Prag – Sodom, Gomorra oder doch ein harmloses Touristenstädtchen?

 

Meine erste „Begegnung“ mit Prag war noch zu Schulzeiten. Damals kam irgendwo die Diskussion nach dem Ziel einer Klassenfahrt zwischen Lehrern, Eltern und Schülern auf. Prag stand mit auf der Liste, London, Amsterdam und Straßburg. London war schnell raus, denn da waren wir alle schon gewesen. Wäre es nach uns Schülern gegangen wären wir wohl definitiv nach Prag, aber unter exzessiver Verwendung der Worte „Sodom und Gomorra“ wurde diese Idee genauso wie Amsterdam von den Eltern ziemlich schnell wegdiskutiert. Es ist ja schon eine ganze Weile her mit der Klassenfahrt, aber auch wenn man die Zeit mit einkalkuliert und davon ausgeht dass Prag sich kontinuierlich verbessert hat seither, es fällt mir doch schwer die damaligen Argumente irgendwie nachvollziehen zu können.

 

die Molda mit Prager Burg

Per Zug in Prag anzukommen ist schon ein Erlebnis, das ich so noch nirgends gemacht habe: anstatt eines hektischen Bahnhofsgebäudes das vor allem mit unverständlichen Durchsagen und allgemeiner Hektik in Erinnerung bleibt, landet man hier kurz nach dem eigentlichen Bahnsteig in einem unterirdischen Konstrukt, das in seiner Art erstmal mehr an Flughafen als an Bahnhof erinnert: Es gibt hier nicht den obligatorisch überteuerten Bäcker und zwielichtige Kioske, sondern vom Bücherladen über Klamottenläden bis hin zum wohl sortierten Supermarkt in hell beleuchteten Gängen so ziemlich alles was das Herz so begehren könnte, mit Ausnahme der (in meinen Augen) vollkommenen Duty-Free-Lüge an jedem Eck. Gemütlich ist an der Stelle relativ, aber ich muss dennoch sagen: der gemütlichste Bahnhof den ich bisher gesehen habe.

 

IMG_1518.JPGAuch wenn man den Bahnhof verlässt findet man noch immer nicht, womit man in der Regel so rechnen würde: einen geschäftigen Vorplatz, vielleicht auch eine große Straße mit viel Verkehr und auf jedenfall viele suspekte Gestalten die einem entweder Zigaretten und/oder Kleingeld abknöpfen beziehungsweise Taxifahrten und/oder Hotelzimmer andrehen wollen. Es ist vielmehr das komplette Gegenteil davon: ein Park mit Bänken, grüner Wiese, Bäumen und Vogelgezwitscher. Dahinter direkt Altstadt, alles ganz ohne Taxi!Taxi!-Typen oder Leuten um die man aus welchen Gründen auch immer einen Bogen machen würde. So auf den ersten Blick muss ich also schon mal feststellen: nix Sodom, nix Gomorra.

 

irgendwo in Prag: eine kleine runde KapelleIm Gunde hat sich an dieser Erkenntnis bis dato nichts geändert. Für mich ist Prag ein aufgeräumtes, friedliches und ruhiges Touristenstädtchen. Dazu gehört genügend Polizei, damit der gemeine Tourist sich eben nicht zu fürchten braucht, viel Personal das die Straßen fleißig sauber hält und schon rennen die Fähnchenverfolger in rauen Mengen durch die Innenstadt. Deutsch, französisch, russisch, chinesisch… die Auswahl an Sprachen die von den Fähnchenträgern in ihre Mikrofone gesprochen wird ist beinahe so endlos wie die Scharen, die sich davon von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit drängen lassen. Vom verruchten Image kann ich bis auf ein paar Werbeplakate für ein Cabaret beim besten willen nichts finden. IMG_1517.JPGSoweit erinnert mich Prag sogar ein wenig an deutsche Städte mit hohem (chinesischen) Touristenanteil wie zum Beispiel München oder so. Zumindest vordergründig perfekt auf touristische Bedürfnisse wie schlafen, essen, eine gesunde Portion Sorglosigkeit, verfolgbare Fähnchen und praktische Sightseeing-Busse ohne Dach abgestimmt und damit beinahe schon in meinen üblichen Reisedimensionen als langweilig zu bezeichnen. Was hinter der touristischen Fassade noch so alles zu finden ist, das steht sicherlich auf einem anderen Blatt Papier, aber selbst wenn man sich bemühen würde, ich bin ziemlich davon überzeugt dass die Fassade derart stabil gebaut wurde, dass die mit üblichen Mitteln nicht innerhalb ein paar Tagen zu durchbrechen wäre.

Nein, das ist keine Beschwerde. Es ist eine wunderbare Stadt nicht allzu weit weg von daheim, perfekt um unbesorgt durch romantische Gassen zu schlendern, nachts in einem bequemen Bett zu schlafen, bei Lust und Laune einen ausgedehnten Spaziergang auf einen der umliegenden Hügel zu machen oder einfach in einem der vielen ausgedehnten Parks die Sonne zu genießen.

 

Für mich alles in allem ein sehr schöner Einstieg, quasi um zur Ruhe zu kommen bevor der eher „anstrengendere“ Reiseteil in etwas schwierigeren Gegenden beginnt. Schön, aber wie immer bei mir wenn das Reiseleben einfach ist: etwas karg an Reisegeschichten…

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