Berge, Tunnel, Taxen…

 

Was macht nochmal Tadschikistan aus? So rein touristisch betrachtet waren das die Berge. Und die Berge. Und nicht zu vergessen: noch mehr Berge. Wenn man nun so wie ich in einem Tal zwischen Bergen sitzt und eigentlich weg von den Bergen mag, weil sowieso viel zu viel Schnee und viel zu kalt um diese Jahreszeit, dann bedeutet „raus aus den Bergen“ erstmal „rauf auf die Berge“. Einen anderen Ausweg gibt es schlichtweg keinen. Okay, den Weg zurück nach Usbekistan, aber davon abgesehen dass „zurück“ sich nie gut anfühlt ist das schon rein Visum-technisch keine Option. Also zwangsweise: Berge. Nachdem das zentrale Pamir-Gebirge im Osten schon gestern als Option gestrichen wurde und als kurzer Weg hier heraus sowieso nichts taugt, ist der Plan nun über den „kleinen“ Ausleger davon, das Fan-Gebirge im Norden zu flüchten.
Klein, wie relativ das doch so plötzlich geworden ist… das Fan-Gebirge besitzt nicht nur einen fünftausender, laut Wikipedia sind es mindestens sieben. Die Alpen? ehm… keinen. 4810 Meter bietet der Mont Blanc, aber dann ist auch schon Ende. In meiner Welt waren bis vor kurzem die Alpen noch ein unsagbar großes Gebirge, massiv und noch vom Himalaya oder irgendwelchen mir unbekannten Kanadischen Gebirgen übertroffen. Auch wenn jemand von Gebirgspass gesprochen hat, war mein Gedanke vielleicht noch „San Bernhadino, kenn ich“. Was wirkliche Gebirgspässe sind, glaube ich heute noch nicht mal im Ansatz in meinen Vorstellungen irgendwo finden zu können, kann der persönliche Horizont doch manchmal eben doch recht kurzsichtig sein. Ja, es ist schwer so etwas in Text zu fassen, aber ich hoffe die Relationen sind damit zumindest irgendwie ein ganz klein wenig angedeutet und ich kann mit der eigentlichen Geschichte beginnen.

Also, nach Plan kommt umsetzung und ich mache mich am frühen Mogen auf den Weg. Wohin? einfach mal die Hauptstrasse nach Norden. Soviel habe ich dann jetzt schon gelernt: Wenn man transportiert werden mag, begibt man sich erst mal an den Ortsausgang, der in die passende Richtung zum Ziel liegt. Kurz vor dem Ortsschild quasi, da stehen dann die so genannten „Sammeltaxen“ und warten auf Kundschaft, meist kaum zu überhören we20131229-014507.jpgil permanent und beinahe aufdringlich jedem vorbeikommenden lautstark verschiedene Fahrziele an den Kopf geschmettert werden. Chudschand für 120 Geld? Ich bin dabei. Oh, wir fahren in einem Geländewagen? Ehm… ich hatte keine Ahnung was mich erwarten würde, aber ich habe schon erlebt auf was für „Straßen“ hier ohne Geländewagen gefahren wird als wäre es das normalste auf der Welt. Ja, okay… hilft ja nix, irgendwie muss ich ja hier weg. Ein Geländewagen also. Aber erst mal warten, bislang gibt es erst zwei Fahrgäste und los gehts bekanntermaßen erst wenn das Auto voll ist. Ein paar Minuten später stehen vie Leute um das Auto. „Perfekt“ dachte ich, „das ging ja erstaunlich schnell“, auch wenn ich mich schon gewundert habe wie zwei der beinahe russischen Schränke von Tadschiken und ich uns die eigentlich für zwei ausgelebten Plätze auf der Rücksitzbank teilen werden. Aber zu meinem Erstaunen: es ging noch nicht los, ich habe mich zu früh gefreut. Ein Viersitzer ist mit fünf Personen noch nicht voll, denn es gibt da ja noch einen Kofferraum in den auch nochmal drei Leute passen, hätte ich mir ja auch denken können.

Mit sieben Fahrgästen plus Fahrer war dann aber auch in tadschikischer Definition das Auto voll. In meiner Definition randvoll. Ich habe den Platz rechts außen hinter dem Beifahrer, ein alter Mann mit grauem Bart, mulismischem Käppchen auf dem Kopf und in einem traditionellen langen, schwarzen Mantel. Ein Mann, der aus Respektgründen schon aus Prinzip immer auf dem besten Platz fahren darf. Neben mir sitzen zwei Männer, ich schätze sie so grob auf mitte Vierzig. Obwohl ich bei wietem nicht schmächtig bin und auch nicht gerade schmale Schultern habe, ich wirke neben den beiden ziemlich zierlich. Die Türe muss doch tatsächlich jemand von aussen zudrücken, uns quasi von aussen auf der Rücksitzbank komprimieren. Kuschelig ist es. Im Kofferraum hinter mir sitzen drei Jungs mitte zwanzig, weit schmaler aber weil ein Kofferraum eben ein Kofferraum ist, haben die dort auch nicht mehr Freiraum. Einen Vorteil könnte diese kuschelige Konstellation allerdings haben: frieren dürfte in diesem Auto so schnell keiner.

Zunächst muss ich feststellen, dass die Straßen, so um 2009 von den Chinesen ein wenig aufgehübscht und mit ausschliesslich chinesisch beschrifteten Mautstaionen versehen gar keinen allzu schlechten Eindruck gemacht haben. Gut, so ein San Bernhadrino ist im Vergleich noch immer eine ganz andere Dimension, die sich mein tadschikischer Fahrer in seiner Weltwohl genau so wenig vorstellen kann wie ich mir diese Berge hier, aber dennoch, so wirklich Geländewagen hätte erst mal nicht sein müssen. Gut, das mit dem chinesisch und so, das mag ich so noch nicht stehen lassen, finde ich es doch ein wenig arg schräg, wenn nicht irgendwo sogar ein wenig bedenklich. Mir ist es, vorallem weil die Chinesen ja doch ein wenig den Drang haben, ihre Staatsgrenzen auszuweiten, irgendwie ein ziemliches Rätsel wie irgendjemand zulassen kann, dass hier alles derart verchinesifiziert wird. Mal als blödes Beispiel: Man stelle sich vor, deutsche Strassenbaufirmen würden in Polen, nicht weit hinter der Grenze Autobahnen renovieren. So weit ja nichts verwerfliches. Aber jetzt braucht so ne Autobahn ja noch Schilder. AUsfahrten, Ortsnamen… den üblichen Kram. Polen hin oder Polen her, man stelle sich mal vor die deutsche Firma würde das jetzt einfach mal alles ausschliesslich in deutsch beschildern. Und weil noch ein paar Schilder über sind, bekommen einige Orte entlang dieser Autobahn gleich noch deutsche Ortsschilder verpasst. Natürlich muss sich so eine Investition lohnen, keine Frage, deswegen werden Mautstationen gebaut. Die Auomaten, Belege, Schilder… einfach alles wird auch hier der Konsequenz wegen in deutsch gehalten. Gut, zwischen Deutschland und China gibt es jetzt vielleicht noch gewisse Unterschiede, aber würde das nicht irgendwer irgendwann mal komisch finden? Ich persönlich finde es hier mit den Chinesen überordentlich suspekt.
20131229-011819.jpg20131229-011811.jpgAber gut, ich möchte das hier nicht weiter ausbreiten. Wo war ich stehen geblieben? Beim Geländewagen. Ein etwas betagtes japanisches oder koreanisches Fabrikat, so ganz schlüssig bin ich an der Stelle aus der Beschriftung nicht geworden. Spielt auch kaum eine Rolle, denn am Ende war das Ding vorallem eins: schlecht gefedert und zugig dank porösen Dichtungen. Das mit dem kuschelig warm war also schonmal nichts. Schlimmer hat es allerdings die Jungs im Kofferraum getroffen, wobei vorallem einer zunehmend immer übler aussah. Klar, Serpentinen den Berg hoch ist das eine. Quasi ohne relevante Sicht nach draußen dank intensivst getönten Scheiben im Kofferraum sitzend ist das andere. Beides in Kombination kann dann aber schon mal auf den Magen schlagen, und dann auch eine ungelante und ziemlich spontane Pause am Berg bedingen. Ich muss zugeben, ein wenig egositisch war ich ziemlich dankbar für eine kurze Pause. Beine ausstrecken klang nach Wohltat, und ein oder zwei Fotos wären sicherlich auch ganz hübsch von hier. Fotos aus eingedreckten, getönten und gleichzeitig fahrenden Sammeltaxen zu schießen, das habe ich inzwischen doch verzweifelt aufgeben müssen. Voller Begeisterung zieh ich also am Hebel der Tür, spüre wie der Druck an meiner Hüfte und den Schultern nachlässt, freue mich über die frische Luft, setze einen Fuß nach draußen und… versinke erstmal hüfttief im Schnee. Blöder zugeschniehener Straßengraben aber auch, so war das nicht geplant. Auch der Mann mit dem weißen Bart fiel kurz danach auf die gleiche Falle herrein, nur dass er bis zum Bauchnabel im Schnee steckte. Eine gar kuschelige und mich selbst überschätzende „warte, ich zieh Dich da raus“- Aktion von mir später hatte ich wieder einen neuen Freund, aber leider auch ziemlich kalte Beine und reichlich Schnee in den Schuhen. Nunja, aber ich habe zwei Fotos. Und mich ein wenig bewegt. Also das Ziel doch irgendwie erreicht.

20131229-011843.jpg20131229-011831.jpgSo eine Fahrt in einem Auto über die Berge ist aber unterm Strich dann eben doch eine eher langweilige Angelegenheit, zumindest in Textform. Gut, der Geländewagen ist schon eine spannende Transportmethode, der inzwischen regelmäßig hinter mir in Plastiktüten kotzende Tadschike wohl nicht ganz normal, aber der wriklich spannende Teil der Route kam dann doch ziemlich unverhofft hinter einer Kurve, irgendwo ziemlich weit oben mitten in den verschniehenen Gipfeln. Es handelte sich um ein dunkles Loch in der Wand. Ein Tunnel auf den ersten Blick, aber wie ich im Nachhinein gelernt habe der von dn tadschiken gerne „Tunnel des Todes“ genannte Anzob-Tunnel. „Tunnel“… pff… habe ich nicht irgendetwas über Relationen geschrieben? Das DIng ist etwas mehr als 5 Kilometer lang. Jaja, der Pfändertunnel ist länger. Aber er hat auch Licht, ne Straße und eine Lüftung. Der Anzob-Tunnel dagegen ist ein Loch. Ein dunkles Loch, in das man direkt nach passieren des Tunneleingangs fällt, und das so fast wortwörtlich. Der Weg liegt hier erstmal nen halben Meter tiefer als die Straße draussen, und es handelt sich lediglich um einen unbefestigten Schotterweg. Ein Schotterweg mit Schlaglöchern in Dimensionen, die nun auch eindeutig den Bedarf an Geländewagen und das aktivieren des Allradantriebs vor dem Tunnel erklären. Es wird ziemlich schnell ziemlich dunkel hier drin, denn eine wirkliche Beleuchtung gibt es nicht. Alle paar hundert Meter hängt mal eine provisorische Glühbirne an der Wand, die taugt aber maximal zu Orientierung in dem immer dichter werdenden Gemisch aus Staub und Abgasen das in diesem Tunnel ohne Lüftung hängt.
So wirklich unangenehm ist aber die absolute Wissenslosigkeit, wenn man als Fahrgast hinten in einen Geländewagen gepresst in diesem Tunnel unterwegs ist. Keiner hätte mir sagen können wie lange der Tunnel ist. Es gab auch keine Schilder die das angezeigt hätten. Also sitzt man im dunkeln, die Sicht beträgt trotz eingeschaltetem Fernlicht maximal hundert Meter nach vorne. Weder nach hinten noch nach vorne ist irgendein Licht zu erkennen, das das Ende dieses Tunnels ankündigen würde. Es schüttelt wie verrückt, denn stellenweise dringt recihlich Wasser in den Tunnel und versteckt riesige Schlaglöcher ganz gerne mal unter unscheinbaren Pfützen. Ob hinter mir nun zwei Tadschiken Plastiktüten füllen? Es klingt so verdächtig, sicher sagen kann ich das aber nicht.
Es gibt auch Gedanken, die man hier am besten ganz schnell wieder verdrängt. Die meisten fangen mit „was wäre jetzt, wenn…“ an. Denn dass es hier keinen Rettungstunnel, keine Notausgänge und keinen Fluchtweg gibt, das weiss man auch ohne Licht ziemlich sicher. Vielleicht wäre es auch ganz hilfreich gewesen, vorher die Länge des Lochs zu kennen, man hätte zumindest abschätzen können wie lange die Fahrt da durch wohl dauern wird. Abwechslungsweise auf die Uhr im Armaturenbrett und in die FIntsterniss des Tunnels zu starren, in der Hoffnung irgendwo einen Lichtschimmer erkennen zu können, das kann eine gute halbe Stunde in eine halbe Ewigkeit verwandeln.
Ein wahres Meisterwerk dieser Tunnel, aber von kaum schätzbaren Wert. „Eröffnet“ wurde er erst 2006 und ist bis heute „im Bau“, aber im Winter ist dieser Tunnel der einzige Weg der Nord- und Südtadschikistan das ganze Jahr miteinander verbindet. Ein paar Wochen im Sommer gibt es einen Pass über dem Tunnel, den Rest des Jahres ist der allerdings wegen Schnee nicht befahrbar. Andersherum: Der Verkehr zwischen den zwei größten Stadten Tdschikistans, Duschanbe im Süden und Chudschand im Norden kennt nur zwei Wege: durch diesen Tunnel, oder durch Usbekistan. Blöd nur, dass die Irden Tunnel bislang noch nicht ganz fertig gebracht haben. Laut Wikipedia soll dieser Tunnel als Symbol der Bruderschaft zwischen den Iranern und Tdschiken geacht worden sein. Während ich das mit der gleichen Sprache, ähnlichen Kultur und gleicher Abstammung von Tadschiken und Iranern zwar schon gewusst aber hier noch nie erwähnt habe, finde ich vorallem irgendwie die „Qualität“ dieses Symbols an der Sache irgendwie leicht zum schmunzeln. Aber gut Ding will ja bekanntlich Weile haben, und noch ist es seit der Eröffnung ja erst sieben Jahre oder so her.
Ein wenig verdächtig ist da auch, dass der wohl von Chinesen gebaute Shariston-Tunnel, ein gutes Stück weiter nördlich, vor ziemlich genau einem Jahr eröffnet und ein kleines Stück länger zwar auch nicht wirklich über Lüftung, aber zumindest mit Straßenbelag und einigermassen Licht weit besser daher kommt. Gut, für sich allein genommen wäre es vielleicht wert über diesen Tunnel mehr zu schreiben. Aber hey, ich war im „Tunnel des Todes“ und habe überlebt. Alles andere ist jezt erst mal Kleinkram.

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