Pass- und Platzängste

 

Vietnam habe ich noch nie so recht gemocht, habe aber mit der Aussicht auf ausgedehnte Busfahrten durch Kambodscha den Grund dafür aber wohl ausgiebig verdrängt. Okay, und so ein klein wenig habe ich auch wissen wollen, ob das mit dem Visum in Shianoukville denn klappt oder nicht, war quasi scharf auf einen kleinen Behördengang als Herausforderung nach einer langen Phase des Nichtstun.

Ach, das Sonnendeck: bis bald, oder so...

Ach, das Sonnendeck:
bis bald, oder so…

Vielleicht war ich tatsächlich irgendwie nur der Herausforderung wegen auf dem Konsulat. Wie auch immer dem sein mag, in Summe hat mich das jetzt nach Vietnam gebracht, und so langsam kommt die Erinnerung hoch was es denn mit der eher abneigenden Haltung so auf sich hat. Und alles fängt schon wieder mit dem Grenzübergang an, vor dem ein überfleißiger kambodschanischer MiniVan-Fahrer von all seinen Fahrgästen die Reisepässe einsammelt. Nunja, erst mal von so fast allen. Ich habe mich im Bus in der letzten Reihe erst mal konsequent taub gestellt, ein „Passport, Passport!“-Geschrei von vorne kann ich so erst mal nicht für voll nehmen und es wird mich garantiert nicht dazu veranlassen meinen Pass nach vorne über viele Köpfe hinweg durchzugeben, wo er dann auf einem Stapel mit vielen anderen auf dem Armaturenbrett direkt neben einem offenen Fenster liegen würde. Nach kurzem zögern schlossen sich die drei mich umgebenden Jungs und Mädels sich spontan an, gaben diese kritische Haltung auf, als der Bus HINTER der kambodschanischen Stempelbude anhält, der Fahrer aussteigt und nochmal „Passport!“ brüllt. Ehm, das habe ich schon freundlicher und logischer aufgebaut gesehen, und als einziger frage ich zumindest mal nach, was der gute Mann denn gedenkt mit den Pässen zu tun. Stempeln lassen, ist klar… was soll er auch sonst sagen. Ein wenig zu viel Zentralasien und mittlerer Osten im Kopf entscheide ich mich dann aber dafür den Typen mal im Auge zu behalten, oder streng genomen den Stapel Pässe in seiner Hand, auf dem meiner nun auch liegt.

Tatsächlich war ich dann auch erst mal der einzige dem aufgefallen ist, dass der gute Mann nach einer viertel Stunde keinen einzigen Pass mehr in der Hand hatte als er ins Auto stieg und meinte wir würden jetzt weiterfahren. Was ist hier nur los? Ein ganzer Bus voll Leute die mal ordentlich am Arsch wären, würde man sie ohne Pass in Vietnam absetzen, und sie passen nicht ansatzweise auf das Ding auf. Ist ja nicht so, als wäre nicht schon allen spätestens auf dem Weg hier her aufgefallen dass die Transportdienstleistermaffia gut am Werk ist: während man selbst zu „chinesisch Neujahr“ für maximal acht Dollar sechs Stunden lang in einem regulären Reisebus mit eigenem Sitzplatz nach Phnom Penh fahren kann, werden hier für zehn Dollar je Nase fünfzehn(!) Touristen die einstündige Fahrt an die Grenze in den wohl schäbigsten und heruntergekommensten Minivan aller Zeiten gepfercht… das war tatsächlich Thema im Bus, aber dass diese Verbrecher eventuell einen Pass verlieren könnten? Ist natürlich ausgeschlossen.
Kommt schon, liebe back-, flash- und sonstwaspacker… es ist zwar Südostasien und meistens geht schon alles irgendwie gut, aber wie naiv kann man sein um einen fehlenden Pass nicht zu bemerken wenn man an einer Grenze aufgefordert wird in irgendein Fahrzeug zu sitzen? Zumindest nachfragen kann man ja mal, um dann zu erfahren dass die Reisepässe gesammelt per Mototaxi an die Vietnamesische Einreisebude gefahren werden. Nicht gerade beruhigend, aber zumindest klang der Typ ehrlich damit. Dass genau der Typ in seinem MiniVan dann verschwindet nachdem er uns alle aus dem Auto geworfen und noch vor ich meinen Pass erspäht habe… nunja, in anderen Ländern wäre ich jetzt Wetten eingegangen dass ich den ne wieder sehen werde, hier war ich mir zumindest nicht ganz so sicher.

Ha Tien, kaum wieder zu erkennen!

Ha Tien, kaum wieder zu erkennen!

Und es war, wie es schon mal war: ein tapferer Vietnamese in Uniform stellt sich dem Ansturm der Menge, und versucht nun die Namen die er da sieht laut vorzulesen. Diesesmal aber wenigstens nicht vor einer ganzen Zugladung, sondern nur zwei MiniVans voller Langnasen, und ich hatte meinen Pass tatsächlich zurück, mit kambodschanischem Ausreise- und vietnamesischem Einreisestempel. Ist etwas argwohn nun also unangebracht? Im konkreten Fall vielleicht schon, aber unterm Strich gehen auch (oder gerade?) in Südostasien so einige Pässe verloren. Wie auch immer dem sei, es ist Zeit die letzten paar Kilometer na Ha Tien im MiniVan in Angriff zu nehmen und Pläne zu schmieden. In Ha Tien bleiben? Ein Horrobus nach Ho Chi Minh City bis in die Nacht? Bislang noch reichlich Entschlussunfreudig sollte es eine Runde zu Fuß durch die Stadt werden, zur allgemeinen Vietnam-Aklimatisierung. Ich tat mir schon ein wenig schwer, die Orientierung spontan wieder zu finden. Es wirkte deutlich anders als ich das in Erinnerung hatte: Viel mehr Hotels, Reisebuden und neue Häuser irgendwie. Als Ausganpunkt für die Insel Phu Quoc scheint dort inzwischen deutlich mehr los zu sein als noch vor… wie lange ist das eigentlich her? Zweieinhalb, drei Jahre? Jedenfalls hat Ha Tien nun plötzlich was von einem „Mist, Fähre weg – jetzt müssen wir eine Nacht warten“-Transitdorf. Das Bunker-Hotel von letztem mal schien mir so spontan auch keine gute Idee, und so trieb es mich in eine der auf mich neu wirkenden Reise-Fuddelwudel-Buden. Musste ich das letzte mal nicht noch irgendwie meinen Weg zur Busstation ausserhalb von Ha Tien selbst organisieren? Nun, sei es wie es will, Reiseticketbude ist die teurere, aber einfachere Methode: „Wohin fahren denn heute noch Busse? Ho Chi Minh City? – Nur noch Sitzplätze, siebzehn Dollar und die ganze Nacht durch? mmhmm.. ne, dann nicht. Chau Doc? – Drei Stunden und zehn Dollar ab zwei Uhr? Oh, und wie wäre es dann mit Can Tho? – Fünf Stunden und fünfzehn Dollar ab zwei Uhr? Wunderbar, das klingt nach vernünftigem Tagesziel, das nehm ich, zahle aber nur zwölf Dollar… Jaja, chinese new year und so, ich weiß. Ich weiß aber auch, dass zwölf Dollar für Dich durchaus machbar sind. Deal? – Deal!“. Damit war die Sache erledigt, und ich musste nur noch warten. Warten auf einen kleinen Überlandbus, so einen der ewig unterwegs ist, laufend Leute und Pakete ein und auslädt, aber auch den Luxus einer nicht vorhandenen Klimaanlage und Fenster zum öffnen bietet. Dass das nicht nur klimatechnisch relevant sein wird.. nun, das habe ich später dann gelernt.

Aber erstmal muss der Bus kommen, ich einsteigen und das Schild am Eingang entdecken. 120.000 Dong kostet die volle Strecke. Ich kann zwar kein Vietnamesisch, aber liebe Vietnamesen: Touristen sind nicht soooo dumm um eure Preisschilder an den Bussen nicht trotzdem lesen zu können. Und mit umgerechnet sechs Dollar habe ich trotz Handelns immernoch das doppelte bezahlt. Das traurige daran: Ausser dem Moppelchen in seinem teuren Schreibtischstuhl der in Ha Tien sechs Dollar eingeschoben hat, hat da sicher keiner was davon. Weder die Busfirma, noch der Fahrer oder gar am Ende ich. Schön, wieder in Vietnam zu sein.

kuscheliger Zweiklassenbus

kuscheliger Zweiklassenbus

„Ach, hallo lieber Busbegleiter. Wie, ich soll in die vorletzte Reihe sitzen? Ja, da sitzen schon vier Langnasen, aber mir ist das egal, vorne ist viel mehr Platz und ich mag lieber weiter vorne sitzen. Wie? geht nicht? Willst mich veräppeln, vorne sitzen genug Leute, da kann ich auch dazwischen… Ach, hör einfach auf mich anzuschreien, ich quetsch mich ja schon neben den einen Touristen, aber hör bitte endlich auf mich anzuschreien und halt einfach die Klappe. Und achja, herzlich wilkommen in Vietnam, Leute wie Dich habe ich vermisst.“ Ein komischer Zufall, dass die auserkorenen Touristenplätze in den letzten zwei Reihen in dem sowieso schon sehr klein dimensionierten Asiatenbus mit Abstand die geringste Beinfreiheit haben. „Beinfreiheit“… welch nettes Wort. Zwischen Sitzfläche und Vordersitz findet sich hier dank kreativen „wir basteln da noch Sitze dazwischen“-Vietnamesen nicht genügend Platz, um so rein theoretisch auch nur meine Waden dazwischen zu quetschen. Die Deppen-Sitze eben, und mit einem Typ neben mir, der in etwa gleich groß wie ich ist, ist erst mal kuscheln und füßeln angesagt, während nun, inzwischen so ein paar Meter außerhalb von Ha Tien, sich die vietnamesischen Fahrgäste unverholen ordentlich amüsieren. Es wird mit Fingern auf uns gezeigt, wir werden ausgelacht, es werden Kameras gezückt und Fotos von uns gemacht. Ich hätte wohl töten können in dem Moment, wenn es mir irgendwie möglich gewesen wäre mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Aber mal ernsthaft: den Busbegleiter notfalls mit Gewalt davon zu überzeugen dass in Vietnam das mit der Rassentrennung wie zu den dunkelsten Zeiten der vereinigten Staaten eine Scheißidee ist und den Platz zu wechseln war durchaus im Gespräch, auch wenn wir uns schlussendlich für eine allgemeine Tendenz zur Gelassenheit und durchstehen entschlossen haben. Aber trotzdem, ich wie die anderen haben bei so wenig Anstand der uns entgegen gebracht wurde auch wenig schlechtes Gewissen unseren eigenen über Bord zu werfen und bei jeder Gelegenheit, meistens in Form einer Bodenwelle die uns mal wieder an das hinten viel zu tief für unsere Körpergrößen hängende Busdach geschleudert hat, lautstark zu protestieren und zu schimpfen. Auch wenn das ausschließlich in deutscher Sprache geschah und uns wohl keiner verstanden hat, es sorgte zwar in keinem Fall für ein angenehmeres miteinander der zwei „Klassen“ im Bus, aber zumindest irgendwann für eine Art ängsltichen Respekt, der uns zumindest vor weiterem Gelächter, Fotos und selbstgefälligem Gehabe des Busbegleiters bewahrt hat. Dabei hätte alles wirklich so entspannt und stressfrei sein können… aber auch bei touristischen Wäldern sollte man aufpassen was man hineinruft, denn es könnte auch irgendwie wieder heraus schallen.

"dezente" Neujahrsdeko in Can Tho

„dezente“ Neujahrsdeko in Can Tho

Und während ich irgendwann aus purem Platzmangel mit er Hälfte des Oberkörpers aus dem offenen Fenster hängend meinen ersten Sonnenbrand „in“ einem Bus bekommen habe, wurde mir so ganz langsam wieder klar warum ich zu Vietnamesen keine sonderlich gute Assoziation in meinem Kopf finden konnte, auch wenn ich über die Zeit die Gründe offensichtlich verdrängt habe. „rücksichtsloses“, „unverschämte“, „arrogante“ und „respektloses“ sind die wesentlichen Eigenschaften, die mein Kopf nun in Kombination mit ein paar Schimpfwörtern die ich nun nicht schriftlich festhalten mag in den Erinnerungen wiederfindet. Ohja, ich bin wieder in Vietnam… Zeit den Weg nach Laos zu finden.

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