Zement, nochmal…

 

Und schon wieder so ein Ort, der mal echt toll war… Ich sollte aufhören Stellen zu besuchen, an denen ich in der Vergangenheit schon einmal gewesen bin. Die alte Zementfabrik ein gutes Stück außerhalb von Kampot zum Beispiel. Ich glaube das „Original“ hat nie den Weg vom Notizbuch ins Netz geschafft, aber das spielt gerade auch kaum eine Rolle. Es war, oder ist immer noch ein felsiger Hügel, unten am Fuß gibt es eine kleine teilweise mit Wasser gefüllte Höhle in die man klettern kann, wahlweise um von Moskitos zerstochen zu werden, oder sich über den genauen Hintergrund der büschelweise abgebrannten Räucherstäbchen zu wundern. Den Berg entlang hoch gibt es eine Arte Treppe, daneben etwas das nach Rutsche aussieht, eine ziemlich mysteriöse Ruine aus schon länger vergangenen Tagen, der man zwar ihren ursprünglichen Verwendungszweck so auf Anhieb nicht erkennen kann, die aber eine angenehme Möglichkeit bietet um auf den Hügel zu klettern und eine gar wunderbare Aussicht über das ländliche Kambodscha zu genießen. Es gibt wohl so einige Legenden u, diesen Berg, eine davon behauptet dass dort oben schon seit Jahrhunderten ein mächtiger Tiger versteckt leben soll.

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Aber auch hier tut sich was, wie beinahe überall in Kambodscha. Es tut sich sogar schwer was, in Form von fünf Baggern, zwei Planierraupen und einem ganzen Schwarm Lastwagen die dem Hügel schwer zu Leibe rücken. Vor dem selbigen selbst dominiert nun eine riesige Baustelle die Landschaft, eine gar unangenehm hässliche Industrieanlage entsteht hier. Laut dreisprachigem Schild auf chinesisch, englisch und khmer wird es wohl wieder eine Zementfabrik werden, wenn auch diesemal nicht wie die Ruinen der alten auf dem Hügel, sondern am Fuß davon. Ob der Hügel irgendwie aus Zement besteht? Woher kommt Zement eigentlich genau? Eine Frage, mit der ich mich nie beschäftigt habe. Aber ich war im ersten Moment auch zu entsetzt, dieser Frage hier weiter nach zu gehen, und am Ende spielt es gerade auch irgendwie keine wirkliche Rolle. Vermutlich wird der Hügel in absehbarer Zeit komplett umgedreht und niedergebaggert werden, aber wer weiss das heute schon so genau? Der Anfang ist jedenfalls definitiv gemacht.

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die alte Zementfabrik, oder deren Ruine – als Ruine.

Ich war ein wenig traurig, muss ich zugeben. Der schöne ruhige Ort mit der tollen Aussicht ist jetzt schon weder ruhig noch ist die Aussicht sonderlich toll. Mich beschleicht so ein wenig das Gefühl, dass Kambodscha langsam aber sicher und mit einer ziemlichen Systematik alle schönen Orte zu zerstören scheint. Gestern der Nationalpark, heute der Zementhügel, und wer weiss was da noch so alles kommt. Ganz besonders schlimm finde ich persönlich die Schlussverkaufsstimmung dabei. Es ist ja nicht so, dass der gemeine Kambodschaner sonderlich viel von diesen Änderungen hat. Hier sind offensichtlich mal wieder Chinesen am Werk, auf Bokor Mountain sind es vermutlich Japaner, DIE Hauptsehenswürdigkeit Angkor Wat ist verpachtet an… ich weiss es gerade nicht sicher, aber definiv auch eine nichtkambodschanische Profitgesellschaft. All die Veränderung brit vielleicht ein paar Arbeitsplätze, die unter schwersten Bedingungen ein paar Dollar Gehalt für ein paar ehemalige Reisbauern bedeuten, aber der große Teil des Gewinns wandert auf dem direkten Weg in irgendeine Richtung über die Grenzen ins Ausland. Was über bleibt, ist vielleicht eine zerstörte Landschaft, vielleicht ein bisschen Infrastruktur, viel Lärm und Dreck und Umweltzerstörung, ein paar wenige Dollar für ein paar wenige Kambodschaner und ausgebeutete Rohstoff- und (an anderer Stelle) Wasservorkommen. Nichts, was ich mit meinem Verständnis wirklich gut heißen könnte.

in Kambodscha besser vegetarisch... ein Schwinetransport. Lebendig.

in Kambodscha besser vegetarisch…
ein Schwinetransport. Lebendig.

Ich habe es mir dieses mal verkniffen zwischen den Baggern vorbei noch einmal nach oben zu klettern, sondern habe mich mit etwas Abstand davor gesetzt, mir die Sache einfach nur von unten angesehen.
Aber was war denn die alte Zementfabrik? Ein wohl gar hässlicher Industriebau, genau wissen kann ich es nicht denn ich habe Sie zu der Zeit nie gesehen. Dazu noch an gar promimenter Stelle errichtet, weithin sichtbar oben auf einem Hügel mitten im platten Land. Sicherlich kein schöner Anblick, und unter Garantie wurde auch damals schwer an dem Hügel gekratzt, vielleicht war er irgendwann sogar schon mal etliche Meter höher. Errichtet, ich vermute jetzt einfach mal, von ein paar Kolonial-Franzosen, unterm Strich ebenso zur Ausbeutung der Kambodschaner. Wo liegt nun also der Unterschied? Je länger ich vor diesem Berg sitze und darüber nachdenke, um so weniger kann ich einen finden. Der Hühel hat schon so einiges erlebt, und wenn an dem Mythos mit dem Tiger was dran sein sollte, so hat auch er sicherlich schon mehr als eine gravierende Veränderung erlebt. Die Reste der Franzosen, inzwischen in Trümmern auf dem Berg liegend, sie wurden erst niedergeklopft und liegen gelassen, dann kam die Natur und hat sich ihren Teil zurück gefordert. Auch die Kambodschaner haben ein wenig aufgeräumt die letzten Jahrzehnte, wenn auch auf brutalste Art und Weise, aber erstmal haben sie sich von den Franzosen gelöst. Was danach kam… nunja, eine andere Geschichte. Aber die Dinge haben sich schon immer geändert, auch hier.
Irgendwann dann fand auch der Hügel eine kurze Zeit der Ruhe, vermutlich die Zeit in der ich ihm das erste mal begegnet und ihn als besonders schön kennengelernt habe, auch wenn vor zwei Jahren das sicherlich nur die kurze vor dem geplanten (An-)Sturm gewesen sein dürfte.
Heute sind neue Franzosen hier, bauen neue hässliche Bauten und fangen aufs neue an zu plündern (nur so mein ganz persönlicher Eindruck). Aber wer weiß, was daraus werden wird? Vielleicht wird der Hügel wirklich verschwinden. Vielleicht baut ja irgendwer mal ne Achterbahn mit Vergnügungspark an diese Stelle, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht wird die neue Zementfabrik in zwanzig Jahren wieder niedergerissen, vielleicht wird es auch eine wunderbare, ruhige und zugewachsene Ruine in der auch der Tiger sein neues Zuhause finden kann…. wer kann das heute schon alles wissen?

"moving fast..."

„moving fast…“

Fest steht allerdings, dass ohne die eine erste Fabrik der Berg auch vor zwei Jahren nicht gewesen wäre was er war. Womöglich wär es ein stinknormaler Hügel, dem ich keine Beachtung geschenkt hätte. Es gäbe keinen so wunderbaren Weg nach oben, vielleicht wäre alles zugewuchert gewesen und sowas wie „Aussicht“ sowieso alles dadurch versperrt. Beschweren kann ich mich also nicht wirklich dass hier nun weitergearbeitet wird und der Ort sich auf neue verändert, oder immernoch verändert. Stillstand bedeutet Rückschritt, und die Welt wird sich immer weiter drehen. Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass es den Leuten hier tatsächlich eine positive und langfristige Veränderung bringt. Zu wünschen wäre es ihnen.

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