relativ „Berg“

 

Wie hätte es auch anders sein können… man gebe mir einem Roller irgendwo in Südostasien und ich habe damit die Garantie auf Sonnenbrand nach dem ersten Tag, ebenso jedes mal auf neue eine ehrliche Überraschung, diese Tatsache doch wieder aufs neue gelernt haben zu müssen. 20140125-211608.jpgVernünftig wäre es demnach heute gewesen, sich irgendwo im Schatten aufzuhalten, die Sonne zu meiden und abzuwarten. Aber das mit der Vernunft ist ja bekanntlich immer so eine Sache…
Ein kurzer Blick an den über weite Strecken wolkenlosen Himmel bot aber einen zumindest halbernünftigen Ausweg: Auf Bokor Mountain ist einfach Verlass, hier tummeln sich doch irgendwie die Wolken am aller liebsten und bieten so zumindest ein wenig Schatten.
Aber halt, wirklich nochmal Bokor? So wirklich ganz umgehauen hat mich der Hügel (‚tschuldigung, ich habe immernoch Bergrelationen aus Tadschikistan und Kirgisistan im Kopf) letztes mal schon nicht. Aber vielleicht hat sich ja was zum positiven verändert. Vielleicht… was ne naive Idee.

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Auf dem Weg ist die erste Neuerung schon ein gutes Stück vor dem Hügel zu erkennen: eine kleine Hütte an der Straße, eine Schranke und ein paar Uniformierte: Eine Mautstation, oder Eintrittskatenzeug. Was der genaue Grund ist spielt ja eigentlich keine Rolle, so oder so werde ich erst mal Geld los noch bevor ich auf meinem Roller auch nur einen einzigen Höhenmeter überwunden habe. Dafür ist die Straße nun fertig, und ohne Angst nach jeder Kurve potentiell mit irgendwelchen Baggern oder Kieslastern zusammenzutreffen nach oben zu kommen ist ja auch schon was wert. 20140125-211559.jpgDass Kambodschaner die wohl schlechtesten Autofahrer sind die mir unter dieser Sonne jemals begegnet sind relativiert das ganze aber gewaltig. Kurven sind sie nicht wirklich gewohnt, Serpentinen dagegen machen ihnen schon förmlich Angst. Während sie vor jeder noch so wunderbar einsichtigen und weit gestreckten Kurve auf minimum zwanzig Stundenkilometer runterbremsen, haben sie immernoch den gesteigerten Drang die Kurve so weit es der Teerbelag nur zulässt zu scheiden, nicht dass sie womöglich durch die abnormalen Fliehkräfte von der Straße gedrängt werden. Ich glaube, ganz ehrlich, selbst dieser Klischeerentner mit gehäkeltem Klorollenschoner auf der Hutablage seines Mercedes 190E würde hinter dem durchschnittlichen kambodschanischen Autofahrer auf dieser Strecke zum wild gestikulierend hupenden und schimpfenden Nervenbündel werden. Also was früher mal ein Bagger nach der Kurve war ist heute eben ein Toyota Camry mit Kennzeichen aus Phnom Penh der auf der Gegenspur steht.

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Eigentlich wollte ich aber gar nicht über Autofahrer schimpfen, durch irgendwas habe ich mich da nun ablenken lassen… Also zurück zu Bokor selbst. Die Buddhastatue ist so beinahe fertig, es wurde ein gigantischer Parkplatz mit breiten Wegen und Souvenir-Infrastruktur angelegt, ebenso einige uniformierte Aufpasser platziert damit auch ja keiner den vorgesehenen Weg verlässt. Reisebusse voller Asiaten werden abgeladen, alle stehen einmal Richtung Aussicht, lassen sich fotografieren und zischen dann direkt wieder ab. Mir persönlich hat die Buddhastatue welten besser gefallen bevor sie diesen kitschigen knallbunten Anstrich und Brüste in für einen Mann gar unglaublichen Ausmaßen erhalten hat, ich fand die Stelle spannender als man in der Kurve auf einem kleinen Schotterplatz halten konnte und um die Aussicht genießen zu können sich einen kleinen Pfad in Richtung Black Villa bewegen musste, aber offensichtlich mag es das asiatische Publikum auf diese Art deutlich lieber. Geschmacksfragen und Kulturunterschiede eben. Ach, zum Thema Black Villa: das ist eines der beiden verfallenen Häuser unweit der beinahe fertigen Buddhastatue. Ich weiss nicht mehr genau welchem Kambodschanischen Präsidenten, Diktator oder König das irgendwann mal gehört hat, aber es ist eine meiner Lieblingsruinen mit einer wirklich schönen Aussicht, die ich gerne nochmal gesehen hätte. Blöd nur, dass da heute gleich zwei Uniformierte aufpassen dass sich keiner den Pfad entlang verirrt. Schade.

20140125-211548.jpgJa, Bokor wird immer mehr ausgebaut. Am gravierendsten ist das noch ein Stück weiter, kurz vor den Ruinen der ehemaligen französischen Hill Station zu erkennen. Das riesige neue Hotel ist inzwischen auch fertig und in Betrieb und führt den Zusatz „Mountain Resort“. Von Rezensionen verschiedener Hotelbewertungsseiten weiss ich zufällig, dass die wenigen nichtasiatischen Touristen die sich (aus welchen Gründen auch immer) hier her verirren reichlich veräppelt vorkommen. Es gibt wohl auf den Zimmer des „Mountain Resort“ weder eine andere Aussicht als die auf die Fassade des Nachbargebäudes, noch irgendeinen Balkon oder wenigstens die Möglichkeit ein Fenster zu öffnen um Frischluft herein zu lassen. Einen Mountainbike-Verleih soll es wohl geben, aber auf diesem Hügel gibt es lediglich breit ausgebaute Teerstraßen – und zahlreiche Uniformierte die darauf aufpassen dass man die auch nirgends verlässt.
Abgesehen vom Hotel kamen noch so einige gar gräßlich große und „luxuriöse“ Häuser hinzu, persönlich würde ich auf Ferienwohnungen tippen. Ach, der Wasserfall ohne Wasser, den ich zusammen mit ein paar anderen beim letzten mal zufällig hinter ein paar dichten Büschen entdeckt habe… er existiert noch. Das komische Gebilde das beim letzten mal noch irgendwie auf ein Gewächshaus in Entstehung vermuten ließ, ist nun ein Fresstempel mit Gemeindehallencharme, die Büsche sind natürlich alle einem Parkplatz und einer großflächig versiegelten Außenanlage gewichen, während man nun natürlich auch zum wasserlosen Wasserfall nicht mehr durch ein extrem felsiges und halb ausgetrocknetes Flussbett klettern muss, sondern bequem auf einem breit angelegten und betonierten Weg mit Handlauf und Treppe gelangen kann.

20140125-211618.jpgAlles in allem, Bokor wird zurückerobert. „Westliche“ Touristen sind, soweit ich das hören konnte, allesamt ziemlich enttäuscht von dieser Erfahrung gegenüber dem was gewisse Reiseführer wohl noch so versprechen, denn selbst die Ruine des alten französischen Hotels, ein Überbleibsel der Kolonialgeschichte und Schauplatz so einiger verbitterter Auseinandersetzungen war wohl die längste Zeit ein verlassenes und fotogenes Gruselhaus. Inzwischen wurde selbst das „renoviert“: die Einschusslöcher sind überspachtelt, die Wände von Moos, Gewächs und Dreck gereinigt, die Böden gefegt und der letzte Charme ersetzt durch Plastikbänkchen und ein umfangreiches Gastronomieangebot im Vorgarten.
Bokor Mountain, das neue kambodschanische Toismusparadies… mag sein, dass es erfolgreich wird. Höchstwahrscheinlich wird es das aber nicht mit Touristen die von außerhalb Asiens anreisen.
Ich jedenfalls werde zukünftig mit Sonnenbrand in Kampot eine Hängematte im Schatten definiv so einem Ausflug vorziehen.

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