Duschanbe baut auf die Stan-übliche Taxitaktik, die zwar an sich ziemlich praktisch und aus Umweltsgesichtspunkten irgendwie auch löblich ist, fahren doch kaum Autos mit weniger als drei Personen an Bord durch die Stadt, aber für mich als weder-russisch-noch-tadschikisch-sprechender Tourist bleibt diese Art des Transports aufgrund der Sprachprobleme so ziemlich verschlossen.
LeiderLeider scheint sich dieses Problem auch weiter durch das Land zu ziehen: Ein Ausflug (zu Fuß) an den Bahnhof und lustiger halbrussischer Kommunikation mit einer sehr bemühten Ticketfrau brachte heute die Erkenntnis, dass trotz einiger Gleise die hier durch das Land liegen der einzige Personenzug in Tadschikistan die Strecke von Duschanbe nach „Moskva“ fährt. Moskau? Nein, das war nicht so ganz mein Ziel.
Auch Fernverkehrs-Busse sind, wohl bedingt durch die ausnahmslos ziemlich desolaten Straßen, faktisch nicht existent. Der gesamte Transport in diesem Land zwischen den Städten beruht auf Privaten Transportdienstleistern, die entweder in ihren alten russischen Allradkisten oder, sofern die Strecke nicht allzu bergig wird, in anderswo wohl ausgemusterten japanischen Minibussen dann losfahren wenn alle Sitze belegt sind. Die alte Sammeltaxitaktik eben. Ein Abenteuer vor dem ich derzeit wegen meinem allgegenwärtigen Mangel an der russischen Sprache in den Stans irgendwie noch zurück schrecke.

die beste Investition von 90 Cent seit langem!

die beste Investition von 90 Cent seit langem!

Ja, irgendwie bin ich gerade noch ein wenig wirr, merkt man wohl auch an meinem Textaufbau. Einerseits habe ich jetzt nach all der Hektik hier her zwei Tage Entspannung so ziemlich genossen. Ich habe mich ein wenig mit der neuen, deutlich kälteren Umgebung angefreundet und in einem ausgiebigen Ausflug durch eine komplett fremde Stadt als aller erstes das Ziel „Tauchsieder“ verfolgt. Es mag vielleicht banal klingen, aber für mich war das gestern schon ein wahres Highlight. Es war so kalt, ich habe die ganze Nacht gefroren, und irgendwie scheint hier in Hotels immer noch der Kühlschrank weit vor dem Wasserkocher auffindbar zu sein. Wozu auch immer der gut sein soll, und wer auch immer auf die Idee kam ein Kühlschrank auf dem Hotelzimmer sei ein Stück nützlicher Luxus, für mich ist das gerade völlig unbrauchbar. Weder habe ich Dinge bei mir die gekühlt werden müssen, noch würde es ihnen bei den derzeitigen Temperaturen schaden offen im Hotelzimmer zu liegen.

noch ein Denkmal, hier fuer Rudaki,  ein persischer Poet

noch ein Denkmal, hier fuer Rudaki, ein persischer Po et

die wahren Mosaik-Meister !?

die wahren Mosaik-Meister !?

Also war mein zweites Ziel gestern, direkt nach dem neuen Schlafplatz, irgendwie zumindest für eine dauerhafte und zuverlässige Versorgung an wenigstens warmem Tee zu sorgen. Ein Tauchsieder musste also her, auch wenn ich keine Idee hatte wie ich das bewerkstelligen soll. Es war auch nicht ganz so einfach (die liebe Sprache mal wieder), aber nachdem ich quer durch die Stadt erstmal einen dieser gut sortierten Märkte gefunden hatte, stellte sich heraus dass Tadschiken deutliche Freunde von Pantomimen und sehr geduldige Menschen sind. Ich kannte nur ein Wort, das im entferntesten mit Tauchsieder zu tun hat und verstanden wird: Chai (Tee). Mit diesem einen Wort und zwei Händen hat es zwar einen kleinen Moment gedauert, aber ich konnte im Eck mit den Haushaltswaren auf dem Markt tatsächlich einem netten Kerl erklären was ich suche und er mir ein paar Stände weiter bei einem seiner Kollegen einen Tauchsieder zeigen. Ich kann gar nicht wirklich beschreiben, was so eine Kleinigkeit für ein Erfolgserlebnis darstellen kann. Ich besitze nun einen Tauchsieder, eine Blechtasse und eine Flasche Wasser (damit macht auch endlich der bulgarische Tee samt der Flasche Honig Sinn, die seit langer langer Zeit irgendwo in den Untiefen meines Rucksacks vergraben liegen), komme da nun ein Hotelzimmer so kalt es auch immer sein will, ich habe warmen Tee. Und was soll mit warmem Tee schon noch schief gehen? Ich glaube ich war noch nie so froh über ein Stück billigster China-Ware für neunzig cent.

mit 165m derzeit der Rekord in Sachen Fahnenmasthoehe. Die Fahne hat passende 30 mal 60 Meter, und irgendwo habe ich etwas von 700kg gelesen.

mit 165m der Rekord in Sachen Fahnenmasthoehe. Die Fahne misst 30m auf 60m, und irgendwo habe ich etwas von 700kg gelesen.

Wo war ich eigentlich? Achja, bei meiner Reiseverwirrung. Oder Unsicherheit. Oder wie man es auch immer nennen mag… Ich mag mich gerade wirklich nicht schon wieder einen ganzen Tag in irgendein Auto oder enges Sammeltaxi setzen, um durch irgendwelche unwirtliche Gegenden irgendwo hin zu hetzen ohne zu wissen wie und ob ich weiter komme. Auch meine Ursprüngliche Idee auf dem „Pamir Highway“ quer durchs Pamir-Gebirge nach Kirgisistan weiter zu reisen, oder zumindest den Versuch zu starten ob die derzeitige Wetter- und Schneelage dies zulässt mag mir aus diesem Grund gerade so gar nicht mehr gefallen. Ich scheue mich inzwischen wirklich vor diesen Sammeltaxis ebenso wie vor teurem Einzelprivattransport.
Ich denke ich sollte erstmal meine Pause in Duschanbe ein wenig verlängern, mich selbst ein wenig sammeln und mich vielleicht ein wenig an den Gedanken gewöhnen dass hier kein anderer Weg weiter führen wird.

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