auf ans Meer, da ist es bestimmt warm!

 

Dass es in Sankt Petersburg, „am Meer“ Anfang Januar auch nur Ansatzweise irgendwie warm sein könnte, so weit reicht um ehrlich zus ein nicht mal mein Reiseoptimismus… Geb ich ja zu. Dass es noch kälter werden wird als in Moskau, das hat mir die Wettervorhersage auch schon beigebracht, genauso wie die Tatsache dass es windig werden wird.

 

Nichts desto trotz klang es nach einem guten Plan mal den Ort zu wechseln, ein anderes Umfeld, neue Herausforderungen, dieses Moskau hinter sich zu lassen und sich dabei dieses Sankt Petersburg mal aus der Nähe anzusehen. Ja, ein im Grunde guter Plan, der uns schon vorgestern hierher an einen von Moskaus Bahnhöfen gebracht hatte: Fahrkarten kaufen. Eine Aktion für sich, denn selbst mit dem Sprachkenntnis-Bonus am russischen Fahrkartenschalter ist noch reichlich Verwirrung automatisch inkludiert: „wir würden gerne nach Sankt Petersburg, im Schlafwagen“ – „Kupe oder Lux?“ – „Was ist da der Unterschied?“ – „Na, Kupe ist Kupe, und Lux ist Lux!“… Besten Dank auch, wir würfeln einfach mal Kupe, das klingt günstiger. Die Frau hinter dem Schalter scheint, soweit man das in Moskau am Gesicht denn ablesen kann leicht amüsiert über ihre offensichtlich leicht verwirrte ausländische Kundschaft, zeigt sich aber trotz allem erstaunlich bemüht um uns. Also gut, Pässe durchs Fenster reichen, Geld hinterher und Pässe mit Tickets wieder zurück bekommen. „Санкт-Петербург“ steht da drauf, 2.1.2015 auch, also soweit so gut. Was man da so ganz genau gekauft hat wird sich dann schon noch zeigen, also schien der Deal schon mal nicht allzu schlecht gelaufen zu sein.

 

Zwei Tage später stehen wir also wieder am Bahnhof, wartend auf den Zug den wir da hoffentlich gekauft haben. Im Ausland bleibt es irgendwie immer spannend bis zum letzten Augenblick: Ist das, was ich da habe wirklich eine Fahrkarte? Ist es auch die richtige? Oder die richtige Fahrkarte für einen ganz anderen Zug? Selbst wenn man manche Dinge entziffern kann, so eine Zugfahrkarte bleibt einfach immer ein kleines Rätsel, dessen Lösung am Ende dann doch nur die lieben Zugbegleiter lösen können. In Russland ganz praktisch: die Zugbegleiter warten an jedem Waggon vor dem Eingang. Sprich: man läuft mit dem vermeintlichen Ticket den Zug bis zum richtigen Waggon entlang, streckt dem entsprechenden Zugbegleiter (oder hier weit häufiger: der Zugbegleiterin) die Fahrkarte entgegen und hat quasi sofort die Gewissheit dass alles schon irgendwie stimmt, wenn man denn dann einsteigen darf.

 

Kupe Zweibettabteil zwischen Moskau und Sankt Petersburg

das ist also Kupe, wenn auch das Spezialabteil mit nur zwei Betten.

Wir hätten so theoretisch auch einsteigen dürfen, hätte die Zugbegleiterin da nicht die Möglichkeit auf ein klein wenig Zusatzverdienst gerochen: wir könnten das Zweibett-abteil im Waggon haben, bietet sie uns auf russisch an. Wären auch nur 750 Rubel extra meint sie. Als wir nach ein wenig Überlegung in dem Glauben für knapp elf Euro eigentlich einen ganz guten Deal damit gemacht zu machen zustimmten, meint sie noch weiter dass wir doch drinnen bezahlen sollten damit es keiner sieht. Alles klar, ich habe verstanden. Wir sollen auch erst bezahlen, wenn der Zug los gefahren ist, vorher hätte sie keine Zeit, aber sie würde dann an unserem (neu erworbenen) Zweibett-abteil vorbei kommen erklärt sie im leisem Ton weiter. Hier hätte man ja eigentlich die Problematik schon erahnen sollen, aber manchmal ist man dann doch so verwirrt wenn Moskauaner lächeln dass man ganz plötzlich nichts böses mehr vermuten kann. Dabei sollte man, vermeintlich, genau dann Misstrauisch werden wenn einen plötzlich Fremde in Moskau anlächeln.

 

Aber gut, es kam wie es kommen musste: Frau kommt, nimmt 750 Rubel und geht wieder. Fünf Minuten später kommt Frau nochmal: „750 Rubel pro Person, war gemeint“. Ist klar, das fällt der natürlich jetzt erst ein, aber man kann es ja mal versuchen… War es wirklich ein Missverständnis? Ich glaube ja kaum, aber angesichts der Lage ist das schwierig zu erörtern, der Zug fährt ja ganz zufällig schon und man hat sich ja auch schon ein wenig im Abteil breit gemacht. Wir konnten wir uns aber immerhin auf nur 250 weitere Rubel einigen: dass in dem Zweibett-abteil ihr eigenes Reisegepäck und die Bettwäsche von gefühlt einem ganzen Waggon so ziemlich jeglichen Stauraum beschlagnahmt muss natürlich im Preis berücksichtigt werden.

 

Sankt Petersburg im Winter

irgendwo da hinter Schnee und Eis liegt Sankt Petersburg

Der erste Tag in Sankt Petersburg war dann ein leichter Schock für sich: -26°C mit Wind. In Summe laut Wetterbericht gefühlte -32°C, Schnee im Gesicht und dank der Ankunft in den frühen samstäglichen Morgenstunden mit ordentlich betrunkenen Hindernissen auf dem Weg und einer noch geschlossenen Metro gibt es eigentlich nur einen einzigen guten Plan: Irgendwie ins Hotel durchschlagen, zur Not noch ein wenig Zeit mit Kaffee in einem der exquisiten Restaurants mit dem güldenen „M“ vertrödeln, an der Hotelrezeption dann recht mitleiderregend drein schauen und auf einen „early check-in“ hoffen.

 

Dass man durch eine Nacht im Zug eine Nacht in einem Hotel spart, das gilt halt nur bedingt.  So ziemlich jeder Reiseführer versucht einem das als Argument zu liefern, ziemlich viele fallen drauf rein aber die wenigsten geben es dann auch zu: Eine Nacht im Zug ersetzt nur bedingt eine zusätzliche Nacht auf der Hotelrechnung, nämlich dann wenn mindestens drei Kriterien erfüllt sind:

  • die Fahrt über Nacht ist lange genug für einen vernünftigen Schlaf und der Zug kommt morgens zu einer angenehmen Zeit an. Je verschlafener man aus dem Waggon stolpert, desto schwieriger wird es den Tag zu überstehen.
  • das Gepäck ist irgendwie versorgt. Vermutlich gibt es hier nur zwei praktikable Möglichkeiten: entweder einem vorab gebuchten Hotel oder in einer Gepäckaufbewahrung am Bahnhof. Das ganze Gepäck einen Tag durch die Stadt zu schleppen macht niemals Spaß.
  • das Wetter am Ankunftsort erlaubt einem, ganz „normalen“ Dingen nachzugehen und benötigt die Hotel-Heizung nicht unbedingt.

was fällt auf? Im konkreten Fall wäre das eine blöde Idee, mindestens zwei Punkte sprechen gegen die Spartaktik. Moment: es wäre eine blöde Idee? Es war eine blöde Idee! Eine blöde Idee, die dann durch ganz viel Glück und early check-in nach etwas Kaffee aus Pappbechern nicht ganz so schlimm endete, auch wenn ich mich innerlich schon dazu durch gerungen hatte im schlimmsten Notfall halt doch irgendwo irgendein Hotelzimmer zu nehmen, nur um möglichst schnell an ein wenig Schlaf zu kommen. Sparen hin, Ratschläge her… manchmal sprechen die äußeren Umstände eben doch eine deutliche und deutlich andere Sprache.

die Bluterlöser-Kirche in Sankt Petersburg

die Bluterlöser-Kirche. Nicht ganz so schick wie die in Moskau, aber dafür darf man die hier auch von innen anschauen.

 

Achja, so ausgeschlafen ist kalt noch immer kalt, Schnee im Gesicht noch immer unangenehm, aber die Laune dabei trotzdem deutlich besser. Zeit für etwas Sightseeing, natürlich nur in kälteerträglichen, kurzen Etappen mit viel Aufwärmphase bei Kaffee und/oder Essen zwischendurch. Klar, weit kommt man dabei nicht unbedingt, aber eine Kirche und eine kurze Runde durch die Innenstadt mit Abstecher ins Kaufhaus reichen fürs erst ja auch.

Morgen ist ein neuer Tag, der Wetterbericht meint sogar ohne neuen Schnee und mit etwas weniger Wind. Kein Grund heute Hektik aufkommen zu lassen! ;)

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: