Schluss mit lustig: im Nachtzug nach Belgrad

 

So langsam reicht es tatsächlich auch mir als quasi hartgesottener Nachtzugfan. Es gibt Nächte in Zügen, die sind einfach gar furchtbar. Ein Indikator dafür kann zum Beispiel ein Sitzplatztucket sein, das man beim Einsteigen in so einen Zug in der Hand hält. Ja, es gibt auch bequeme Sitzplätze für über die Nacht, welche in denen auch ich Beinfreiheit habe, in denen man komfortabel sitzt und die man eventuell sogar nach hinten legen kann. Nichts davon trifft aber auf den Nachtzug von Budapest nach Belgrad zu. Beim Einsteigen laufe ich noch an einem Wagon vorbei, auf dem „Liegewagen“ in deutscher Schrift zu lesen stand. Ob die Olle hinterm internationalen Ticketfenser in Budapest mit nun irgendetwas heim zahlen wollte und sich nun insgeheim zuhause darüber freut dass der nervige Tourist in der Holzklasse nach Belgrad fährt, oder aber ob dieser Wagon in der Nacht an irgendeinen anderen Zug mit anderem Ziel umgehängt wird… ich kann es nicht sagen, denn nachdem ich heute morgen verzweifelt versucht habe meine Beine zu wecken und irgendwie auf den Bahnsteig gestolpert bin, haben mich eindeutig andere Dinge beschäftigt als nochmals nach dem Liegewagen Ausschau zu halten.

 

Nachtzug von Budapest nach Belgrad

mein Nachtzug, was ein Traum…

Der Wagon in dem ich unterwegs war könnte theoretisch ähnlichen Ursprungs sein wie der in deutscher Schrift gekennzeichnete Liegewagen, aber er stammt wohl eher aus der Kategorie „Nahverkehrszug“ und hat seine besten Tage schon lange hinter sich. Die Sitze sind hart, lassen sich nicht verstellen und während meine Knies sich in den Sitz vor mir zu bohren versuchen, reicht mir die so genannte Rückenlehne gerade mal bis Mitte Schulterblätter. Immerhin schaffe ich es durch unermüdlichen nonverbalen Ausdruck meiner Missgunst den Platz neben mir frei zu halten und kann wenigstens ein wenig quer sitzen, während ich die Omi neben mir beinahe ein wenig beneide, die körperbautechnisch kompakt genug gestaltet ist, sich einfach quer auf zwei dieser dezent gepolsterten Stühle die hier als Sitz betitelt werden zu legen und ihren guten Schlaf akustisch mit dem ganzen Wagen zu teilen. Ja, sie hat geschnarcht, und das nicht leise. Hätte ich auch gerne, aber sie war ein wenig schneller als ich, und so verhinderte nun die akustische Kulisse ebenso wie die nicht abgeschalteten Waggonbeleuchtung effektiv jeglichen Versuch von mir, es Ihr gleich zu tun.

 

Eine Vierergruppe Polen, geschätzt Anfang zwanzig und vermeintlich auf dem Weg in irgendeine Art Urlaub oder eher Wochenendausflug scheinen das Problem schon vorab erahnt zu haben und versuchen sich die eher unangenehme Fahrt mit ausgiebig Bier und versuchten Kommunikation zur weltweiten politischen Lage mit einem anderen, allein reisenden Typen im etwa gleichen Alter angenehmer zu gestalten. Das Gespräch war zwar in meinen Augen eine weitere unnötige Qual in diesem Zug die lediglich als akustischer Müll zu werten ist, aber immerhin versuchte mich keiner zu involvierten.

Haus mit Loch Belgrad

am Morgen in Belgrad: das Haus mit Loch ist noch immer da

 

Wo der alleine reisende Typ genau her kam, das kann ich weder schätzen noch sagen, aber sein Englisch war deutlich limitiert und dennoch die einzige sprachliche Kommunikationsbasis mit den polnischen Jungs. Auf Aussahen von ihm wie „Turkey, uuuuh, Problem! Iran, Irak, big big Problem!“ und relativ wohl formulierten, berechtigten Fragen der Polen wie „what Do you meen with Problem?“ kam dann meistens nicht viel mehr als „uuhhh, People! People big Problem! Problem for Europe!“ als Antwort. Kurzum würde ich die Situation als „ein potentieller Islamhasser versucht seine Thesen mit einem Wortschatz von vielleicht 300 Worten in der (fast-) Öffentlichkeit zu verbreiten“ bezeichnen. Ich bezweifle auch dass diese Polen typen gewinnen konnten als ich, der relativ schnell versucht hat dieses undifferenzierte Gerede über dem Schnarchen der Omi von nebenan möglichst zu ignorieren.

 

Irgendwann mitten in der Nacht, ich denke es war so gegen eins, stand dann der Grenzübergang an. Raus aus der EU, demnach das erste mal mit Grenzen, Reisepass und Stempel und so. Ich hatte es zunächst erst gar nicht so recht registriert, verfiel ich doch irgendwann als die polnischen Jungs das Abteil gewechselt hatten und die Omi mal nicht ganz so laut geschnarcht hatte in irgendeinen halbwachen Dämmerzustand und habe dem ungarischen Grenzer erst mal die Fahrkarte gezeigt. Fand der nicht so witzig, ganz im Gegensatz zu seinem Kollegen, der daneben stand und sich ein herablassendes schmunzeln nicht verkneifen konnte. Also gut, dann eben Reisepass und nun in ein doch irgendwie verwirrtes Gesicht seines Kollegen geblickt. Es dauert noch eine ganze Weile, genau genommen bis die Passkontrollenkaravane drei Reihen weiterzog, bis ich registriert hatte dass dieser „untätig dabeistehende Kollege“ eine deutsche Uniform trägt. Hier sind zwei ungarische Grenzer unterwegs die Pässe kontrollieren und zwei deutsche die die Ungarn kontrollieren? Schräge Situation, erklärt aber ein wenig die Gesichtsausdrücke von vorhin.

 

auch die Aussichts-Mauer am Fluss in Belgrad existiert noch.

auch die Aussichts-Mauer am Fluss in Belgrad existiert noch.

Etwa eine halbe Stunde später, der Zug fuhr zwischenzeitlich ein paar Meter weiter und stand nun bereit für die serbischen Grenzkontrollen, werden die polnischen Jungs, inzwischen wieder zurück an ihren Plätzen,  merklich nervös. Drei von denen versuchen irgendwie den vierten wach zu bekommen, der deutlich benebelt und benommen in Abwesenheit jeglicher motorischen Fähigkeiten im Sitz hängt. War der vorhin bei den Ungarn auch schon so unansprechbar? Ich kann mich an nichts erinnern das mir irgendwie aufgefallen wäre. Die Aufregung wird von Minute zu Minute größer, die Stimme mit der sie auf ihn einreden genau so wie die Ohrfeigen die sie ihm inzwischen verpassen immer lauter, aber es tut sich einfach nichts. Ein ist offensichtlich: am Bier liegt dieser Zustand nicht, und spontan ändern ließ er sich definitiv auch nicht.
Das einzige was den Typen übrig blieb als der serbische Grenzbeamte den Waggon betrat, war den Pass des Typen aus seiner Hose zu ziehen, nervös nach vorne zu schauen und abzuwarten was da jetzt wohl passieren mag.

Im Gegensatz zu der vier Mann starken Truppe an der ungarischen Station scheint es hier tatsächlich nur einen Uniformierten zu geben, der quasi in Personalunion alles direkt selbst erledigt: kontrollieren, stempeln und aufpassen. Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich den nun bemitleiden soll weil er so ganz alleine arbeitet, oder ob ich ihn beneiden muss dass er irgendwie trotz der unchristlichen Zeit relativ fröhlich zu sein scheint. Glück für die polnische Reisetruppe: was will ein einzelner Grenzbeamter auch schon mit einem sich irgendwie weggeschossenen Polen machen? Richtig, erst mal den Pass stempeln, der ihm von einem seiner Reisebegleitungen gereicht wird, was auch sonst? Er schaut sich kritisch den im Sitz hängenden Typen an, dann den Freund von Ihm der in der Gewalt seines Passes ist, dann wieder den Typen und nochmal zurück, als plötzlich der zunächst im Sitz hängende Typ wohl wieder komplett in seiner eigenen Welt versunken mit den Oberkörper in Richtung Gang kippt und so hängen bleibt. Kurz ist absolute Ruhe im Abteil. Die polnischen Jungs, nun knallrot und deutlich verlegen, starren gemeinsam erwartungsvoll den Grenzbeamten an. Was nun? Der Uniformierte schafft es wohl einfach nicht mehr, seine professionelle coolness zu bewahren und bricht in schallendem Gelächter aus: „sagt mal Jungs, weiß der Typ denn überhaupt, dass er morgen in Serbien aufwachen wird?“ fragt er inzwischen schon beinahe scherzhaft. „Klar, er hatte nur vorhin etwas zu viel Alkohol!“ die verlegene Antwort darauf. „Alkohol? Ist klar… Passt auf euren Kumpel auf und macht keinen Scheiss in Serbien!“ meint der Grenzer mit einem dezenten Augenzwinkern während er in die restlichen Pässe die Einreisestempel verteilt und weiter zieht.

 

Eisstand in Belgrad

Eis bei strahlendem Sonnenschein im April… wie herrlich!

Nach dieser merkwürdigen Erkenntnis wie menschlich und pragmatisch so Grenzen doch sein können, einigen weiteren schlaflosen Stunden im Zug und einer kurzen Runde am frühen Morgen durch die Stadt war so ziemlich klar: Meine Blasen machen das Laufen beinahe unmöglich, ich bin völlig übermüdet, ich stinke wie Landstreicher und der Preis für eine Tasse Kaffee in Bahnhofsnähe ist endlich mal auf ein erträgliches Maß von 1,50 Euro gesunken. Bedeutet ein Stück weit, so aus ganz persönlicher Reiseerfahrung, dass ich dem „Urlaub“ deutlich näher gekommen bin, aber auch dass es allerhöchste Zeit für ein brauchbares Bett, eine ausgedehnte Dusche und ein klein wenig Luxus wird.

Ich bleib dann also erst mal hier bis morgen.

 

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