Stan’sche Ungewissheiten

 

Seit wie vielen Tagen bin ich nun Tag für Tag in Taxen unterwegs? Ich glaube, wenn ich mich weder verzählt habe noch mein Zeitgefühl mich täuscht, ist heute der vierte Tag in Folge. Tag für Tag morgens aufstehen, die Sachen in den viel zu kleinen Rucksack verstauen, die dicke Jacke anziehen, mit Schal und Mütze raus und das lustige Lotteriespiel um die Taxifahrer starten. Manchmal zieht man Nieten, manchmal legt man drauf, aber immer und immer wieder ist es die gleiche Arbeit aufs neue.
Vor ich in Russland vier oder fünf Tage am Stück mit der transsibirischen Eisenbahn gefahren bin wurde ich gerne gefragt ob ich eigentlich irre bin, mich so lange „einsperren“ zu lassen um vorwärts zu kommen. Damals, so im Vorfeld, war ich mir auch nicht ganz so sicher ob das eine gute Idee ist. Heute weiss ich, dass ich wenns um Transport geht ne Woche Zug durch Russland definitiv dem Stan-schen Taxifahren vorziehen würde. Es war warm, es war einfach, an den Grenzen musste man nicht durch matschige Baustellen wandern, sondern man konnte im Bett sitzen und warten bis jemand den Reisepass bei einem abholt. Ein Traum, wenn ich heute darüber nachdenke. Ein Zug… mit Fahrplan und so. Das klingt beinahe unglaublich! Meinetwegen auch ein Bus, selbst das fände ich jetzt schon irgendwie toll, und dabei müsste es noch nichtmal so ein Türkei-Ding mit WLAN und Stuardeuse sein. Einfach nur ein klein wenig mehr Planbarkeit, das wäre schon ne feine Sache. Aber nein, so etwas ist hier natürlich nicht. Man weiss streng genommen eigentlich gar nichts, wenn man hier morgens aus dem Bett krabbelt. Werde ich heute über die Grenze kommen? Klar, die von Chudschand einfach zu erreichende Grenze ist für Touristen natürlich gesperrt, ich muss über die abgelegenere bei Isfara, sofern die etwa zwei Jahre alte Auskunft denn noch Gültigkeit besitzt. Aber wie komme ich da hin? Hat die Grenze denn so ganz generell überhaupt auf? Und in diesem speziellen Fall noch viel spannender: Was passiert hinter der Grenze? Warum das so spannend ist? Nunja, dazu muss man sich die Karte ein wenig genauer ansehen, wenn nicht sogar ein wenig studieren um zu verstehen was diese vielen wirren Grenzen hier eigentlich zu bedeuten haben. So wirklich übersichtlich ist definitiv anders, aber irgendwann erkennt man dass da ein paar Enklaven in Kirgisistan verstreut liegen, blöderweise noch mitten auf den gängigen „Hauptstrassen“ durch das Gebiet, die für mich ganz plötzlich Visen erforderlich machen würden: es gibt da ein Stück Tadschikistan, durch das ich nicht mehr durch darf wenn ich das erste mal nach Kirgisistan ausgereist bin und meinen Ausreisestempel im Pass habe. Es gibt ein ganz beachtliches Stück Usbekistan, das zu umfahren wohl lediglich für Touristen mit fremden Pässen, nicht aber unbedingt für Kirgisen in „normalen“ Verkehrsmitteln notwendig ist. Ja, ich habe sogar von Linienbussen in Kirgisistan gelesen, deren Verwendung für Touristen aber wegen der entsprechenden Grenzübergänge schlichtweg verboten ist, oder man eben zumindest nicht in den Bus gelassen wird. Schade, wird also alles wieder auf Taxen hinauslaufen, denen ich hoffentlich die Visumsgeschichte irgendwie beibringen können werde.
Alles in allem: Ein großer Berg an Ungewissheiten und keine Alternativen. Die Stans beginnen sich so langsam als Nerventrainingszentrum zu outen, für mich ein ziemlich anstrengendes dazu. Ein Punkt den mir so sämtliche Reiseführer, Informationsseiten und Reiseberichtsfetzen die ich gelesen habe allesamt unterschlagen haben. Ein bisher wohl gehütetes Geheimnis das ich nun gepetzt habe, oder hab ich es einfach nur ein wenig „speziell“ erwischt im Moment?

20131229-012625.jpgWie auch immer es sein mag, am Ende gestaltet sich auch dieser Tag wie so viele vorher auch: Taxi suchen, Taxi finden, nach Isfara fahren lassen. Weder die Strecke noch das Taxi noch mein Fahrer stellen hier irgendeine Besonderheit dar. Karges Niemandsland, zur Abwechslung mal wieder eher flach als bergig, ein Polizeicheckpoint zwischendurch, Kommunikation gleich null, sitzen und warten. Warten wo ich nun genau abgesetzt werde, ist doch auch das nicht immer so ganz sicher. Wenn ich wüsste was „Graniza“ nun genau bedeutet, dann wüsste ich es vielleicht ja im Vorfeld schon, so gebe ich mich lediglich der wagen Hoffnung hin dass es die Grenze ist.

Hoffnung… pfff… blöde Idee in den Stans, aber auch die Stadtmitte von Isfara ist erstmal okay. Bleibt die Chance nochmal tadschikisch Essen zu gehen, mit vollem Magen reist es sich auch deutlich entspannter.
Tadschikisch essen gehen, das klingt so furchtbar spektakulär, dabei muss ich feststellen dass alles was ich bislang in Restaurants in den Stans so zu mir genommen habe eigentlich aussließlich Schaschlik mit Salat und Brot war. Plov hätte ich gerne mal hier gegessen, oder irgendwas das ich weder kenne noch aussprechen kann, aber so wirklich gefunden habe ich das nicht. Wenn man sich auf Märkten herumtreibt, dann gibt es noch die Samosa-Alternative, dreieckige Teigtaschen, gefüllt mit allerhand irgendwas aus Fleisch, Zwiebeln, Reis und Kartoffeln in verschiedensten Konstellationen als kurzen Snack zwischendurch. Man kann sich auch einfach Non kaufen, oder Libjoschka wenn man es russisch betitelt: ein rundes Fladenbrot, am besten frisch gebacken und noch warm, dann vielleicht ein Stück lustige Wurst oder, wenn man extrem Glück hat, nen Brocken Käse dazu, vielleicht ne Tomate und nen Apfel als Dessert und es sich damit im Hotel gemütlich machen. Meistens habe ich das bevorzugt, aber eigentlich wollte ich ja gerade von Schaschlik erzählen. Ein solches Restaurant ist hier nicht ganz ungern in zwei separate Teile getrennt: relativ nahe an der Straße, bunt beschildert und in der ganzen Erscheinung einem Imbissstand recht ähnlich steht der Verkaufs- und Grillstand. Man sucht sich hier Fleisch an Spießen aus, wobei sich die Auswahl meist recht bescheiden hält: ein Fetzen Ziegenfleisch mit viel Fett, vielleicht etwas Ziergemüse dazwischen und noch mehr pures Fett oder Schaf mit Fett und Fett und ohne Ziergemüse. Das ganze wird dann auf einem Holzkohlegrill direkt gebruzelt, während man in das separate Haus weiter hinten weiter gehen darf um in einem recht kargen Speisesaal Platz zu nehmen. Hier bekommt man nun ne Kanne Tee, einen Korb Fladenbrotfetzen und einen Teller mit in Essigessenz getränkten Zwiebelringen serviert, und natürlich den Schaschlikspießen, wenn die dann fertig sind. Ich mag ja Essig echt gerne, aber so langsam vermisse ich echten, richtigen Essig. Diese Industriesäure die die hier überall drüber kippen ist zwar echt scharf, aber auch ziemlich geschmacklos. Ja, geschmacklos in mehrfacher Hinsicht =).
Und trotzdem, ich habe es genossen. Eine der wenigen Sachen, die hier relativ gut und fast immer funktioniert, und am Ende noch ein Erfolgserlebniss bietet. Okay, in so einem Speisesaal sitzend bin ich Attraktion. Manchmal habe ich das Gefühl dass manche hier nur essen weil sie mich anstarren wollten, aber mir ist das egal. Hallo, ich bin Ausländer. Macht dann zehn Geld Eintritt, bitte. Fotos kosten extra.

20131229-012616.jpgEin wenig gestärkt kommt also zwangsläufig das Grenzthema. Wie aber findet man den richtigen Weg zum entsprechenden Transportmittel? Eigentlich ganz einfach, den doch recht hilfsbereiten und freundlichen Tadschiken sei Dank. Begrüßung und Ortsname, das reicht wenn man es fragend formuliert tatsächlich auch hier mal wieder aus: „Salaam Alaykum, Batken?“ liefert wunderbare Richtungsanweisungen von fast jedem, dem ich so auf der Straße begegne. Ja, Batken liegt kurz hinter der Grenze in Kirgisistan, noch vor dem anderen Grenzwirrwarrproblem, und erstmal wäre ich zufrieden wenn ich heute dort ankommen würde.
Es stellt sich aber nach einigen hilfreichen Richtungsanweisungen heraus, dass Isfara größer ist als zuerst von mir vermutet. Sooo weit wollte ich dann doch nicht laufen, und ganz davon abgesehen: ich wollte doch auch heute noch irgendwie ankommen. Also, man hat ja inzwischen Übung: Ich fahre Taxi, was auch sonst. Ein netter, ältere Mann, immer ambitioniert an jedem Gefälle so kange wie möglich den Motor abzuschalten fährt mich durch die Stadt. Mehr als ein nicken auf meine „Batken?“-Frage habe ich von ihm nicht erhalten, auch über einen Preis habe ich mich nicht mit ihm verständigt. Und da sind sie schon wieder, die Ungewissheiten. Mal wieder sitze ich in einem Auto, keine Ahnung davon wo es nun eigentlich hin geht, aber ich bin dennoch zuversichtlich. Es geht vorwärts, das ist erst mal alles was zählt.

Ich werde vor einer Horde Typen mit kirgisischen Autokennzeichen abladen und soll für die Fahrt quer durch die Stadt acht Geld bezahlen. Ja, acht. Wie lange bin ich nun in Tadschikistan? Eine ganze Weile. Und eigentlich dachte ich, Taxipreise so ein wenig zu kennen. Aber auch das war wohl irgendwie falsch und alle anderen innerstädtischen Taxifahrer bisher Abzocker… Oh man, die Stans werden mir wohl für immer ein Rätsel bleiben und ohne einen Intensivkurs „russisch“ vor der nächsten Reise hierher nie gelöst werden. Aber sei das wie es will, zwischen all den „Batken, Batken?“ Schreien, die mir da so entgegenscheppern höre ich irgendwo auch ein beinahe schon verhaltenes „Osch, Osch?“ heraus.
Osch klingt plötzlich wie ein Traum, weit hinter all dem Grenzchaos und bestimmt ein guter Startpunkt für die nächste Etappe. Ich folge dem Typ an sein Auto, auch das hat ein kirgisisches Kennzeichen. Die erste Grenze seit langem also, die ich in einem Auto überqueren werde, nicht zu Fuß und im Anschluss ein Taxi suchend. Auf meine Frage „Oz’bekiston?“ meint er „Niet“ und malt eine Schlannline auf die verstaubte Motorhaube. Sehr schön. Das ist mein Mann, auch wenn er mal wieder den Touristengeldbeutel gerochen und mir ne Sonderfahrt andrehen will. Und das Glück scheint es heute wirklich gut mit mir zu meinen, kurz vor wir aufbrechen erscheint noch ein anderer Typ wie aus dem Nichts für die Fahrt nach Osch. Er ist gut getarnt, nicht nur weil er russisch spricht, aber wie sich später herausstellt will er wohl aus der Türkei kommen, auch wenn das was er an der Grenze auspacken wird irgendwie deutlich anders aussieht als alles was ich in meiner Erinnerung unter „türkischer Reisepass“ so finden kann. Aber wer weiss, vielleicht lieg ich ja auch einfach daneben. Und auch wenn der Typ weder deutsch noch englisch spricht, ein wenig erleichternd ist das Gefühl doch tatsächlich, seit langem mal nicht mehr ganz so „allein“ zu sein.
Aber erst mal zur Grenze selbst, die mit weitem Abstand einfachste Grenze seit langem. Aus dem Auto aussteigen, stempeln, einsteigen, weiterfahren, nochmal stempeln, in Kirgisistan sein und kein Grenztaxi suchen müssen. Es kann nur noch aufwärts gehen!

Gut, das mit dem Usbekistan-umfahren im Anschluss, das war schon ein wenig komisch. Zu einem ganz Umfahren passen die Zwischenstopps an Polizeicheckpoints nicht, bei dem mein Fahrer das Fenster öffnet um irgendwelchen Leuten die Hand zu geben. Immer ein Händedruck, der so eindeutig nach Papierknistern klang, dem jedes mal ein Griff in den Geldstapel vorraus ging und der grundsätzlich ein geheimnisvolles Nicken des Uniformierten ausgelöst hat. Aber mir soll das egal sein, ich bin auf dem Weg nach Osch, fühle mich unschuldig bis sicher und muss einfach nur abwarten, meine Standard-Beschäftigung die letzten was-weiss-ich-wievielen Tage, bis irgendwer meint wir wären da. Und ja, es hat trotz allem eine gefühlte Ewigkeit gedauert. Trotz hartem Training, meine Geduld ist noch nicht die aller beste. Aber dank des freundlichen Mittouristen und ganz vielen lustigen Gesten hat man mich direkt vor einem Hotel ganz ganz nahe zu der Stelle abgeladen, an der Sammeltaxen nach Bischkek starten. Ein chinesisches Hotel, den Preis den ich zu bezahlen habe absolut nicht wert. Nunja, auch so ne Stan’sche Eigenschaft: schlafen für Touristen ist teuer. Manchmal bekommt man was für sein Geld, und manchmal bleibt es dann einfach beim teuren Preis. Aber so mitten in der Nacht bin ich nun einfach nur froh, irgendwie und irgendwo angekommen zu sein, kein Platz für den Luxus von Ansprüchen.

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: