Taxiwahnsinn

 

Die wohl längste Taxifahrt meines Lebens, und bislang wohl der Höhepunkt in Sachen Stan-Transport hinter mir, bin ich nun irgendwie echt froh angekommen zu sein. Angekommen… dabei muss ich selbst fast ein wenig lachen, denn das ist inzwischen wirklich reichlich relativ geworden. Sagen wir so: ich bin erstmal über das Gebirge drüber, dahinter, daran vorbei oder mittendurch, je nachdem aus welcher Richtung man das nun sehen mag. Und ja, ganz geheim bin ich inzwischen recht froh über die Entscheidung im Winter das Pamir-Gebirge in seiner vollen Größe doch weitstgehend zu umrunden.

Nunja, es fing heute Morgen wie in letzter Zeit schon so häufig mit einem Taxisammelpunkt an. Dort wo sich die Typen die gewillt sind gegen Entgelt fremde Menschen nach Bischkek zu fahren eben sammeln. Dass ich irgendwie verschlafen hatte und eigentlich reichlich spät dran, das war mir wohl irgendwie bewusst. Kurz vor elf eine voraussichtlich zehnstündige Fahrt zu organisieren ist schon reichlich knapp. Dass ich aber eine Zeitzone irgendwie übersehen habe und es bereits kurz vor zwölf war, das sollte mir dann erst deutlich später an diesem Tag auffallen. Aber das nur am Rande.
Natürlich gibt es immer und zu jeder Tageszeit irgendwo irgendjemanden, der gewillt ist zu fahren. Aber ich habe den Eindruck, dass sich das auch hier deutlich auf „Qualität“ und Preis auswirkt, wenn nicht gar schlussendlich auch auf Sicherheit. Ja, irgendwie ist es glaub so wie wenn Kinder zwei Gruppen für irgendein Spiel bilden, die besten werden zuerst gewählt, und wenn man zu spät dran ist dann bleibt einem eben irgendwie „der Rest“. Aber um es mal positiv zu sehen: so wirklich habe ich das noch nicht erlebt dass zwischen größeren Städten in den Stans zu irgendeiner Tageszeit keiner am Straßenrand irgendwelche Fahrtziele ausrufen würde, auch wenn ich mir vorsteklen kann dass Kirgisen niemals auf die abstruse Idee kommen würden so spät loszufahren, kommt man so doch zwangsweise mitten in der Nacht erst an. Klar. Wäre mir die echte Uhrzeit bewusst gewesen, hätte vielleicht selbst ich die Sache gar nicht erst gestartet. 20131229-014542.jpgAber gut, ich wusste es ja nicht besser. Natürlich war ich soweit der einzige, der sich nach Bischkek finden ließ. Und natürlich wurde trotzdem erst mal um den Preis eines einzelnen Sitzplatzes in einem Sammeltaxi verhandelt, obwohl der Fahrer sehr wohl wusste dass da so schnell keiner sonst mehr auftauchen wird. Und natürlich wird er einem das vielleicht fünf, maximal zehn Minuten nach den ersten Preisverhandlungen so auch eröffnen und nochmal über den Preis für eine Einzelfahrt verhandeln wollen. Nein, so wirklich verständigen kann ich mich auch hier wieder nicht, aber so langsam weiß ich was die Helden von mir wollen, kenne quasi deren Schema in Bezug auf spätaufstehende Touristen. Ja, wir können uns einigen. 2000 Som (grob 30 Euro) sollen es sein. Ich muss aber zugeben: ich hatte keine Idee, was mir da bevorstehen würde, und so im Nachhinein finde ich den Preis doch mehr als erstaunlich.

20131229-013809.jpgAber zunächst war die Sache nichts besonderes: ich saß auf dem Beifahrersitz eines Honda Minivans, und der Fahrer musste sich erstmal vorbereiten: Es wurde getankt, das Scheibenwischwasser und Öl nachgefüllt und der Reifendruck kontrolliert. Warum das immer erst passiert, nachdem die Fahrgäste alle eingesammelt wurden? Nun, dieses mal offensichtlich: Ich musste eine „Anzahlung“ auf den Fahrpreis leisten, mein Fahrer hatte für all das nicht einen Som in der Tasche.
Danach? Ein wenig flache Landstraße, erstaunlich schlaglochfrei und schön der usbekischen Grenze entlang schlängelnd, aber ziemlich schnell auch wieder die allgegenwärtigen Berge, immer entlang am Abgrund hoch und dann zwischen Abgrund, Gegenverkehr und LKW überholend wieder runter. Immer und immer wieder. So wirklich nichts spannendes, aber meinetwegen hätte es gerne bis Bishkek so weitergehen können.
Aber die Fahrt scheint für meinen Fahrer heute wenig erfolgreich zu sein, finden sich doch auch entlang der Strecke auch nur noch extrem wenig Leute, die wenigstens ein Stück für kleineres Geld mitfahren wollen. Und so wird mein Fahrer wohl ein wenig verzweifelt, nehme ich an. Dass diese Vorgehesweise mit diesen Auswirkungen normal ist, kann ich mir zumindest nicht so ganz vorstellen. Er beginnt in jedem halbwegs großen Dorf die Stellen abzuklappern, an denen die Kollegen von ihm versammelt stehen und ihrerseits auf Fahrgäste warten. Jedes mal verringert er die Geschwindigkeit auf Schritttempo und versucht durch lautes Rufen von „Bishkek! Biskek?“ durch das offene Fenster kurzentschlossene Fahrgäste zum mitfahren zu animieren. Meistens hatte er dabei kein Glück, was im Nachhinein betrachtet vielleicht ganz gut war. In dem Moment allerdings, wir waren sicherlich schon fünf Stunden unterwegs und noch nicht mal auf der Hälfte der Strecke, begann ich ein wenig Mitleid mit dem Kerl zu haben… hat er doch von meinen 2000 Geld schon mehr als die Hälfte für Benzin ausgeben, und so wie ich das einschätze werden wohl bis Bishkek fast 1500 Geld durch den Tank gerauscht sein. Da würde ich ihm ein wenig Zusatzverdienst durchaus gönnen. Wir hatten zwar noch ne Tasche mit Dokumenten und ein paar Kisten irgendwas an Bord, ausserdem einen Typ ab Osch ne halbe Stunde mitgenommen, aber alles in allem waren das, wenn ich es richtig beobachtet habe auch nur dreihundert Geld.
Aber gut, wie gesagt war das nicht ganz so erfolgreich. Bis zu diesem einen Dorf, an dem ein jüngerer Kirgise gerade durch ein offenes Beifahrerfenster mit einem Fahrer zu verhandeln schien. Er war wohl angtan von der Idee, nicht darauf warten zu müssen bis dieses Sammeltaxi voll ist und reagierte prompt auf die üblichen „Bishkek? Bihkek!“-Rufe meines Fahrers damit, dass er die laufenden Verhandlungen umgehend aufgab und hinter mir einstieg. So weit, so nicht fanz unnormal hier hätte ich persönlich gemutmaßt. Ob die Reaktion des sitzen gelassenen Konkurrenten nun unbedingt im Rahmen der lokalen Verhaltensweisen angebracht war, das kann ich nicht absätzen. So wirklich normal kam es mir jedenfalls nicht vor, dass er plötzlich am Fahrerfenster unseres Autos steht, schimpft wie Rohrspatz und auf die Tür eintritt. Nein, so ganz normal ist es sicherlich nicht, immerhin versuchen die sonst noch anwesenden Kollegen relativ erfolglos ein wenig zurück zu halten. Einen kleinen Schockmoment später entschied sich mein Fahrer aber für die wohl sinnvollste Alternative zum offenen Streit: die Flucht nach vorne, einfach so schnell wie möglich weg von hier.

20131229-013819.jpgWürde ich die Sache erwähnen, wenn es dabei geblieben wäre? Ich denke eher nicht. Ist ja nicht so, dass hier immer alles reibungslos und ohne Zwischenfälle ablaufen würde. Man gewöhnt sich quasi ein wenig daran, ohne sich groß darüber zu wundern. Ist halt alles etwas „herzlicher“ hier. Dass ne viertel Stunde später ein vollig irrer Fahrer in einem silbernen Honda, voll gepackt mit Schränken von uzbekisch-russischen Männern auf der immer noch beachtlich kurvenreichen Straße entlang eines mitteltiefen Abgrunds von hinten angeschossen kommt und uns unter wildem Gestikulieren und wohl bösesten Beschimpfungen beinahe von der Straße abdrängt, das ist dann (hoffentlich) nicht mehr ganz so normal. Der verärgerte Kollege hat doch tatsächlich die Verfolgung aufgenommen, und was auch immer mit dem schief gelaufen zu sein scheint, er ist wirklich wirklich stinksauer. Das Abdrängmanöver überstanden gab er sich aber immer noch nicht zufrieden. Seine neueste Taktik: Vollbremsungen direkt vor uns, oder „zufällig hinter uneinsehbaren Kurven auf der Straße parken“. Ich muss sagen, das war bei weitem kein „ärgern“ mehr. Es war jedes einzelne mal viel zu knapp, ich habe es jedes einzelne mal schon viel zu sehr scheppern hören und es war bei weitem viel zu agressiv für ein „ärgern“. Kurzum: der Psychphat war derart aufgebracht, dass er wissentlich und mit schwersten Bemühungen einen Unfall provozierte.
Nein, also so gefiel mir das wirklich gar nicht. Und nein, ich war au definitiv kein Freund von Psychophaten und Unfällen in irgendwelchen kirgisischen Gebirgen. Und: scheiß Sprachprobleme! Ich hatte keine Ahnung, was „Stop!“ oder „Vorsicht“ auf russisch oder kirgisisch heissen könnte, also habe ich aus purer Not eben was anderes versucht: „Hoooh, hooooh, ruhig, ruhig Brauner! Alles gut, immer mit der Ruhe!“ redete ich auf ihn ein wie auf ein Pferd. Was bleibt auch anderes über?
Ich glaube was ich gesagt habe war egal, ich hätte wohl auch ein Muffinrezept aufsagen können, aber die Tonlage hat wohl den vermeintlichen Halbpsychophaten neben mir irgendwie zur Besinnung gebracht, zumindest gab er in dem Moment jeglichen Anflug von angekratzter Ehre und Rachegelüsten auf und fuhr derart langsam, dass der andere Held innerhalb kürzester Zeit wohl schon etliche Kilometer vor uns sein sollte.

Aber nein, damit war leider immer noch keine Ruhe im Karton. An der nächsten Mautstation, quasi ein Zwangsstopp bei dem angehalten, das Fenster geöffnet und Geld an einem kleinen Häuschen bezahlt werden muss wartete bereits schon jemand auf uns. Nein, so ganz wohl war mir nicht als er am offenen Fahrerfenster auftauchte, und so ganz vorsichtshalber ging ich dann auch erstmal sicher, dass sowohl meine als auch die Tür hinter mir verschlossen sind. Aber war es umsonst? Es folgte ein hitziger Wortwechsel. Keine Ahnung wer wem jetzt was für Beschimpfungen an den Kopf wirft, aber persönlich fühle ich weder mich noch meine Weiterfahrt dadurch gefährdet, also dürfen die sich meinetwegen beschimpfen wie sie auch immer lustig sind. Inzwischen meldet sich auch der (wohl unschuldige) Auslöser der Misere vom Rücksitz zu Wort und versucht zu schlichten, wenn wohl auch reichlich erfolglos. Aber habe ich schon erwähnt dass Dinge hier auch mal etwas „herzhaft“ geregelt werden? Dementsprechend war es ein wenig naiv zu glauben, dass es bei verbalen Beleidigungen bleibt und irgendwie auch wenig überraschend als eine Faust durch das offene Fahrerfenster geflogen kam. Volltreffer. Aber die Reaktion meines Fahrers nicht ganz dumm: schnell den Typ vor dem Fenster am Kragen gepackt, ein kurzer Ruck, ein dumpfer Rums am Fensterrahmen und mit quietschenden Reifen nichts wie weg.
Ja, jetzt war der Psychophat wieder hinter uns, auch ungut. Was das bedeutet ist klar: riskante Manöver, mein Pferdeflüstern und endlich irgendwann wieder Abstand. Eine Wiederholung, nur dieses mal Innerorts. Dabei ständig die Überlegung: kannn ich der Sache irgendwie entkommen? Ich war schwer am überlegen ob es nun klüger ist abzuwarten und zu hoffen, oder in irgendeinem kirgisischen Bergdorf aus dem Auto zu flüchten. Beides klang erstmal ungut, aber als an einem Polizeicheckpoint am Ende dieser Kleinstadt dieser silberne Minivan quer auf der Straße stand, vier kirgisische Männer in Schrankformat drum herum und ein sich die Faust in die flache Hand klopfende Psychophat davor, da wäre es mir beinahe egal gewesen und ich hätte gerne mal versucht wie freundlich die lokale Militsia „Asyl“ benötigenden Touristen gegenüber gesonnen ist. Aber hey, der Psychophst wollte sich vor den Augen der Polizei kloppen, hat mal eben so mit seinem Auto den Checkpoint blockiert und nichts passiert diesbezüglich? Irgendwas läuft doch gewaltig schief hier, geht doch gar nicht anders.
Ein deutsch-englisch-russisches Universalwort ist mir in dem Moment entrutsch. „Stop, please!“ hat mein Fahrer dann tatsächlich verstanden. Auch wenn er das nicht ganz so unmittelbar umgesetzt hat, wie ich das ursprünglich gemeint habe. Gemütlich fuhr er im Rückwertsgang einige hundert Meter zurück, dreht in aller Ruhe um und durchquert den Ort aufs neue. Der Mitfahrer ist in diesem Ort übrigens ausgestiegen. Weiter wollte er gar nie, und bezahlt 100 Som für die Fahrt. Hallo? Diese ganze Scheisse wegen nicht mal zwei Euro? Mal im Ernst, die spinnen doch, die Kirgisen! Ja, die Relativität von zwei Euro und so, aber bei allem was recht ist… allein ein kaputtes Auto (wenn man mal ganz hart Kollateralschäden ausblendet) ist auch in diesem Land schon mehr als zwei Euro kaputt gemacht.
Aber gut, zurück zu unserer Flucht. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel, keiner zu sehen, also ab ins nächst beste Wohngebiet und hinter irgend einer hohen Mauer verstecken. „Stop!“ meint mein Fahrer. Nungut, anders als mein spontaner erster Gedanke, aber alles in allem vielleicht sinnvoller so. Und effektiv. Dem Irren im silbernen Minivan sind wir daraufhin nicht mehr begegnet, wenn ich auch bei jedem silbernen Minivan auf der Strecke ab da irgendwie ein ungutes Gefühl in der Magengegend hatte.

Und ja, es war auch wirklich gut so. Während bis es dunkel wurde die Strassen noch relativ frei waren kam nach unserer einzigen kurzen Pinkel- und Abendessenspause auf der ganzen Tour irgendwie der schwierigste Teil der Strecke. Und ich hatte schon gedacht es geht nicht schlimmer. Aber es wurde dunkel. Es wurde kälter. Nicht nur weil es Nacht wurde, sondern weil wir immer weiter und weiter einen Berg hoch mussten. Über weite Strecken spielt es nun auch für die Aussicht keine Rolle mehr dass es dunkel ist, immerhin sind die Schneeberge die auf beiden Seiten entlang der Straße aufgetürmt wurden inzwischen höher als das Auto selbst. Auch die Fahrbahn besteht immer weniger aus Asphalt und immer mehr aus Eisplatten, die auf der Straße festgefrohren und wohl schon über Wochen von Autoreifen glatt poliert wurden.
Ja, ich war wirklich irgendwie dankbar dafür nicht zu erkennen, wie weit es da inzwischen nach unten geht. So rede ich mir während wie an reihenweise quer stehenden LKW vorbeikommen einfach ein, dass es halb so schlimm wäre von der Fahrbahn zu rutschen. Ist bestimmt alles schön eben und man kann in Ruhe ausrollen. Ganz bestimmt.

250km Luftlinie liegen Osch und Bischkek übrigens auseinander. Gefahren sind wir wohl mehr als sechshundert, wenn man dem Kilometerzähler des Autos und nicht der Serpentinen aussparenden GPS-Rechnung glauben mag. Und auch wenn die verschneite Passstraße in mitteleuropäischen Alpen-Dimensionen für mich gerade nicht im Ansatz verbal beschreibbar ist, die Fahrt war nicht nur wegen des Psychophaten der Horror. Elf Stunden Fahrt, ein mal fünfzehn Minuten Pause und in stockdunkler Nacht mit einem unübersehbar übermüdenten Fahrer über einen verschneiten und glatten Gebirgspass auf einer Höhe von fast 3600 Metern (die Zugspitze ist insgesamt keine 3000 Meter hoch, so als Vergleich). Macht dann 2000 Geld. Mit Mitleidstrinkgeld und Shuttle-Service bis ans Hotel runde ich auf 2500 auf. Grob 35 Euro. Ich glaub einmal Europapark kostet mehr, und bietet weit weniger Adrenalin. Mir reicht es jetzt aber wirklich, für heute und im allgemeinen mit Taxis. Zeit schlafen zu gehen und auf reguläre Busse und vielleicht sogar Züge in Bischkek zu hoffen.

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