Inselschock

 

Es ist schon irgendwie ein harter Szenenwechsel, sich so ganz plötzlich mit dem thailändischen Inselleben zur Hochsaison zu beschäftigen. Ich habe mir hier fast täglich erklären lassen wie „quiet and laid back“ hier doch alles wäre, kann damit aber noch herzlich wenig anfangen. In meiner momentanen Relation ist hier die Hölle los, tummeln sich hier auf einem Quadratkilometer doch weit mehr Touristen als ich gerade in allen Stans zusammen vermuten würde. Ein komisches Volk diese Touristen, und ich muss selbst auf die Gefahr dass es überheblich klingt nach beinahe zwei Wochen Thailand feststellen, dass sie mir alle noch immer deutlich fremd sind. I

Tsunamivorsorge auf Ko Lanta ... sehr beruhigend ;)

Tsunamivorsorge auf Ko Lanta
… sehr beruhigend ;)

Ich meide sie, genieße allerhöchstens mal die unfreiwillig von ihnen aufgeführten Komödien und bleibe sonst auf Abstand so gut es geht.
Ich kann einfach, so nett sie auch teilweise sein mögen, nichts mit ihnen anfangen. Oder ich vermute dass diese nichts mit mir anfangen könnten. Sicherlich trifft beides irgendwie zu. Zu den alltäglichen Szenen gehört der Beginn einer dieser nur allzu üblichen Touristensmalltalks: „where are you from, where have you been?“. Dass ein sehr hoher Anteil hier deutsch ist, ist eine unumstrittene Tatsache und die Antwort auf diesen Teil der Frage stellt noch nicht unbedingt ein Problem dar. Auf den zweiten Teil der Frage gibt es nun drei mögliche Antwort-Szenarien:
Entweder man kann die eigentlich erwartete Antwort von „ich war auf Koh Tao beim Tauchen, in Chiang Mai Elefanten reiten und sowieso und überhaupt, das ist alles so amazing!“ amazing ist wichtig, je öfter man „amazing“ in dieser Antwort verwendet, desto besser. Fünf mal amazing innerhalb von drei Sätzen ist glaub das Minimum. Ich kann das Wort jetzt schon nicht mehr hören. Aber es wäre gelogen, meine all-Tourists-do-Sightseeing-Checklist für Thailand ist extrem leer. Ich mag Thailand als Zwischenstopp, um irgendwo zu verhängen und gar nichts zu tun und mich einfach nicht um Sights zu kümmern, und ich finde das auch gut so. Also kann ich nicht prahlen, würde es aber auch nicht wollen wenn ich es denn könnte.

20140115-181317.jpgDie andere Möglichkeit wäre eine Art kleine Notlüge „ich bin erst frisch angekommen, und habe noch gar nichts gesehen“. Schwerer Fehler, denn jetzt folgt der verbale Reiseführer mit viel „amazing“ und „you have to…“ vom Gegenüber. Gar grauenhaft, wie sich manche Menschen anmaßen die Kenntniss einer allgemeingültigen Touristen-Glücklichkeitsformel für sich zu beanspruchen. Nein, ich werde wohl weder tauchen noch Elefanten reiten gehen, weil beides in meiner Weltanschauung keine löblichen Aktivitäten hier sind. Ich kann auch kein Interesse an einer fullmoon-Party aufbringen, und noch gar niemals hat mich gekömmert was „all touris do…“. Aber das ist nur meine Meinung, vielleicht eine etwas spezielle, aber es darf ja auch jeder seine ganz eigene haben und muss die anderen nicht zwangsläufig gut finden.

20140115-181408.jpgDie dritte Möglichkeit wäre zwar die ehrlichste, führt aber auch selten zu einem positiven Gesprächsverlauf „ich war in Ungarn, dann Serbien, Bulgarien und der Türkei. Von dort bin ich drei Wochen durch den Iran, im Anschluss durch Turkmenistan nach Usbekistan, dann über die Berge und durch Tadschikistan nach Kirgisistan und habe zu allem Übel am Ende leider kein China-Visum bekommen. Weil ich nen Alternativ-Plan gebraucht hab, bin ich dann halt über Kasachstan nach Bangkok geflogen, was ich hier soll frag ich mich bislang aber selber noch ein wenig.“ Fump. Ich habe das probiert, ganz ehrlich. Beispielsweise das französische Päärchen bei dem ich diese Antwort (oder so ähnlich) gewählt habe, weit eher deutsche Klischees erfüllend als drei deutsche zusammen genommen und möglicherweise beide noch unter zwanzig, war damit erstmal sauber geplättet. Klar, es hat auch Neugierde geweckt, aber ich habe mich weder berufen gefühlt denen die Motivation hinter sowas zu erläutern, noch den Erdkundelehrer zu ersetzen. Das Verständniss bewegte sich einfach auf einem kaum wahrnehmbaren Level und ich habe das Gespräch barsch beendet.

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Ja, nennt mich arrogant, aber auf den Touristen-Smalltalk habe ich noch weit weniger Lust als auf „normalen“ Smalltalk. Abgesehen davon, dass ich darin schlichtweg nicht gut bin, ich kann es auch einfach nicht. Aber unabhängig von dieser ganzen Misere: mir sind die Leute einfach fremd, wie sie mit dem Reiseführer und dem schlechtesten Englisch aller Zeiten im Gepäck durch Thailand stolpern ind hinter jeder Ecke das Böse in Person vermuten. Hallo? Das hier ist Thailand, man kann den Reiseführer ruhig mal in der Tasche lassen, den Leuten etwas freundlicher begegnen und sich sicher sein dass die Gefahr hier verloren zu gehen oder kein Dach für die Nacht findet faktisch gegen Null geht.

einer der ganz vielen nähtlichen Besucher um mein Bungalow herum, und - im Badezimmer manchmal auch

einer der ganz vielen nähtlichen Besucher um mein Bungalow herum, und – im Badezimmer manchmal auch

Mag sein dass die doch irgendwie deutlich isolierte Zeit die letzten Wochen so ihre Spuren hinterlassen hat, aber manch hier sind auch echt amüsant. Da gibt es zum Beispiel das deutsche Rentnerpärchen aus dem Bungalow gegenüber. Die beiden fetzen sich den lieben langen Tag über allen möglichen Mist. Ein zankendes, altes Pärchen eben. Sie beschwert sich dass er den Urlaub nicht geplant oder im Griff hätte, er schiebt es aufs „thailändische Chaos“ woraufhin sie immer schimpft dass es ja nicht ihre Idee gewesen wäre und abhaut. „Was magst Du heute noch machen?“ – „keine Ahnung, ist ja eh alles doof hier“ – „ja, schnorcheln war jetzt nicht so der Hit. Wollen wir uns ein schönes Restaurant suchen zum Abendessen?“ – „immer denkst Du n ans Essen!“ – „das war doch nur ein Vorschlag! Wir können ja auch was anderes machen…“ – „ja und was denn?“ – „Spazieren gehen?“ – „An diesem chaotischen Strand?“ (keine Ahnung, was damit gemeint sein könnte…) – „ja, oder was anderes…“ – „ach, lass uns was essen gehen.“ – „und wohin?“ – „nie hast Du nen Plan. Ach, ich geh jetzt schwimmen, ist ja schlimm mt Dir!“.
20140115-181440.jpgBesonders erheiternd ist es, wenn besagter Opi mit einem anderen Typ zusammentrifft, ich tippe auf Mitte vierzig und unüberhörbar Schweizer. Schade, dass ich schweizer Dialekt nicht schreiben kann, denn das verpasst den Gesprächen die man da so aufschnappen kann noch ne zusätzliche Komik. Heute musste Opi seinem Ärger wieder ein wenig Luft machen, und so hat er einen neuen Anlauf bei eben diesem Schweizer gestartet: „Diese Thailänder, echt unglaublich. Sind die chaotisch oder einfach nur faul? Oder gar beides? Da stellen die ne Wanne mit Wasser an den Strand (am Eingang zum Restaurant bzw. Durchgang zu den Bungalows), dass man sich den Sand von den Füßen waschen kann. An sich eine gute Idee, aber das Wasser wird halt weniger, und keiner füllt es auf. Inzwischen ist gar keines mehr drin!“ der Schweizer starrt erst etwas ungläubig, zieht dann die Augenbrauen leicht nach oben und meint nur „na, wir warten halt auf Regen!“. Eindeutig nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte. Aber einen Versuch startet er trotzdem noch: „gestern, da ging doch tatsächlich das Flaschenwasser aus. Im ganzen Restaurant kein Wasser mehr. Und erst als dann alles weg war, haben sie ganz hektisch irgendwo angerufen, dann musste extra ein Motorroller mit ner ganzen Ladung Wasser her fahren! Was ist denn das für eine Organisation?“ der Schweizer, so langsam wird er mir beinahe symphatisch, versteht die Welt nicht mehr: „ja, und jetzt? dann ist doch jetzt wieder Wasser da, oder? Wo ist das Problem? Ich hätte nicht gehört dass hier gestern jemand verdurstet ist!“.

einfach nur Bungalow, ohne Fuddelwuddel.

einfach nur Bungalow, ohne Fuddelwuddel.

Ein wenig Fremdschämen ist hier manchmal schon an der Tagesordnung. Ganz ehrlich? wer nen Wasserauffüll-beauftragten braucht, soll sein Glück doch in einem der unzähligen „Boutique Resorts“ hier auf der Insel, mit was weiss ich wie vielen Sternen und Swimmingpool und Schnickschnack versuchen. Oder noch viel besser: wer sich mit einer fremden Kultur noch nicht mal soweit anfreunden kann wie sie einen selber streng genommen nicht mal betrifft, soll doch bitte zu Hause bleiben. Ich für meinen Teil finde Ko Lanta eine ziemlich traurige Angelegenheit, ist es doch irgendwie vor lauter ausländerstandardverträglichen Klimaanlagenbungalows und Privatpools und künstlich angelegten und bewässerten Rasenflächen schon verdammt weit von dem entfernt, was Thailand denn so eigentlich ist. Ich für meinen Teil bin froh zwischen all den Schniekebuden noch ein einziges Plätzchen gefunden zu haben, das einfache und typisch thailändische Holzhüttchen ohne Klimaanlage, Wasserboiler oder sonstigen Schnickschnack bietet, wo die Betreiberfamilie samt kleinen Kindern mittendrin wohnt, wo alles etwas einfacher ist, vielleicht manchmal auch „chaotischer“, aber auch Welten herzlicher und einfach so, wie es in Thailand halt nun mal ist. Und wenn mich ein leerer Wasserbottich stört, dann füll ich den halt kurz auf. Sind vielleicht zehn Schritte bis ans Meer und die Sache ist fertig. Aber ich sollte das Thema nun glaub besser ruhen lassen, genug geschumpfen jetzt.

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Im Grunde bin ich gerade fast wie die deutschen Touristen um mich herum, grantig und verbittert. Nicht gut.
Aber manchmal, so zwischendurch ist es auch einfach nur amüsant. Meistens braucht es dazu Leute, die sich schon langelange mit Thailand wie es ist abgefunden haben, wie die Frau von schräg gegenüber zum Beispiel. Sie ist hier so was wie Dauergast, und nach über dreißig Jahren Thailand-Erfahrung regt sie sich fast über nichts mehr auf. Heute gab es für das Restaurant ne neue Tiefkühltruhe für das Eis, und das wurde als Gelegenheit genutzt mal auszumisten. Erst bekamen alle Kinder der Betreiber Eis, aber es blieb noch ein wenig was über und so schenkte eines der kleinen Mädchen ein Eis eben dieser Frau. Diese strahlt förmlich, und in einem überaus freundlichen Tonfall meint sie „Ohhh, kop khun kaa (Dankeschön), lass mal sehen was Du da schon wieder für einen Mist für mich hast“. Sie probiert kurz das Eis und meint dann weiter „mmmhhh, schmeckt das scheisse. Sicherlich schon drei Jahre abgelaufen, was? Kop khun kaaaaa!“. Ich hätte mich daneben beinahe gekringelt vor lachen und war dann doch ganz froh, nicht so lange da zu sein dass ich auch mit Eisgeschenken beglückt worden bin.

Ach, es ist schon eigenartig hier. Eigentlich wollte ich glaub schon vor zwei oder drei Tagen hier schon wieder abreisen, aber am Ende habe ich es bislang dann doch noch nicht geschafft. Wenn man auf der Terrasse seines Bungalows sitzt und alles aussen herum gekonnt ignoriert, sich am Meer erfreut und ein wenig planschen geht oder einfach die wirklich ruhigen Stunden nutzt um an einem fast beinahe menschenleeren Strand spazieren zu gehen, dann ist es eigentlich gar nicht so unhübsch hier, das muss ich ja zugeben.

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