ein Behördenausflug

 

Inzwischen sind meine Tage hier deutlich geprägt von spontanen Ideen, die sich nicht immer unbedingt als die aller besten herausstellen. Am Abend meistens noch ohne Idee kommt beim morgentlichen Kaffee dann immer unweigerlich die Frage nach dem „… und nun?“ auf, wahlweise nochmal ins Bett, einfach sitzen bleiben oder in irgendeine Himmelsrichtung losfahren und sich in gemäßigt kontrollierten Rahmen in der Landschaft verirren? Meistens wird es ne Kombination aus allem, manchmal mit mehr und manchmal mit weniger „Erfolg“ und befriedigung des Forscherdrangs. Gestern aber, aus tatsächlich nicht genauer definierbaren Gründen steckte da die plötzliche Idee in meinem Kopf dass es doch an der Zeit wäre dieses eigentlich wunderbare Kampot so langsam mal zu verlassen, gefühlte eineinhalb Wochen sollten dann auch erst mal genug sein. Doch wohin? Schon wieder in einen Bus nach Phnom Penh um dann irgendwie wieder in Don Det und Pakse zu enden? Mhmm, nein, schon oft genug den Weg gesehen. Siem Reap, Battambang und wie sie alle heißen sind auch keine Option, man will ja sein schönes und hart erarbeitetes Bild von Kambodscha nicht mutwillig innerhalb von einem Tag ruinieren. Also was dann? Zurück nach Thailand? Ehm, da gibt es gleich zwei Worte die dagegen sprechen: „zurück“ und „Thailand“. Beide miteinander hören sich im Moment nicht positiv für mich an. Also, langes Ausschlussverfahren und wenig Alternativen stellt Vietnam gerade das kleinste Übel für mich persönlich dar, und auch wenn es weder in Budget noch in Entfernung irgendwie allgemeingültige Sinnhaftigkeit erkennen lässt: es soll mein Weg nach Laos werden. Es ist ja nicht das erste mal, dass ich mich aus komischer Überzeugung für eher ungewöhnliche Wege entscheide. Nun aber zum Nachteil: Vietnam braucht ein Visum, eines das man auf einem Konsulat oder der Botschaft quasi käuflich erberben kann und sogar muss, bevor man an der Grenze auftaucht. Sicherlich ist dabei mit weit weniger Arbeit als den Behördengängen in Teheran zu rechnen, dennoch will ein Visumsagent dafür drei Tage brauchen, Wochenende nicht mitgerechnet. Also spontan fünf. Nein, das ist mir dann doch zu unspontan und ich beschließe die Sache selbst zu versuchen. Wie lange braucht man auf nem Motorroller von Kampot nach Shianoukville? Grob zweieinhalb Stunden? Ja, das klingt machbar, und somit kommen wir zum heutigen Morgen, sieben Uhr fünfzehn, als mein Wecker klingelt. Oder acht Uhr, als ich dann tatsächlich auch mal aufgestanden bin. Sonne war keine zu sehen, stattdessen begrüßte mich eine gar ekelig dichte Wolkendecke zum Frühstück, die dann auch recht deutlich das kalte Wetter erklärt hat. Einen neuen Kälterekord will Südostasien erlebt haben über den derzeitigen Winter, mit irgendwas um die durchschnittlich zwanzig Grad bei Nacht. Aus meiner Sicht kann ich dem nur Recht geben, aber es fühlt sich noch wesentlich kälter an als es sich in Zahlen liest. Ich freue mich jedenfalls riesig über den mollig warmen Pullover den ich noch immer mit mir herum schleppe genauso wie über eine heiße Tasse Kaffee, bevor ich mich dick eingepackt auf den Weg mache. Die Strecke nach Shianoukville bin ich auf dem Roller zwar noch nie gefahren, dafür aber in allerhand MiniVans und erinnere mich nur allzu deutlich daran dass die Strecke lang ist. Länger als die grob einhundert Kilometer in Zahlen ausdrücken, zäh und eintönig bis ans Ende. Ein Glück dass mein derzeitiges Gefährt, eine Honda Dream, irgendwie ein stabileres Fahrgefühl vermittelt als die üblichen Honda Wave Mietroller, anders hätte ich mit schwer gequältem Gashahn und ständigem herunterschalten die prognostizierten zweieinhalb Stunden wohl auch nicht halten können. Merke: nicht nur Angaben zur Dauer einer Busfahrt weicht wohl generell mindestens 25% von der Realität ab.

irgendwo ein Stück vor Shianoukville, versteckt hinter ner Reihe an Gebüsch...

irgendwo ein Stück vor Shianoukville, versteckt hinter ner Reihe an Gebüsch…

Aber abgesehen von einem schmerzenden Hinterteil und einem für so einen Roller ungewohnten Benzinverbrauch war ich dann wenigstens am Konsulat ankommen, ohne von der Polizei erwischt zu werden. Achso, kleiner Mangel an Hintergrund: Während mane Quellen behaupten es sei schlichtweg illegal in Shianoukville Roller an Touristen zu vermieten, scheint sich nach etwas reherche dann allerdings das ganze ein wenig zu lüften: die Polizei nimmts hier sehr genau mit Roller fahrenden Touristen. Zu genau. Die Rangliste führt wohl bei Tag eingeschaltetes Licht an, in Kambodscha per Gesetzt verboten und wenn man es weiß auch eher einfach zu umgehen. Danach kommt fahren ohne Helm. Ob es dafür in Kambodscha wirklich ein Gesetzt gibt weiß ich noch nicht mal, praktisch wird dem aber wenn überhaupt nur selten Beachtung geschenkt, zumindest unter der einheimischen Bevölkerung. Aber sei es wie es will, unerfahren in Kambodscha ohne Helm? Die Gefahr seh ich bei mir zumindest nicht. Sind die zwei Punkte wenig (Schmiergeld-) versprechend für die kiebe Polizei, so wird nach einem internationalen Führerschein gefragt, und mal ehrlich: wie hoch ist die Chance dass den wer in der Tasche hat? Ich habe davon gewusst, aber davon abgesehen gibt meiner ganz global und undifferenziert an ich darf keine Motorräder fahren, außerdem ist er seit einem Monat abgelaufen. Aber auch das hilft im Grunde nichts, denn im Notfall wird die Polizei einfach kreativ: man kann von spontanen Einbahnstraßen ebenso lesen wie von „Kaffeegeld“ und Straßengebühren. Natürlich kann man wahlweise immer aussuchen zwischen „Polizeistation, big Boss und großer Strafe“, oder „dem kleinen Dienstweg und zehn Dollar“. Ist klar. Wenn man allerdings freundlich und nett ist, kann man auch mit ein bis zwei Dollar „Strafe“ davon kommen. Ich hat schwer damit gerechnet dass es mich trifft, bin ich doch a) Tourist und b) mit einem Roller der ländlichen Gegend ohne Nummernschild unterwegs. Das bettelte förmlich nach Polizei. Aber nein, einfach kein Verlass auf diese Horrorgeschichten, und eins kann ich vorneweg nehmen: den ganzen langen Tag über blieb es auch dabei. Aber zurück zum Konsulat. Ein wenig komisch finde ich diese Einrichtung im Kontrast ja schon, habe ich doch in letzter Zeit an so einem Ort weder eine ausgeschilderte Besuchertoilette, Wartebänkchen im Freien, Mülleimern, Aschenbechern, Wasserspender mitsamt Dinwegbechern und öffentlich ausgehängtem WLAN-Schlüssel erlebt. Aber ich bin positiv überrascht, hat hier doch irgendjemand verstanden dass man für sagenhafte sechzig Dollar besser ein wenig mehr bietet als ein Stahltor mit Durchreiche im Freien, um die gut zahlende Kundschaft bei Laune zu halten. Da fällt dann auch eine gewisse Willkür in der Wartezeit nicht mehr so auf, und die scheint hier wirklich zu herrschen. Es war kurz vor elf Uhr, und das Konsulat eigentlich relativ leer. Vor mir ein Herr mittleren Alters der bereits mit ausgefülltem Antrag am Schalter stand und zwei deutsche Jungs, höchstens Anfang zwanzig gerade am Formulare ausfüllen (ach, Jungs… ihr könnt doch nicht im Ernst als „purpose of visit“ in das Feld daneben „travel“ eintragen, kommt schon!). Der Mann am Schalter zahlte 60 Dollar, wartete zehn Minuten und bekam seinen Pass mitsamt Visum direkt zurück. Die beiden Jungs, sagen wir einfach mal nicht gerade der Anstand in Person, bezahlten ebenso je 60 Dollar, fielen etwas barsch mit der Tür ins Haus und wollten auch gleich ihr Visum haben – durften ihres aber erst am Nachmittag des nächsten Tages abholen. Keine Diskussion. Ein wenig schockiert über diese Beobachtung und wenig begeistert von dem Gedanken morgen die ganze Strecke nochmal fahren zu müssen habe ich erst mal gewartet bis die beiden Partyboys den Raum verlassen haben und als Einreisedatum mal schon vorsichtshalber den kommenden Tag in den Visumsantrag eingetragen. Ob es nun die zurückhaltende Freundlichkeit unter Einhaltung zumindest der mir bekannten lokalen Etikette (Geld mit der rechten Hand übergeben, linke Hand an die Armbeuge des rechten Arms, freundlich grinsen und bedanken, Rückgeld immer mit beiden Händen…) war oder das spontane Datum auf meinem Antrag, ich hab zumindest plötzlich eine wieder freundliche Konsulatsdame erlebt, die mir mitteilt dass ich das Visum am Nachmittag abholen könne. Nachmittag? Nun gut, besser nicht verhandeln. Nachmittag ist ja schon Welten besser als morgen.

Shianoukville und das Strandleben...

Shianoukville und das Strandleben…

Fünfeinhalb Stunden in Shianoukville, das ist so ganz ohne Badehose eine lange Zeit, vorallem wenn man das Glück nicht allzu sehr herausfordern und zwangsweise einem Polizisten in Geldnöten dessen Frau gestern mit Freundinnen die große Shoppingtour unternommen hat begegnen möchte. Arg viel mehr als am Strand im Schatten zu sitzen bleibt da schon kategorisch nicht über, denn nach wie vor ist es einfach eine braandneue Stadt, die aus zwei Gründen gebaut wurde: ein Containerhafen und Stradtourismus. Also nichts spannendes, nur Strand, Sardinenliegen, Hotels und irgendwo ums Eck wo man es nicht sieht ein Berg Container. Diese Multitaskingfähigkeit die hier manche an den Tag legen kann ich grundsätzlich irgendwie nicht aufbringen, mag es auch nicht: mittags in der Sonne Bier trinken, gleichzeitig Sandkörner zählen, Bikinis hinterher starren und Strandverkäufer abwimmeln mag mich noch immer nicht begeistern, und so halte ich mich an Schatten, ein oder zwei Langeweilesandwiches und an das Studium was denn nun allgemeingültig „Urlaub“ sein soll, beschließe aber dass Behördengänge erschreckender Weise weit näher an Urlaub liegen als der Trubel der gerade in Shianoukville vorherrscht.

es verfolgt Dich, es ist einfach überall... Essen!

es verfolgt Dich, es ist einfach überall… Essen!

Und irgendwann mitten drin, eigentlich relativ unverhofft überkam mich dann die Gewissheit dass meine schlimmste Befürchtung wohl wahr werden wird: Um halb vier den Pass abholen, also effektiv so gegen fünf, dann zurück nach Kampot für zweieinhalb Stunden, aber gegen sechs geht die Sonne unter… das wird dunkel, und das wird unangenehm. Und: ich sollte Recht behalten. Vietnamesen und ihre Passeffizienz war bei meiner letzten Einreise schon eine leichte Überraschung für mich. Dass ein Komsulat das Pässe einsammelt und zu einem selbst angegebenen Zeitpunkt diese wieder ausgeben mag bei einer Schlange von 30 Touristen mit vier Konsulatsmitarbeitern so dermaßen im Chaos zu versinken dass gelegentlich Pässe in riesigen Stapeln unter hektischer Beteiligung aller vier Mitarbeiter gesucht werden und dann doch in letzter Minute noch Visumsaufkleber gedruckt werden müssen, das hat mich dann zugegebenermaßen schon etwas verwundert. Und obwohl ich „ganz frech“ schon um vier am Konsulat war statt wie bestellt eine halbe Stunde später, es wurde doch viertel nach fünf bis ich mit dem Visum in der Tasche wieder auf dem Roller saß und in Richtung Kampot aus der Stadt hetzen konnte. In bester Hoffnung noch so viel retten zu können wie nur irgendwie möglich bin ich wirklich gerast. Ja, rasen ist gefährlich, aber in einem Land in dem man dringlichst davor gewarnt wird nachts in einem Bus unterwegs zu sein weil das als zu gefährlich gilt, ist das glaub alles in allem die bessere Option als unnötig weit bei Nacht alleine auf dem Motorroller zu fahren. Ich hätte auch in Shianoukville übernachten können, ja… aber wo wäre denn da mein wohlbekannter Dickkopf geblieben? Nein, nirgends anders als in Kampot wollte ich die Nacht verbringen, meinen Roller in relativer Sicherheit wissen und mit vollem Erfolgsgefühl auf dem Sonnendeck mein Abendessen serviert bekommen, also quälte ich eben dieses mal so richtig meinen lieben Mietroller, scherte mich in relativer Sicherheit vor der Polizei wiegend nicht übermäßig um Geschwindigkeitsbegrenzungen und hoffte dass die Sonne heute langsamer untergehen mag als sonst, wenn schon kurz nach Neumond die Nächte besonders dunkel sind. Wäre die Sonne nicht zwangsweise gleich schnell wie immer untergangen, hätte ich wohl dieses mal die Zeitprognose um 25% unterbieten können.

sie haben offensichtlich ein Fedienhaus hier direkt am Strand: die Adams Family

sie haben offensichtlich ein Fedienhaus hier direkt am Strand: die Adams Family

Aber es kam wie es kommen musste: es dämmerte kurz na der großen Highway-Kreuzung, also wenn auch der emotionalen, aber nicht wirklich realistischen Hälfte der Strecke. Es dauerte auch nicht lange, bis mir die erste Auswirkung auf den Straßenverkehr wieder in Erinnerung gerufen wurde: Kühe. Freilaufende Kühe, die sich tagsüber irgendwo in der Landschaft herumtreiben und die bei Einbruch der Dämmerung den Heimweg antreten. Über die Straßen, natürlich. Hinter jeder Kurve und nach jedem Busch am Straßenrand könnte plötzlich eins von diesen Tieren auftauchen, womöglich noch kurz irgendwo einen Happen für unterwegs abgerissen und diesen nun fröhlich und gelassen auf der Straße stehend sorgfältig kauend genießen. Es dauert auch gar nicht so arg lange, bis die nächste Plage einsetzt: Moskitos und andere Fluginsekten bis Tischtennisballgröße, di angelockt durch das inzwischen sowohl schwer nötige als auch legal aktivierte Licht angelockt und mit leichten Orientierungsproblemen im weiteren Flugverlauf vorzugsweise den Fahrer des Motorrollers treffen, und das am aller liebsten im Gesicht. Wenn man nun halbwegs was gedacht hat, besitzt man einen der Rollervermietung hart abgerungenen Helm mit Visier. Wenn man das richtig gemacht hätte, könnte man im Gegensatz zu mir dieses nun auch schließen und wäre so manche Sorge los. Wenn man aber wie ich nicht darauf geachtet hat wie das Visier denn wirklich aussieht, kann es gut sein dass man nun die schlechte Wahl hat zwischen Visir zu und Sicht durch das zerkratzte und billige Plastik annähernd gleich Null, oder Visier auf und in einem unglaublich schnellen Rhytmus den wahren Insektenregen im Gesicht, dann hat das nicht wirklich viel genutzt. Wenigstens das Licht des Rollers ging, wenn auch erschreckender Weise nur vorne, und mit einem um das Gesicht gewickelten Schal waren zumindest die Atemwege weitestgehend Insektenfrei. Die Sache mit den Augen, nun, das war etwas anderes, und plötzlich so mancher Zwischenstopp zum pulen und reiben notwendig. Aber: alles in allem klappt es. Man kann aus Kampot ein Vietnam-Visum innerhalb eines Tages selber beschaffen. Etwas schlauere Vorbereitungen oder alternativ etwas weniger Sturkopf im Sachen Shianoukvilleübernachtungx hätten die Sache zwar einfacher gestaltet, aber auch – so im Nachhinein – ein kleines Abenteuer weniger bedeutet.

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