Prag, jetzt alleine…

 

Nachdem heute meine Reisebegleitung den Heimweg angetreten hat, gibt es auch für mich nichts mehr was mich so recht in dieser Stadt halten würde. Also auch aus dem Hotel ausgecheckt, das Gepäck am Bahnhof gelagert und auf den 23:50 Zug nach Budapest warten.

Prager Uhr am Altstädter Ring ohne Zeiger

vorne protzen mit einer Astronomischen Uhr, und auf der Rückseite des Gebäudes gingen dann wohl die Zeiger aus… ;)

Ja, Zug.
Ursprünglich ging ich noch davon aus, dass ab Prag ein Bus wohl die bessere Wahl sein würde um irgendwie in Richtung Süden oder Südosten weg zu kommen, denn die Zugfahrpläne kannte ich schon aus dem Internet und die waren eher spärlich in Sachen Reiseziele. Meine ganze Hoffnung lag also auf den Reisebussen, das Ziel zu erreichen von dem ich selbst noch nicht wusste was es denn eigentlich für diese Etappe hätte sein sollen.
An sich schon eine Aufgabe schwierig genug, und ein kurzer Besuch am Busbahnhof vorgestern hat auch nicht wirklich zur Besserung beigetragen…  Wien, Berlin, Dresden oder München liegen alle in die falsche Richtung. In Tschechien selbst mag ich nicht so unbedingt bleiben, und Bratislava oder Budapest geht auch per Zug. Alles in allem: eine für mich eher nicht zufriedenstellende Bussituation, kein Ziel dabei das mich jetzt so wirklich ansprechen würde und ein Zug mit Bett und Bewegungsfreiheit, das klingt in meinen Ohren grundsätzlich Welten besser als ein Sitzplatz im Bus in den ich mich mühevoll hineinfalten muss. Ergo: ich werde Zug fahren. Nachtzug nach Budapest, nicht weil ich da hin will, sondern weil ich die Hoffnung habe dort eine bessere Auswahl an Weiterreisemöglichkeiten zu finden.

 

Blick über Prag mit Karlsbrücke, Staatstheater und Altstadt

Prag von oben, mit irgendeinem der vielen Plätze deren Namen ich nicht kenne ;)

Um mir die Zeit den Tag über zu vertreiben, habe ich das wohl einzige gemacht was sich mir als inzwischen alleine und völlig auf Touristen eingestellter Infrastruktur verweigernder Reisender in dieser Stadt so übrig bleibt: nochmal einen ausgedehnten Spaziergang. Auffällig hierbei: kein Mensch wollte mir heute einen Segway andrehen, was die letzten Tage eigentlich der Normalfall war. Dafür waren es heute Drogendealer und Zigarettenschnorrer, die sich bei einem Alleinreisenden etwas eher mehr trauen als bei einem Pärchen im „Romatikwochenende“. Immer noch bei weitem nicht genug um doch noch Parallelen zu Sodom oder Gomorra zu ziehen, und wohl auch nicht mehr als in anderen durchschnittlichen Großstädten in Deutschland. Aber immerhin, die glitzernde Fassade bröckelt ein wenig und das macht beinahe ein bisschen sympatisch.

an der Prager Burg

irgendwo an der Prager Burg, am hintersten Ende, da wo die Stadt eigentlich schon aufhört ;)

Okay, mag auch ein wenig daran legen dass ich auch beim besten Willen nicht in das Bild eines normalen Prag-Urlaubers passe und scherze doch ganz gern selbst über meinen Penner-Look: die Jacke zerfranst und an den Ellbogen schaut schon ein Stück Innenfutter heraus. Aber hey, ich hatte nicht vor die ganze Zeit Bedarf an einer Jacke zu haben, und so ist es beim Packen diese eine geworden, um die ich absolut nicht trauern werde wenn es an der Zeit ist sie irgendwo zu vergessen um Ballast loszuwerden. Mein kleiner Rucksack… nunja, er hat schon ein paar Reisen mitgemacht und sieht auch dementsprechend aus. Er lag in tadschikischen Taxen im Fußraum, fuhr auf einem Roller über kambodschanische Staubpisten, wurde durch chinesische dritte-Klasse-Waggons gezogen und lag auf vietnamesischen Mekong-Booten. Ich mag den, hänge beinahe emotional daran und werde nicht daran denken den auszutauschen wenn er sich nicht zur völligen Unbrauchbarkeit aufgelöst hat. Dazu lange Haare, ein inzwischen gesunder sechs-Tage-Bart und das einzige was mich noch rein optisch in ein etwas besseres Licht rückt sind auf den ersten Blick eine neue Hose und neue Schuhe. Ich nenne das jetzt einfach mal den „Osteuropa-Tarnlook“, denn es ist mir doch tausend mal lieber wenn Kleindealer mal vorsichtig anfragen ob ich nicht Interesse an Drogen hätte, als dass jemand anderes in der Hoffnung auf das dicke Geld mich um mein Gepäck erleichtert.

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