vietnamesischer Rassismus

 

Kann man das eigentlich irgendwie auf sowas wie Karma schieben? Oder als selbst erfüllende Prophezeiungen deklarieren? Vielleicht liegt es auch an meinem Gesicht? Womöglich könnte ich auch einfach an ein gar unfreundliches Volk geraten sein… wer weiß das am Ende schon so genau? Dabei fing der Tag heute noch gar nicht mal so schlecht an. Ausschlafen, einmal in Can Tho orientieren und feststellen dass ich wirklich schon mal hier war, wenn auch nur auf der Durchreise, den Bootsanleger besuchen und dann doch beschließen dass mir gerade nicht nach Boot und Mekong-Delta ist, unterwegs beinahe unendliche Horden an Taxi-, Motorroller- und Bootsfahrer abschütteln die an mir zu kleben scheinen wie ein Schwarm Fliegen an einem Haufen… nunja, nicht so wichtig, jedenfalls nichts allzu tragisches oder unerwartetes. Dann alte Pläne ausgraben, sie mir selbst als neue und grandiose Idee verkaufen und demnach den Fußmarsch an die Busstation antreten. Zum Glück liegt die hier nicht sonderlich weit vom Zentrum entfernt und ist in ner halben Stunde per nettem Spaziergang nicht allzu unkomfortabel zu erreichen.

akuter Fotomangel heute... daher einfach eins von gestern aus Ha Tien =)

akuter Fotomangel heute… daher einfach eins von gestern aus Ha Tien =)

Schon von weitem ruft man mir aus allen Richtungen entgegen „hello my friend, where you going?“ dass es eine wahre Freude ist. Manchmal echt unglaublich, wieviele Freunde ich hier habe ohne etwas davon zu wissen. An jeder Ecke in einem noch so abgelegenen Ort gibt es irgendjemand, der meint ich wäre sein Freund. Blöd nur, dass ich mich an die Leute so absolut nicht erinnern kann, geschweige denn dass ich irgendwann mal Freundschaft mit denen geschlossen hätte. Vielleicht schlafwandel ich in Asien exzessiv und führe ein meinem Bewusstsein nicht näher bekanntes und offensichtlich ziemlich kommunikativ-soziales Doppelleben bei Nacht? Ich sollte da in Zukunft mal mehr darauf achten, aber bis ich neuere Erkenntnisse diesbezüglich habe ignorier ich zumindest mal tagsüber meine ganzen Freunde der anderen Hälfte meiner vermeintlich gespaltenen Persönlichkeit. Abgesehen davon bin ich sowieso kein Fan davon, derart mit der Tür ins Haus zu fallen. „Hallo mein Freund, wo Du gehen?“ ist schon ein wenig schnell für meine vielleicht ein wenig konservative Vorstellung von Smalltalk. Ein „wie Dir geht?“ könnte man ja vielleicht noch voranstellen, und den universellen „Freund“ durch meinen Namen ersetzen? Ich mein, wer kennt schon nicht den Namen eines offensichtlich guten Freundes? Vielleicht ist das aber auch gar nicht nötig und ein klein wenig mehr Höflichkeit wäre auch schon ausreichend: „Hallo mein Freund, darf ich wissen wo du gehen willst?“ klänge doch zum Beispiel auch schon viel angenehmer. Und nein, ich möchte, auch wenn ich bewusst die verwendete und etwas schräge englische Grammatik auch etwas schräg ins deutsche übersetzt habe, gar nicht mal auf eine grammatikalische Korrektur der Fragestellung hinaus, obwohl selbst ein „Hallo mein Freund, wo willst Du hin?“ ein wenig besser klingen und wohl posiver aufgenommen werden könnte, auch wenn es natürlich den unfreundlichen Kern der Aussage noch immer nicht verbessert.
Wie auch immer, ich verzichte an der Stelle gerne auf die Hilfe dieser Freunde, denn an einer Busstation ein Ticket kaufen, das geht hier zum Glück sogar ganz ohne gemeinsame Sprache. Unfreundlichkeit scheint hier ja nichts verwerfliches zu sein, demnach kann man sein Glück ja auch mit einem entsprechend knappen „Hello, one Ticket to Ho Chi Minh City?“ versuchen. Nimmt einem tatsächlich keiner krumm, und selbst wenn aus dem ganzen Satz nur das Wort „Ho Chi Minh“ für den Gegenüber verständlich war, man wird sich trotz allem handelseinig und ich finde mich gut eine Stunde später in einem ganz normalen südosttasiatischen Reisebus mit Sitzplatzreservierung, unglaublich leistungsfähiger Klimaanlage (stammt wohl aus einem LKW für Tiefkühltransporte), einem schicken Flachbildfernseher im vorderen Teil, unglaubkich lautem Ton dazu und deutlich weniger Spott- und Kuschelfaktor wie gestern auf dem Weg nach Ho Chi Minh City wieder. Klingt vielleicht komisch und in dem Zusammenhang jetzt irgendwie schräg, aber ich habe das durchaus als Erfolg verbucht. Klimaanlage hin, Lärmbelästigung her, es ist eben Vietnam und nicht kambodschanisches Hinterland, da muss man seine Erwartungen ein wenig anpassen. Also soweit alles gut, und bis an die Endhaltestelle blieb das glücklicherweise auch so.

An Ho Chi Minh’s Busstation habe ich mich dann richtig gefreut, als ich das große Schild über den vielen Ticketbuden wiedererkannt habe: Ich war hier schon mal, bin von hier in die Richtung aufgebrochen aus der ich gerade komme, und wie mein wunderbarer Blog mir vor der Abfahrt verraten hat, fährt der Stadtbus „102“ vom Zentrum genau hier her und dann wieder zurück. Ich dachte schon dass das jetzt ja alles halb so wild war und Vietnam vielleicht doch nicht ganz so schlimm ist wie mir das meine ganz frisch wieder ausgegrabenen Erinnerungen suggerieren wollten, finde ich einer ganzen Reihe Stadtbusse die 102, lasse noch zwei Vietnamesen vor mir einsteigen weil ich ja grundsätzlich schon glaube eher freundlich veranlagt zu sein, nutze die Gelegenheit und lese noch kurz das Preisschild das mir verrät dass die Fahrt maximal 6000 Geld kosten will, setze den linken Fuß auf die erste Stufe, den rechten auf die zweite, höre in dem Moment noch kurzes Gemecker im Bus und stehe ganz plötzlich dem Busbegleiter gegenüber, der mir den Weg versperrt. Die Sprache hapert zwar, aber eins ist unmissverständlich: Er wirft mich aus dem Bus. Liegt es an der Kommunikation? Ich zähle sechstausend Geld ab, und versuche ihm damit begreiflich zu machen dass er keine Sorge um die Kommunikation haben braucht: ich zahle brav, bin anständig und steige dann aus, wenn ich meine am Ziel zu sein… ganz einfach. Sieht er irgendwie nicht so, mein Geld will er nicht, dafür aber dass ich umgehend aus seinem Bus verschwinde. Liegt es an meinem etwas voluminösen Gepäck? Ich habe mich das ernsthaft gefragt, aber einen kurzen Blick durch den Bus später fand ich diese Idee selbst schon fast lächerlich. Vietnamesen reisen, wie ihre Nachbarn im allgemeinen auch, recht gerne mit Gepäck das vermuten lässt dass hier ein kompletter Hausstand transportiert wird. Nein, mein Gepäck oist hier eher dezent zurückhaltend. Aber was dann? Ich verstehe es nicht, aber muss mich wohl geschlagen geben: In einen Stadtbus in dem mich der Busbegleiter nicht haben will, werde ich wohl nicht rein kommen. Touristenabschaum darf halt nicht mit jedem Bus fahren. Vielleicht gabs hier einfach keinen Deppensitz, auf dem man mich zur allgemeinen Belustigung hätte verweisen können.

Schlussendlich blieb so nur eins: Taxi fahren. Einmal ins Touristenghetto bitte, ich mag jetzt teure Pizza essen, keine Rücksicht auf kulturelle Unterschiede nehmen und mich vielleicht ein wenig Respektlos verhalten, sonst werde ich hier noch ernsthaft aggressiv. Blöd nur, dass das nicht den Busbegleiter oder die über Touristen meckernden Busfahrenden treffen wird, aber um derlei differenzierte Betrachtungsweisen von Einzelpersonen anstatt der Pauschalisierung von Rassen, Nasenlänge, Gepäckform oder was es auch immer sein mag scheint sich auf der anderen Seite hier ja auch sonst keiner zu kümmern.

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