war wohl nix.

 

Manchmal kann es echt schnell gehen. Abends geht man noch nichtsahnend ins Bett, ist ja nicht so als würde man hier grundsätzlich weitreichende Pläne schmieden können, und schon am nächsten Tag ist dann trotzdem alles irgendwie anders als erwartet und man selbst ein wenig überfordert mit der neuen Situation.
Eigentlich bin ich hieran diesem Ort um mal wieder Konsulatskram zu erledigen. Alle meine aufwändig erstandenen Visen sind gestempelt und verbraucht, aber ich doch noch lange nicht am Ende. Die Auswahl an Nachbarstaaten ist hier aber ein wenig begrenzt: es gibt da Usbekistan, was ich einfach mal für diese Reise als abgehakt betrachte und somit keine Option ist. China passt mir da schon besser in den Kram, würde es doch Züge bieten, und die Möglikeit eine weite Strecke in doch relativ kurzer Zeit zurück zu legen. Und dann ist da noch Kasachstan, das Visumstechnisch aber deutlich schwieriger und Wettertechnisch gerade gar ekelhaft kalt sein dürfte. Also allerhöchstens eine Transit-Option, wenn es für den Weg nach China denn nötig sein sollte.
Aber es ist Wochenende, mein Timing damit denkbar schlecht: keine Frage dass hier jetzt Wochenende und die Konsulate geschlossen sind, aber ich werde ein wenig ungeduldig, kann ich doch auch an Bischkek nicht wirklich etwas erkennen das mich so spontan begeistern könnte. Gut, es wird langsam wieder einfacher für mich: es soll Züge und Busse zumindest durch den nördlichen Teil Kirgisistans geben, außerdem gibt es zur Ablenkung hier einigermaßen brauchbare Einkaufszentren, einige Parks und ein paar Cafes. Aber trotzdem mag ich mich nicht so recht auf diese Stadt einlassen. Es ist kalt, es ist Winter. Die Parks sind alle trostlos und grau, die Hotels wie überall in den Stans unangenehm teuer. Alles im allem nicht spannender für mich allein als eine deutsche Stadt im tiefsten Winter, also definitiv kein Ort an dem ich lange bleiben mag.
Eine gute, wenn auch nicht ganz unbedeutend teurere Option zum Bürokratiekram selber machen sollten hier aber Reisebuden sein, zumindest erzählt mir das mein lieber Reiseführer so. Außerdem sollte da auch an einem Samstag morgen jemand zu finden sein und mal blöd fragen kostet ja nichts.
Zu meinem Erstaunen kam ich hier tatsächlich auch ohne russisch ziemlich weit, wenn auch definitiv nicht zu der Auskunft, die ich wollte. Die erste Station, tatsächlich ein auf Überland-Trips nach China spezialisiertes Touristenbüro (das ich durch den Hintereingang betrete weil mich ein netter Typ durchs Fenster gesehen hat und sie eigentlich gerade schlossen haben) nimmt mir da schon ziemlich viel Hoffnung: „China über Land und noch kein Visum? Nunja, erstmal ist Silvester, da ist die Grenze zu. Bis 10ten Januar, in etwa. Macht aber nichts, denn die chinesische Botschaft braucht hier mindestens zwei Wochen für ein Visum. Dann kommt aber relativ schnell schon das chinesische Neujahr, da ist die Grenze dann schon wieder zu. Also mit viel Glück könnte der Grenzübergang nach China irgendwo zwischen dem 15ten und 20ten Januar klappen, wenns blöd läuft wohl erst wieder ab Mitte Februar“ – „puh, okay… hilft es denn etwas, den Umweg über Kasachstan zu nehmen?“ – „nun, das Visum für Kasachstan dauert hier zirka zehn Tage. Dann noch China zwei Wochen, das chinesische Neujahrsfest direkt im Anschluss… nein, das hilft definitiv nicht weiter“.
Nun, das klingt alles nicht gut. Auch in der zweiten und dritten Reisebude, weit weniger touristisch und eigentlich nur in Kasachstan-Visen so richtig erfahren ergibt sich nachdem sie viel telefonert und recherchiert haben mehr oder minder immer das gleiche Ergebnis: Mitte/Ende Januar, frühestens. Die Vorstellung für mehr als zwei Wochen im winterlichen Kirgisistan fest zu sitzen… ich glaube man braucht noch nicht mal selbst in dieser Situation zu stecken um auf dem Schluss zu kommen, dass das ne eher unschöne Vorstellung ist.

wirkt irgendwie nicht nur trostlos... Bishkek.

wirkt irgendwie nicht nur trostlos…
Bishkek.

Also gut, bei einem Kaffee muss diese Nachricht nun erst mal verdaut werden: China wird wohl nichts werden. Ich habe Osteuropa in Zügen durchquert, bin einmal längs und quer durch die Türkei gereist, habe den halben Iran durchstreift, habe dort Visen organisiert wie irre, habe mich quasi ohne Sprachkenntnisse im Winter durch die Stans über die Berge und unglaubliche Grenzen geschlagen… und nun stehe ich in Kirgisistan, dort wo die Gesichter der Menschen schon mehr nach ner Mischung aus „mongolisch“ und „chinesisch“ aussehen als irgendwo anders auf diesem Weg, man also quasi schon das Gefühl haben könnte man sei schon so gut wie in China angekommen, und muss feststellen: an der großen Mauer geht es nicht weiter. Einfach abgeprallt, keine Chance (in einem erträglichen Zeitrahmen) drüber zu kommen. Ich tröste mich ein wenig mit dem Gedanken dass an der großen Mauer zu scheitern im Laufe der Geschichte wohl durchaus schon weit mächtigeren Männern mit großen Armeen im Schlepptau passiert ist, somit also kein Grund darstellt sich direkt dafür zu schämen. Aber es fällt trotzdem schwer. Was sind schon die Alternativen? Kasachstan? Immer noch nein. Usbekistan? Nicht mehr. Tadschikistan? Nein, nicht rückwärts. Allen dreien fehlt auch eindeutig die mittelfristige ich-komm-hier-aus-dem-Eck-irgendwann-mal-weg-Option, alle drei sprengen mir früher oder später jeglichen finanziellen Rahmen für diese Reise, wenn sie es nicht schon lange getan haben und alle drei klingen noch immer kalt.

Je mehr ich bei meiner ganzen Kanne Tee darüber nachdenke, um so mehr ist es an der Zeit den Notausgang in Betracht zu ziehen. Hilft ja alles nichts. Also zurück zum Reisebüro und die nette Dame am Flugticketschalter belästigen. „Ich will hier weg, so schnell wie es geht. Gibt es direkte Flüge von hier nach Hong Kong?“ – „nach wohin?“ – „Hong Kong, China“ – „Gonkong?“ – „Ja, Hong Kong“ – „Gonkong?“ – „ja, okay, meinetwegen auch nach Gonkong“. Die nette Frau kramt nun nach einem Zettel und schreibt Hong Kong darauf. „Also nach Gonkong, ja?“ – „Ja, nach Gonkong bitte, sag ich doch schon die ganze Zeit“. Eine schwere Geburt. Aber so typisch, dass ich mir das lachen nur knapp verkneifen kann. Irgendwann will ich mal Gamburger in Gonkong essen gehen und mit irgendwem über Gitler sprechen.
Abrer direkt nach Hong Kong ist von Kirgisistan aus nicht. Zwei mal umsteigen in China wird mir angeboten, über tausend Euro soll das bei ner komischen chinesischen Airline kosten. Nein, das klingt rundum nicht gut. Zwei mal umsteigrn, chinesisch und über tausend Euro? das sind schon drei Argumente dagegen. „Gut, wie wärs dnn dann mit…. ehm… Bangkok?“. Bangkok geht auch nicht direkt, aber voller begeisterung schlägt mir die nette Dame nun einen Flug am 2ten Januar vor, mit der „ganz tollen“ (meint sie mal so) turkish airlines. Sechst Stunden nach Istanbul, Zehn nach Bangkok für siebenhundert Euro. Moment, sechs Stunden zurück und dann zehn wieder vorwärts? Für mich klingt das dämlich, und der 2te Januar ist auch noch so lange hin. „Mhmmm.. neee, das gefällt mir nicht so gut. Wie wärs denn mit… lass mal nachdenken… oh, wie wärs mit Dubai?“ So langsam halten mich die Leute hier glaub für verrückt. Selbst der russische Klischee-Neureiche mit schnieke Anzug und viel Gold-BlingBling am nächsten Schreibtisch starrt mich inzwischen ganz entgeistert an. Ja, ich bin nicht wirklich vorbereitet, geb ich ja zu. Ich muss halt spontan hier weg, irgendwo hin wo ich weiter komm, es ein klein wenig wärmer ist und ich kein Visum brauch. Mehr ist mir gerade fast nicht wichtig. „Oh, Dubai gibts als Direktflug? Für vierhundert Euro, am 30ten Dezember?“ …Silvester in Dubai, ein Gedanke der mir irgendwie gefällt… „ja, den nehm ich!“.
„Oh, Du bist aus Deutschland?“ – „Ja, bin ich. Warum?“ – „Nun, ich weiss nicht, ob ich Dir den Flug verkaufen darf, wegen nem Visum…“ – „ich brauche als deutscher kein Visum für Dubai, been there, done that. Glaub mir das, und buch einfach den Flug, bitte“ – „Nein, das kann ich leider nicht. Ich frage erst mal bei flydubai nach.“ …und so nahm das Elend seinen Lauf. Eine Horde Kirgisen, die alle keine Ahnung von Dubai haben, aber in Summe beschließen mir vorsichtshalber doch kein Ticket zu verkaufen, die Hotline von flydubai gleich mit eingeschlossen. Ein Transit wäre okay, aber nicht One way nach Dubai. Nungut, ich musste erkennen dass ich es hier mit geballter Kompetenz zu tun habe und beschloss das Spiel an anderer Stelle zu wiederholen. Leider mit dem gleichem Ergebnis, wohl weil die gleiche Hotline involviert war. Zentralasiaten, manchmal sind sie schon komisch. Vor lauter Angst nen Fehler zu machen, machen sie dann doch lieber gar nichts, zur Not auch keine Geschäfte.

Was nun? Klar, es gibt ja noch den Freund Internet. Also zurück ins Cafe, WLAN bei noch ner Kanne Tee schnorren und mal selber suchen. Bishkek – Dubai? Erst ab 3ten Januar wieder. Warum das denn? Ich verstehe die Sache nicht. Waren da innerhalb der letzten zehn Minuten vier Kirgisen Tickets na Dubai kaufen? Wohl eher kaum, aber Silvester in Dubai hat sich damit erledigt. Die anderen Alternativen? Bangkok am 2ten Januar, knapp 450 Euro und soweit eigentlich ganz interessant, aber wohl per kasachischer Airline mit über 15 Stunden Transfer in Almaty.

Ohje, noch gestern ging ich irgendwie naiv davon aus irgendwie nach China zu kommen, denn mal ganz ehrlich: Stan Visas zu bekommen und an China zu scheitern, das war irgendwie gar keine Möglichkeit bislang und finde ich bis jetzt nich irgendwie unglaublich. Dazu, ich glaube ich habe das schon erwähnt, ist mein Vertrauen in Fluggeräte allgemein nicht das beste, bei kasachischen Fluggeräten sorgen meine Vorurteile dafür dass es noch bei weitem schlimmer darum steht. Aber der Istanbul-Umweg? wirklich? Und ist turkish airlines das wirklich wert? Mein ökologisches Gewissen, wenn wohl auch in Relation irgendwie ein wenig lächerlich, wehrt sich wehement gegen diese Idee, und mein Gefühl das nicht zurück mag unterstützt es tatkräftig dabei. Ist Bangkok überhaupt eine gute Idee? Mein Kopf ist so wirr gerade, irgendwie muss ich mich sammeln und einen Entschluss fassen, und das ziemlich schnell.

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