Silvester in Moskau

 
Moskau an Silverster

Ein geschmückter Baum… ja. Aber wie heißt der nun korrekt?

Nunja, ich habe es ja schon geahnt: In Russland läuft Silvester doch ein wenig anders ab als daheim, überrascht war ich dann aber trotzdem. Aber vielleicht von Vorne:

Der erste Morgen in Moskau, und es ist kalt. Bitterböse kalt. Gar ekelig kalt. Das Thermometer sagt zwar dass es „nur“ -5°C wären, und man hört daheim doch allzu gerne die Legenden, dass die „trockene Kälte Russlands“ bei weitem nicht so kalt empfunden würde, wenn nicht sogar weit angenehmer wäre als in eher mitteleuropäischen Gefilden. Ich muss am ersten Morgen, nachdem meine Nase und mein Hals mutmaßlich durch die extrem trockene Heizungsluft im Hotel bedingt sich noch immer leicht rau anfühlen, zwar noch leicht verschlafen aber hoch motiviert nach den ersten Minuten im Freien feststellen: Das ist irgendwie alles Quatsch: kalt ist immer kalt, Winter ist immer Winter, Minusgrade immer unangenehm und  der Sommer dann doch für viele Aktivitäten die eindeutig bessere Wahl.

Jolka

„Jolka“, ein „Tannenbaum“…

 

Ein Grund zu meckern ist das mit der Kälte so an sich ja eigentlich nicht, lediglich eine Erkenntnis die dringend mal festhalten werden musste. Im Allgemeinen bin ich ja auch freiwillig hier, habe damit gerechnet dass es kalt wird (oder hätte es zumindest tun müssen), und ganz davon ab: wer lässt sich von so einer Kleinigkeit schon den Urlaub vermiesen? Man muss vielleicht die Erwartungshaltung ein wenig korrigieren, wenn denn überhaupt eine da gewesen ist die korrigiert werden könnte, und zumindest versuchen sich doch irgendwie mit dem Wetter zu arrangieren. Man kann sich ja, wenn es allzu kalt im Freien wird, ein wenig behelfen: mit einem Abstecher in ein Kaufhaus zum Beispiel, das hinter Drehtüren mit eingeschalteter Heizung lockt. Feiertags-Kitsch-Deko und Stände mit glitzernden Weihnachtsbaumkugeln (oder eher „Neujahrsbaum“-Kugeln?) gibts automatisch dazu.

Ja, bunt geschmückte und leuchtende Bäume. Die gibts hier tatsächlich auch. Ob das nun ein Weihnachtsbaum oder Neujahrbaum oder Silvesterbaum ist, das kann ich nicht mal sagen. Man nennt es „Jolka“, laut Wörterbuch also ganz banal „Tannenbaum“, also wenig aufschlussreich. Wie die geschmückte Tanne (hier meist dann doch Kunsttanne) ihren Weg nach Russland gefunden hat auch nicht. Was ich jedoch sagen kann, dass die hiesige Variante mit deutlich mehr Bling-Bling und Glitzer geschmückt jeglichen Kitsch-Preis von mir bekommen würde, und zumal ich Matrjoschkas am Baum deutlich angenehmer finde als lieblos über Bäume geworfene Lichterketten oder langweilige Glaskugeln und Pappschneemänner geht mein persönlicher Preis für die schönsten Kitschbäume eindeutig nach Russland.

 

Silversterdeko im GUM Moskau

Feiertagsdeko im GUM. Vielleicht schon ein wenig über die Kitsch-grenze drüber, aber dafür ist es warm.

Es fällt vielleicht nicht so direkt auf wenn man nicht unbedingt einen Vergleich zu einem ganz normalen x-beliebigen Arbeitstag im März in dieser Stadt hat, aber ich für mich musste feststellen dass doch einiges anders ist. Es ist irgendwie ein Feiertag, das merkt man wohl, auch wenn der irgendwie erstmal an sich nicht festlich und ein wenig seltsam anmutet. Es gibt da zum Beispiel etwas, was bei uns den Titel „Weihnachtsmarkt“ tragen würde, mitten auf dem roten Platz: Kleine Holzbuden die Krimskrams verkaufen, ein wenig etwas zu Essen, manchmal Musik und mit Karussell für die kleinen. Dass die Anzahl an Menschen die sich auf dieser Veranstaltung finden im Verhältnis zu den Einwohnerzahlen dieser riesigen Stadt (laut Wikipedia immerhin rund 12 Millionen) und vergleichbaren Weihnachtsmärkten in Deutschland doch eher überschaubar scheint kann man vielleicht mit der schieren Menge solcher Märkte quer durch die ganze Stadt begründen, die Gesichter in die man da so blickt lassen sich dann aber doch nicht so ganz banal erklären. Vorurteile hin, mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten meinerseits her, aber ich bin völlig davon überzeugt, dass die Straßen in Moskau zu Silvester hauptsächlich von Leuten gefüllt werden, die fern ab der eigentlichen Heimat,  also ohne „familiäre Feiertagsverpflichtungen“, auch mehr oder minder nur zu Besuch in der Stadt sind. Meine persönliche Spekulation: Jungs Anfang 20, vielleicht aus Kasachstan, dem Erscheinungsbild aber auch gerne aus Tadschikistan, Usbekistan oder etwas entlegeneren Winkel Russlands, die um Geld zu Verdienen sich als „Gastarbeiter“ nach Moskau verirrt haben und hier nun den arbeitsfreien Feiertag mit ihren Freunden verbringen. Durchaus mit einem Besuch des GUM, der ersten Adresse in Russland wenn es um überteuerte Luxusgüter in einem Kaufhaus mit Kult-Status geht, oder diesen „Silvestermärkten“ wie zum Beispiel auf dem roten Platz auf dem Programm. Mutmaßlich nicht um irgendwas einzukaufen, sondern viel mehr um einfach mal da gewesen zu sein und für ein paar Erinnerungsfotos zu posieren, die bei der Familie daheim sicherlich gut ankommen werden. Vielleicht noch über den roten Platz schlendern, ein öffentliches Mini-Konzert von irgendwelchen (auch nur vermuteten) C-Promis per Handykamera aufnehmen oder einen Spaziergang um den Kreml unternehmen.

der Kreml an SIlvester

Abendspaziergang um den Kreml: schadet auch an Silvester nicht.

Versteht mich nicht falsch, ich finde das sehr sympatisch und bei weitem nicht das schlechteste, denn eines habe ich ganz schnell mal wieder gelernt: Moskauer Bürger scheinen wirklich ungern zu lächeln. Ich weiß nicht, ob die das nicht können oder sich es nur hinter verschlossenen Türen trauen, ich weiß auch dass dies eigentlich ein ganz schlimmes Klischee ist, aber diese Jungs in Gruppen zwischen drei und sechs Personen, in ihrer sehr schlanken Erscheinung und doch tendenziell eher asiatischen Gesichtern für Moskauer Verhältnisse, die aber dennoch fließend genug russisch sprechen und doch nicht so chinesisch ausschauen als dass man sie für verirrte Touristen halten könnte… diese Jungs, die sind für das was ich von Moskau kenne echt absolut untypisch, denn denen sieht man die Freude an diesem Tag förmlich an. Und ganz ehrlich: lächelnde Gesichter sind meistens sympatischer als grimmige.
Und ja, es ist bestimmt auch ein Vorurteil, aber eines das sich für mich nun aus persönlicher Erfahrung eben doch ganz deutlich bestätigt: Moskauaner sind grimmig und unfreundlich. Und ich habe jetzt auch gelernt, dass das nicht nur an mir und der mangelnden Sprachkompetenz liegt, sondern auch meiner der russischen Sprache doch ganz ordentlich mächtigen Begleitung nicht anders vorkommt.

eine Metrostation in Moskau

Moskaus U-Bahn, ich bin mir immernoch nciht sicher ob das fotografieren hier erlaubt ist, aber ich musste einfach. So eine U-Bahn gibts halt sonst nicht so wirklich oft.

Man nehme da zum Beispiel eine beliebige Station der Metro, die zwar immer noch durch ihr palastähnliches Erscheinungsbild und ewig langen Rolltreppen tief in den Untergrund begeistern, aber zu denen man logischerweise erst mal eine Eintrittskarte braucht. Man kann es auch ganz banal „Fahrkarte“ nennen, und zu kaufen gibt es die nach wie vor an kleinen Schaltern kurz nach dem Eingang, kleine Glasfenster an der Wand mit einer Durchreiche, meistens zwei bis vier nebeneinander, hinter denen sich ganz gerne mal die russischen Klischee-Muttis ihren „Arbeitstag“ um die Ohren schlagen. Es bedarf dabei noch nicht mal lästiger Kundschaft, denn auch ganz ohne Rushhour und Schlangen an den Kassen scheint hier jede einzelne zu tiefst beschäftigt zu sein: Staubkörner zählen, über den Sinn des Lebens philosophieren oder einfach nur gedanklich das Abendessen vorbereiten. Es wird demnach nur sehr ungern gesehen, wenn man diese Konzentration mit Banalitäten stört, wie zum Beispiel einer Frage die in etwa lautet „Hallo, entschuldigen Sie bitte, wie funktioniert das mit den Mehrfachkarten… sind die für eine bestimmte Anzahl an Tage oder eine bestimmte Anzahl an Fahrten?“. Ja, Moskau hat sein Fahrkartenprinzip seit meinem letzten Besuch ein wenig modifiziert, meine lieb gewonnener Lebensretter in Buchform aus 2010 war deswegen in der Frage wenig hilfreich. Aber gut, man kann ja fragen, könnte man meinen. Zumindest um etwas barsch die Antwort „was fragen Sie so blöd, steht doch alles da!“ mit einem abwertenden nicken in Richtung eines Aushangs in DIN-A4 Format mit sehr nach Gesetzestext anmutendem Erscheinungsbild zu erhalten. Versteh ich, wenn man schon mal das Glück hat nicht blöderweise während der Arbeitszeit Fahrkarten verkaufen zu müssen, können solch stupide Fragen ja doch mal leicht nervig werden.

 

Innenstadt von Moskau

irgendwo Innenstadt. Nix besonderes, aber ziemlich repräsentativ.

Hach ja, ich mag ja immer noch Russland irgendwie. Ich bilde mir noch immer zu gerne ein, dass hier die wahren Überlebenskünstler, hilfsbereiten Nachbarn, pragmatischen Erfinder und herzlichen Mitmenschen zu finden sein müssen, aber dass das so gar nicht auf Moskau zutrifft, das habe ich inzwischen deutlich genug gelernt. Nungut, muss ich bei Gelegenheit an anderen Orten danach suchen, Russland ist ja doch n Stückchen größer und irgendwo verstecken sich die bestimmt.

 

Aber zurück zum Feiertag. zumindest noch ein klein wenig…  Noch so ein auffallendes Detail: die Stadt wird zumindest an diesem Tag gegen Abend extrem leer. Es ist ein wenig schwierig den „Abend“ so richtig zu definieren wenn es ab halb fünf schon beinahe Nacht ist, aber sagen wir einfach mal so ab sechs waren die Straßen beinahe leer. Nicht nur die Straßen, sondern so ziemlich alles, was man als „öffentlich“ bezeichnen könnte, war plötzlich fast nicht mehr existent. Straßen leer, U-Bahn leer, Fußgängerzone leer, roter Platz (verhältnismäßig) leer, selbst Restaurants in denen sich normal Leute die Beine in Bauch stehen um überhaupt einen Tisch zu bekommen: leer. Ein guter Zeitpunkt also essen zu gehen, wenn man gerne seine Ruhe hat, ein bis auf drei Tische leeres Restaurant als angenehm empfindet und kein Problem damit hat schon um sieben darauf hingewiesen zu werden dass man noch gerne rein kommen darf, aber doch bitte spätestens um neun auch wieder gehen sollte, die Belegschaft möchte schließlich auch nach hause. Weit weg also von ausgelassenen Straßenpartys, viel näher an „stille Nacht“ als man vermuten würde…

Während wir um zwölf also schon lange wieder im Hotel, satt und geduscht waren, wollten wir es dann trotzdem irgendwie noch mit eigenen Augen gesehen haben: zum roten Platz war es zwar etwas weit, aber zumindest ums Eck am Arbat, eine nicht ganz beachtliche Fußgängerzone, habe ich lediglich zwei Menschen und einen deutlich Betrunkenen gezählt. Also um 0:04 wieder ins Hotel, die Treppe in sechsten Stock hoch gerannt und gerade noch das Ende vom Feuerwerk über Moskau ergattert. Und nein, viel mehr als in dem Video da unten war da nicht, und das ganze auch nur fünf Minuten lang.

Also irgendwie dann eben doch: „stille Nacht, heilige Nacht“, wenn auch irgendwie anders als man das vermutet hätte…

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