bei offenem Fenster im Schlafwaggon…

 

Als ich im Belgrad am Bahnhof vor meinem Wagon für die kommende Nacht stehe, bricht bei dem Zugbegleiter offensichtlich etwas Verwirrung aus. Dass ich am richtigen Zug und vor dem richtigen Wagon stehe, da bin ich mir völlig sicher, daher bleibe ich ruhig und harre der Dinge die da kommen mögen. Es gesellt sich der Zugbegleiter vom Nachbarwaggon dazu, und nun wird fleißig diskutiert und in den Belegungslisten geblättert. Das einzige was ich verstehe währen nun fleißig auf den Listen der beiden eigekreist, durchgestrichen und verschoben ist immer wieder das „Tourist“, das überdurchschnittlich häufig in den Sätzen vorkommt.

 

Ich finde es schön, dass man sich hier extra fürsorglich um mich kümmert, auch wenn ich nicht ganz genau weiß was denn da gerade vor sich ging, als einer der Zugbegleiter auf ein Fenster zeigt und mir somit symbolisiert dass ich einsteigen soll und wo ich mich einzuquartieren habe. Vorsichtshalber zeige ich nochmal auf mich und dann auf das Fenster, nur um sicher zu gehen. Der Zugbegleiter nickt, ich nicke dankend und lächelnd zurück und versuche mich im dunklen Wagon zurecht zu finden. Es ist ein deutlich älteres Modell als die letzten Waggons die ich auf dieser Reise so gesehen habe und noch scheint irgendwie der Strom nicht an zu sein, aber nichts desto trotz scheint es hier recht komfortabel zu sein: drei Betten, Waschtisch, Spiegel, und das aller beste: eine Kurbel am Fenster, ein wenig größer als in alten Autos, aber man kann damit das Fenster für viel Frischluft bis zur Hälfte öffnen. Ein herrliches Feature im Vergleich zu jeglicher Art von künstlicher Klimatisierung.

Dreibettabteil von Belgrad nach Podgorica

zwar nicht super modern, aber gerade deswegen so toll: Dreibettabteil mit Fensterkurbel!

 

Kaum hatte ich mich zurechtgefunden, ging plötzlich das Licht an und der Zug setzte sich in Bewegung. War knapp genug mit dem Taxi vorhin, auch wenn ich den Ärger noch lange nicht verdaut haben werde. Wie sich herausstellt, scheint aber dieses Tourist-gerede mitsamt Listen-gewälze der Zugbegleiter bewirkt zu haben, dass mir ein Touristenabteil gemacht wurde. Dem Umstands dass außer mir sonst keine Touristen zu finden sind verdanke ich nun Privatabteil, in dem ich die Abdeckung über dem Waschbecken schließe, das Fenster runter kurbel, mich auf die Waschbeckenabdeckung setze und mit frische Wind im Gesicht die nächtliche Landschaft an mir vorbei ziehen lasse.

 

im Zug nach Podgorica, Montenegro

kurz vor Podgorica am frühen Morgen

Es geht los, in mir macht sich nun endlich dieses Urlaubsgefühl breit, diese Vorfreude  auf den neuen Ort an dem ich morgen aufwachen werde, die gleichzeitige Unsicherheit was mich dort erwarten wird, die Gewissheit nichts festgelegt zu haben, an diesem Ort bleiben zu können oder aber direkt in den nächsten Bus zu steigen und weiter zu fahren. Einfach spontan entscheiden, egal ob ich das vom Wetter, dem Mondstand oder sonst irgendwas abhängig mache, was mich als nächstes interessiert…
Ja, offene Zugfenster bei Nacht, mit ein paar serbischen Dörfern die da träge an mir vorbei ziehen, dem monotone Geräusch der Waggonreifen auf den Schienen, all das könnte in dem Moment besser kaum sein. Eine spontane Runde Reiseromantik, die einen da mal eben packt, ohne dass man es so recht bemerkt.

Park mit Parkbank in Podgorica

ein Park in Podgorica am frühen Morgen

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