potentielle Kakerlakenreinkarnationen

 

Ich hätte es wissen müssen, irgendwie. Taxifahrer sind furchtbar, und in Belgrad ganz besonders. Alles potentielle Kakerlakenreinkarnationen, wie die Inder das irgendwann mal schon ganz richtig formuliert haben. Aber sei es an der Stelle darum, ich bemüh mich jetzt mal nicht allzu sehr darüber aufzulegen und bleibe erst mal beim Rest vom Tag, ohne die Taxigeschichte.

 

Gasse in Belgrad

irgendeine der unzähligen Gassen in Belgrads Innenstadt

Relativ spontan um eine Dusche, ein Balkon und ein bequemes Bett reicher fiel es mir tatsächlich schwer, die Stadt von der ich meine sie schon ausgiebig genug zu kennen auf ein neues zu erforschen und zog es vor mich um mein persönliches Wohlergehen inklusive ausgiebig Schlaf zu kümmern und lediglich das Hotel zu verlassen um meine Weiterfahrt zu organisieren. Das allerdings gestaltete sich mal wieder schwer genug, beziehungsweise die Auswahl an Destinationen konnte mich nicht so hundertprozentig glücklich stimmen: Wie und München, beides mal wieder gar kein Problem von hier aus. Es scheint mir immer mehr, als dass die zentralen Verkehrsknotenpunkt für ganz Osteuropa in Deutschland und Österreich liegen, was mich deutlich unpraktisch dünkt. Gut, Serben und Kroaten sind vielleicht nicht die dicksten Freunde auf dieser Welt, aber dass scheinbar schon aus Prinzip kein Bus von Belgrad nach Zagreb fährt, außer man steigt in Wien um? Beinahe unglaublich aber tatsächlich auf den ersten Blick so. Ich könnte mich auf ein Experiment einlassen, irgendeinen Bus innerhalb Serbiens in die richtige Richtung nehmen, versuchen nahe an die Grenze zu kommen, umsteigen auf irgendeine Grenzpendelgeschichte und auf der andere Seite den Weg nach Zagreb antreten. Dauert womöglich länger als zwei Busfahrten über Wien, und ganz ehrlich? Muss ich nicht gehabt haben. Sarajevo ist zwar mit einem einzigen Bus pro Tag auf dem Busfahrplan vertreten, aber zu einer verdammt unchristliche Zeit am ganz frühen Morgen…
Es gibt da so Indizien, dass auch hier im Sommer zwecks Urlaub am Meer ganz andere Routen gefahren werden, aber trotz schönem Wetter, der Kalender sagt es sei noch nicht Urlaubszeit.

 

stret art Belgrad

kenne ich zwar auch schon von meinem ersten Besuch hier in 2012, gefällt aber noch immer =)

Alles in allem scheint mir da die eine Stadt auf dem Fahrplan am Bahnhof noch am reizvollsten: Podgorica. Abfahrt um 20:10, mit Schlafwagen und so. Für unter 40 Euro im Dreibettabteil kaufe ich demnach bei einer für Osteuropa beinah erschreckend gut gelaunten Bahnmitarbeiterin ein Ticket, die aus lauter Freude am Ticketverkauf an den Ausländer sogar extra nochmal kurz wegrennt um irgendwas zu suchen, wenn auch leicht erfolglos. Nachdem sie am eigenen und den umliegenden Arbeitsplätzen nicht fündig wurde, telefoniert sie nochmal kurz, bis einen kurzen Moment später eine Kollegin mit einer Hand voll Flyer vorbeikommt. Stolz wie Honigkuchenpferd wird so ein Flyer nun zum provisorischen, aber beinahe liebevoll gebastelten Ticketkuvert umfunktioniert, die Tickets sorgfältig darin positioniert und per Büroklammer einzeln fixiert. Wunderbar diese Freude an doch irgendwie offensichtlich improvisierten Pragmatismus, schon alleine weil die Frau hinterm Ticketfenster selbst derart begeistert davon war. Dass der Flyer dabei offensichtlich Werbung für eine serbische Interrail-Geschichte in serbischer Sprache ist, ist dabei mal völlig zweitrangig. Es ist bunt, es ist Kuvert und es ist toll.

 

verlassene Werft in Belgrad

irgendwo in der Hafengegend: ein verlassenes Haus mit ziemlich mächtigem Kran. Eine Werft?

Das blöde an so einem Tag mit Zugfahrt am Abend: so gegen zwölf muss man meistens zwangsläufig das Hotel räumen und sich wieder die Zeit außerhalb des lieb gewonnenen Zimmers vertreiben. Was also tun, wenn die üblichen verdächtigen in Sachen Sehenswürdigkeiten in Belgrad alle imaginär abgehakt sind und die Mauer mit Blick über den Fluss auch nicht so direkt verlockend wirkt? Am besten einfach mal die Karte befragen was denn so fern ab jeglichen Reiseführers interessant klingen könnte. In meinem Fall war das der Hafen, gar nicht so weit weg vom Stadtzentrum. Das klingt nach rostigem Stahl, porösem Beton und brüchigen Bauwerken, also genau meinen sightseeing-Präferenzen. Um es direkt vorne weg zu nehmen: die Gegend die ich gesehen habe kam der Sache vermutlich schon ziemlich nahe, aber die blöden Hunde, die hinter jedem Eck aufgepasst haben dass ja niemand zu nahe kommt waren doch ein wenig hinderlich. Zumindest der Weg dort hin war mal ein neuer, eine Ecke die ich noch nicht gesehen hatte, eine Ecke die eher ruhig im sonstigen samstäglichen Innenstadttrubel war, und schon alleine deswegen mag ich mich gar nicht allzu sehr beschweren.

 

die Aussichtsmauer im Sonnenuntergang: am Samstag ist hier echt extrem viel los…

Es war einfach ein gemütlicher Nachmittag, den ich im festen Glauben daran noch ziemlich viel Zeit zu haben dann doch noch an der Mauer mit Aussicht über den Fluss ausklingen lassen wollte, als mir dort angekommen so ganz plötzlich auffiel: das mit viel Zeit war irgendwie falsch. Was auch immer ich auf der Uhr gelesen, für die richtigen Abfahrtszeit gehalten oder sonst irgendwie durcheinander gebracht haben mag, es waren noch ziemlich genau 34 Minuten bis Abfaht. 34 Minuten durch die halbe Stadt um im Hotel das Gepäck zu holen, dann nochmal ein gutes Stück an Bahnhof, dabei zwei mal vorbei an diesem Demonstrationsmob der mir vorhin schon begegnet ist und noch den richtigen Zug und Waggon finden… eher unmöglich, aber ich rene trotzdem mal aus dem Park in Richtung Hotel, denn was besseres fällt mir einfach nicht ein.
Auf dem Weg durch die Fußgängerzone beginne ich dann über Alternativen nachzudenken und zu rechnen: „Das Zugticket ist ein paar Tage lang gültig, aber wenn ich den Zug jetzt nicht erreiche brauche ich zumindest eine neue Reservierung für den Schlafwagen, da sind knapp 20 Euro… Ein weiterer Tag in Belgrad? nun, fände ich nicht so dolle. Ob das gleiche Hotel wohl noch ein freies Zimmer für heute Nach hätte? Deren Bett war schon sehr bequem. Aber nein, dann häng ich morgen nochmal einen Tag hier herum! Die Alternative? Ein Taxi könnte es schaffen, aber ich habe gerade noch genug serbisches Geld für ne Flasche Wasser und ein paar Kekse am Bahnhof in der Tasche. Ach, diese Taxen… das wäre immer schon okay, wenn diese miesen Taxifahrer nicht wären! Egal, ich will nicht noch eine Nacht hier bleiben, ich probier es jetzt einfach…“

 

Demonstration in Belgrad

Verkehrshindernis Demonstration, auch für Fußgänger…

Am Ende der Fußgängerzone steht wie immer eine ganz Reihe der lieben Transportdienstleister. Ich gehe bis zum vordersten (der erste Fehler?) und biete ihm folgendes an: „Ich muss zum Hotel XY, mein Gepäck abholen, danach direkt zum Bahnhof. Leider habe ich keine Dinar mehr, aber ich biete Dir 10 Euro Festpreis, wenn DU es in 15 Minuten schaffst.“ 10 Euro, das wäre hier schon der halbe Weg zum Flughafen und für meine aufgerufene Strecke ein Wahnsinns Angebot für den Taxifahrer, der natürlich prompt begeistert zustimmt (woher die Begeisterung wohl kommt?) und aufs Gas drückt.

 

Er schafft es tatsächlich rechtzeitig an den Bahnhof, oder zumindest bis an die Kreuzung davor, die gerade von gefühlten dreißig hupenden Reisebussen blockiert wird, bis ich in der Hektik so ziemlich alles falsch mache, was ich jemals über dieses Volk von Taxifahrern gelernt habe: Wir sitzen noch im Auto und mein Rucksack liegt noch im verschlossenen Kofferraum, als ich Ihn bezahlen will. Das ist gleich ein doppelter Fehler, denn zum einen komme ich ohne seinen guten Willen nicht an mein Gepäck (bis ich theoretisch ausgestiegen und am Kofferraum bin ist er schon locker weg gefahren), zum anderen ist ein Streit hinter verschlossenen Autotüren wesentlich diskreter für Ihn und seine Reputation als ein lautstark durch die Gegend schreiender Fahrgast neben dem Auto.
Zurück zum Thema: ich gebe ihm wie versprochen also IM Auto exakt 10 Euro und begehe direkt den zweiten Fehler: Ich bemühe mich meinen Geldbeutel möglichst schnell zusammen zu packen und aufzubrechen und lasse dazu den Banditen aus den Augen. Was jetzt passiert ist mir zwar noch nie passiert, aber eigentlich auch nichts neues: Der Typ beschwert sic, ich hätte ihm nur 20 Dinar (17 Cent) gegeben und wedelt mit einem entsprechenden Schein durch die Gegend. Der 10 Euro-Schein wurde natürlich noch nie gesehen, ist klar.
IMG_1714.JPGUm das ganze Spiel noch auf die Spitze zu treiben, verweist er nun ganz frech auf sein Taxameter, das umgerechnet grob 20 Euro anzeigt und besteht auf 20 Euro für die 10 Minuten Fahrt. Ich habe innerlich gekocht, denn der Idiot hatte tatsächlich Glück an zwei Dingen: Erstens funktioniert hier mein in Asien sonst übliches Notfallprogramm mit der dezenten Demonstration der eigenen körperlichen Überlegenheit nicht. Der Typ ist zwar nicht riesig groß aber dafür fast doppelt so breit wie ich, trainiert nicht dick. Das asiatische Notfallprogramm fällt also definitiv flach und argumentativ einer potentiellen Reinkarnationskakerlake beizukommen dürfte auch eher aussichtslos sein…
Das zweite Stückchen Glück das dieser Aaaa..llerliebste Taxifahrer hatte war schlichtweg, dass alles andere was ich noch bei mir hatte ein 20 Euro-Schein war. Selbst wenn ich auf die 10 Euro Festpreis bestehe wird er natüüürlich kein Wechselgeld haben, und bis wir welches besorgt haben ist mein Zug auch weg. Das weiß ich und das weiß er.

 

Ich habe mich extrem über die Aussichtslosigkeit dieser Situation geärgert, aber am allermeisten über meine eigene Blödheit. Ausgerechnet in Belgrad, wo ich doch schon ein mal teuer gelernt habe dass die Taxifahrer hier die mit Abstand hinterlistigsten Drecksäcke sind die mir jemals untergekommen sind, verhalte ich mich auch noch derart dilettantisch. Aber es hilft nichts, ich habe jetzt noch die Wahl zwischen womöglich 20 Euro und den Zug verpassen oder 30 Euro und den Zug bekommen. Ärgerlich, aber immerhin habe ich den Zug jetzt erreicht.
Auf dass es die letzte Taxigeschichte auf dieser Reise sein mag.

 

IMG_1719.JPG

 

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