Kolonialgeschichte

 

Die Tage vergehen langsam in Kampot, was aber nicht unbedingt als unangenehm wahrgenommen werden würde.
Noch immer gibt es nicht viel zu tun, nicht viel zu sehen und nur allzu viele Möglichkeiten den Tag in gemütlicher Halbliegeposion so vor sich hin zu vegetieren und Buddha nen guten Mann sein zu lassen. Das Angebot an allen möglichen Sonnendecks, Cafes, Restaurants und gemütlichen Guesthouse-Gärten ist jedenfalls durchaus gegeben und Stress kommt hier sicherlich keiner auf.

fern ab von jeglicher Straße oder Siedlung, mitten in den Feldern, irgendwo.

fern ab von jeglicher Straße oder Siedlung, mitten in den Feldern, irgendwo.

Wenn dann doch langweile aufkommt oder die Motivation auf etwas anderes drängt, so schwingt man sich eben auf den gemieteten Motorroller und erkundet die Gegend. Alles in allem ist es echt ein schöner Ort, wenn auch erstmal wenig Klischee-Urlaub so inmitten heruntergekommener Kolonialbauten und fern ab von Sandstrand und Palmen. Komischerweise scheint hier aber beinahe so ziemlich jeder weit länger hängen zu bleiben als geplant, und obwohl ich in weiser Voraussicht schon von vorne herein grob eine Woche angedacht habe, fällt der wirkliche Absprung irgendwie dann doch schwer.

Zuckerrohrplantage, SugerCaneJuice in Rohzustand ;)

Zuckerrohrplantage, SugerCaneJuice in Rohzustand ;)

Der wirkliche? Nungut, es gibt da so eine spontante Idee, der ich nicht in Kampot nachgehen wollte und/oder konnte. Es ist nicht so, dass die Idee wirklich neu wäre, schon seit ein paar Wochen kam der Gedanke immer mal wieder auf. Es ist grob zwei Jahre her, dass ich das letzte mal in dieser Gegend Asiens gewesen bin. Nichts besonderes soweit, und dennoch ist es für mich irgendwie der Ort an dem ich mehr oder minder damals beschlossen habe, diese Kurzhaarfrisur aufzugeben, das obwohl ich der ebenfalls in Asien, aber eher anderen Orten, schon so die ein oder andere spannende Friseurgeschichte zu verdanken habe. Auf irgendeine Art ist es also der perfekte Ort und wohl auch nicht die schlechteste Idee mal wieder was zu ändern, und so überkam mich eines Abends doch ziemlich spontan dieser Plan: Es war schon weit nach Zehn als ich mal vorsichtshalber schon dem Guesthousepersonal angekündigt habe am nächsten Morgen zu gehen und, nur um die eigene Motivation dazu auch aufrecht erhalten zu können den Motorroller zurück gegeben habe. Ja, ich weiß. Motorroller werden tageweise vermietet, und ich könnte den gut und gerne auch noch bis morgen behalten… aber nein, wer weiß auf was für Ideen ich sonst morgen ganz spontan noch kommen könnte? Manchmal muss man seine eigene Freiheit ein klein wenig einschränken, und egal ob der Roller jetzt ohnehin noch bis morgen vor der Tür steht… ohne Schlüssel dazu bleibt mir ja fast schon keine andere Wahl mehr, als mich an meinen Plan zu halten.

Landwirtschaftliches Transportmittel für beinahe alles: das dok-dok

Landwirtschaftliches Transportmittel für beinahe alles: das dok-dok

Der Anfang war gemacht. Jetzt fehlen nur noch die Details am frühen Morgen: Busticket nach Phnom Penh? Einfach und schnell erledigt. Aber das ganze will noch etwas Form bekommen, so ganz banal will ich das dieses mal nicht erledigt haben. Und um diese zu wahren, bekommt mein Plan plötzlich ausgewachsene „Beauty-Tag“-Ausmaße. Reservierung im Boutique-Hotel? Klar, mal wieder ne ausgiebige Dusche und den Low-Budget-Reisedreck von den Fußsohlen schrubben klingt wenig nach Luxus, sondern nach durchaus angebrachter Notwendigkeit. Ein Termin bei einem der angesagtesten Langnasen-Friseure in Phnom Penh? Ging zum Glück auch noch spontan: lange Haare kurz schneiden, das ist glaub ein Vergnügen das Friseure selten ausschlagen.

schlecht Straßen, fröhliche Menschen. Trifft in Kambodscha irgendwie häufig zusammen !?

schlecht Straßen, fröhliche Menschen. Trifft in Kambodscha irgendwie häufig zusammen !?

Alles in allem: Internet ist eine tolle Erfindung, und so krame ich noch kurz mein Gepäck in der windigen Bambushütte zusammen die die letzten paar Tage meine Heimat war, packe weniger geplant als aus Versehen als Souvenir noch eine halbe Ameisenkolonie mit ein, sage meinem riesigen Gecko-Kumpel auf wiedersehen und begebe mich zu Fuß über die staubigen Straßen Kampots in Richtung Bushaltestelle, mein flashpacking-Luxusausflug-Beautytag wartet ja nicht auf mich.
Wobei… ein Eiskaffee in einem der besten Cafes Kampots ist noch drin, welch wunderbare und luxuriöse Frühstücksalternative im Vorgarten eines alten und schön renovierten Kolonialhauses. Ist ja nicht so, dass ich hier nicht beinahe jeden Tag zum Frühstück vorbei schauen würde und mich Anstands halber noch verabschieden sollte.

Krankentransport, sitzend. Mit Tropf.

Krankentransport, sitzend. Mit Tropf.

Welch eigenartiges Volk, diese Südostasien-Touristen! Gar widerlich, wenn man es mal genau betrachtet:
Hängen am liebsten in den billigsten Bambushütten zwischen Insekten und Geckos herum, weil das ja so schön authentisch und authentisch ist, übersehen dabei nur allzu gerne dass diese Hütten meistens durch Langnasen für die Beherbergung von Langnasen errichtet wurden und nicht nur der angeschlossene Luxus mit fließend Wasser, die Küche des Restaurants mit dem scheinbar unbegrenzen Lebensmittelvorrat sowie die Kühlbox mit Cola und Bier so absolut gar nichts mit dem „einfachen Leben“ gemein hat, sondern die ganze Einrichtung im Grunde, und sei sie noch so nett, am Ende ein Geschäftsmodell darstellt. Wir dem Langnasentouristen diese Einrichtung dann doch etwas zu einfach, dann rettet er sich gerne erst mal in ein eigens für ihn und seine Ansprüche gestaltetes Cafe oder Restaurant, in dem er sich, meistens mit gutem Blick auf die hart arbeitende lokale Bevölkerung, von eben dieser überteuerten Kaffee an seinen gepolsterten Sessel im Schatten servieren lässt. Er unterhält sich wahlweise mit anderen Langnasen über lokale Geschäftsmodelle oder gibt sich gar luxuriösen Beschäftigungen wie das lesen verschiedener Onlinezeitungen hin, während gerade ein Kambodschaner auf seinem an ein altes Herrenrad geschweißten mobilen Marktkarren vorbeistrampelt, in der Hoffnung an irgendjemand ein paar Erdnüsse verkaufen zu können und so ein paar ehrliche cent für seinen täglichen Lebensunterhalt verdienen zu können. Natürlich geziehmt es sich für Langnase von Welt nicht, von seinem bequemen Schattenplatz aus in Interaktion mit so einem Straßenverkäufer zu treten, und ist dieser doch versucht seine Waren in diesem exklusiven Refugium anpreisen zu wollen, so wird er von seinen eigenen Landsleuten, die allerdings im Dienst der Langnasen im einem dieser Lokale stehen, des Grundstücks ebenso verwiesen wie Bettler die die touristischen Dollar gewittert haben.
Neigt sich der Tag dann dem Abend zu, verdingt sich die gemeine Langnase die Zeit mit einem gar feudalen Abendessen… importiertes Lamm vom Grill an frischem Gemüse und hausgemachtem Kartoffelbrei steht dabei ebenso auf den Speisekarten wie Rippchen oder Hamburger und Kartoffelecken. Wer etwas abenteuerlich veranlagt ist, der kann sich auch an der etwas auf westliche Geschmäcker angepassten Variante der lokalen Küche versuchen, aber die meisten haben sich daran längst satt gegessen oder den Versuch damit die von zuhause gewohnte Sättigung zu erreichen aufgegeben und bevorzugen, aus welchem der beiden Gründe auch immer, die von fleißigen Kambodschanern schnell und frisch zubereitete und von zuhause bekannten Gerichte.
20140207-121621.jpgVerspürt die etwas unerhaltungsfreudige Langnase nach dem Abendessen noch immer nicht den Drang sich zurück in die einfache Bambushütte zur Nachtruhe zu begeben, so besteht jetzt zum Beispiel noch die Möglichkeit der gediegenen Geselligkeit, meistens begleitet durch ein vom deutschen oder tschechischen Braumeistern in Kambodscha gebrautes Bier das mit einem Gespräch mit anderen Langnasen in einer der Bars am Flussufer oft einhergeht. Natürlich platziert man sich auch hier bequem in Sesseln oder mindestens gepolsterten Stühlen, während das gemeine Einheimischnvolk auf der anderen Straßenseite vermutlich mangels geeigneter Parkanlagen ihr Familienpicknick am Flussufer auf dem Gehweg abhält.
Ist das Bier dann leer, das Gespräch dem Ende ziemlich nahe und der Drang nach Schlaf groß genug, so wird ein letztes mal auf die Dienste der Einheimischen Bevölkerung zurückgegriffen: Man sucht sich ein Motorradtaxi, groß genug um ganze kambodschanische Familien mitsamt Gepäck und Wocheneinkauf zu transportieren, wedelt mit ein paar Geldscheinen und lässt sich bis direkt vor die Bambushütte am anderen Flussufer kutschieren. Man könnte sich ja überanstrengen auf dem Weg, oder ein paar streuenden Hunden begegnen, oder noch schlimmer: ein paar Einheimischen in der Dunkelheit!

20140127-230617.jpgJa, man kann alles übertreiben. Und ja, ich habe mir dabei sogar ein wenig Mühe gegeben. Aber ganz ehrlich? In mir kommt die letzten Tage immer häufiger die Frage hoch, an welchem Punkt sich wohl französische Kolonialisten im täglichen Leben von dem großen Durchschnitt der heutigen Touristen unterscheiden. Kurzum: ich weiß es nicht. Ich war nicht hier, und kenne auch keinen der es gewesen ist. Aber so freundlich in der Realität auch alle sind, so willkommen man heute als Tourist in kambodschanischen Restaurants und umgekehrt ist, am Ende bleibt es irgendwie doch immer eine Zweiklassengesellschaft. Die einen hier, die anderen da. Die einen zahlen öffentlich zwei Dollar für einen Kaffee, ein paar Meter weiter gibt es andere, die eine ganze Familie einen kompletten Tag mit weniger ernähren müssen. Vielleicht sollte ich die Tage i gediegenen Cafe mit WLAN und dem leckeren Eiskaffee mal schauen ob ich „Tage in Birma“ als ebook bekommen kann, könnte eine spannende Lektüre hier sein. Auch wenn hoffentlich Welten zwischen Kolonialismus und Tourismus im täglichen Leben des kleinen Mannes liegen, gewisse Parallelen gibt es sicherlich, davon bin ich inzwischen echt überzeugt, und das was ich gerade angeschnitten habe ist dabei nur der Anfang.

Aber zurück, das Thema flashpacking in Phnom Penh will noch zu Ende gebracht werden… ich muss zugeben: ich habe es genossen. Ich Chef, und was kostet die Welt? Taxi zwei Dollar? Günstig, ich bin dabei. Magst Du warten bis ich fertig bin? Ich zahl Dir auch nen Dollar mehr. Importbier aus Laos, die Dose für zwei Dollar? immer her damit, bekommt man ja sonst nirgends! Ein Cappuchino für vier Dollar bei Costa am Flussufer? Wow, vier Dollar, das ist echt…. ach, kacke, Cappuchino! Echter Cappuchino, her damit!
Ich denke es liegt in der Natur des Touristen, ein Geltungsbedürfnis das vielleicht aufkommt nachdem man ein wenig erahnt wie groß die Welt und wie klein man selbst doch eigentlich so ist. Und ganz ehrlich? Es wird einem auch nur allzu leicht gemacht.
Aber ich komm schon wieder vom Thema ab. Ich glaube das wird mich wirklich noch ne Weile beschäftigen, aber jetzt definitiv zurück zum üblichen Reiseblog-blah. Oder… ich mach das mal anders und übe mich ein wenig im wohl schlechtesten Cliffhanger aller Zeiten: es ist schon spät und ich bin müde, den Reiseblogblah gibts also erst morgen, oder so ;)

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: