Kotor: Kreuzfahrtschiffe, ein verlassenes Hotel und eine Festung…

 

Die Straße von Podgorica nach Budva überrascht mich ein wenig mit den vielen Serpentinen, den tausend Kurven und den Bergen, die sich karg und ziemlich unbesiedelt bis an den Horizont auszubreiten scheinen. Keine wirklich einladende Gegend, wenn auch zugleich faszinierend und auf eine seltsame Art und weise doch auch schön anzusehen.

Busbahnhof Podgorica

am Busbahnhof in Podgorica: der Schein trügt, deutsch bringt einen hier nicht weiter ;)

 

Die mit Abstand häufigste „Werbung“, die hier wirklich auf jeden noch so kleinen Fleck freien Felsens gepinselt oder gesprüht geschrieben steht, ist immer identisch: „Auto Šchlep“, gefolgt von einer sich laufend ändernden Telefonnummer. „Autoschlepp“… man braucht nicht absonderlich kreativ sein, um ganz schnell zu erkennen was hier das große Business zu sein scheint. Nicht sonderlich beruhigend, aber ich beschließe dass vollstes Vertrauen in den Bus und seinen Fahrer so ziemlich das beste ist, was man aus dieser Situation machen kann. Ist ja sicherlich nicht das erste mal dass diese Kombi über die Serpentinen im montengrinischen Nichts brettert. Hier liegen zu bleiben dürfte zwar nicht bedrohlich sein, aber dennoch ein eher unangenehmes, teures und offensichtlich nicht allzu seltenes Erlebnis, zumindest unter den Autofahrern.

 

„Montenegrinisch“? Wie lautet die korrekte Formulierung zu diesen Land und dessen Bewohner eigentlich? Montenegrisch? Montenegri? Ich tendiere ja dazu, seine Einwohner „Monteneger“ nennen zu wollen, bin mir aber ziemlich sicher dass das nicht nur politisch höchst unkorrekt wäre. Aber genug der Wortspaltereien, es ist höchste Zeit sich auf Kotor zu konzentrieren. Als ich am Busbahnhof ankomme, dröhnt erst mal eine laute Hupe durch die Stadt. Ein Schiffshorn war meine erste Schätzung, ohne selbst ganz genau zu wissen was diese Stadt an der Bucht mit der Schiffahrt so genau am Hut hat. Ja, ich muss mal wieder zugeben ich bin bestens vorbereitet, und stolper einfach nur so von neuer Erkenntnis zu totaler Überraschung zum wieder zur neuen Erkenntnis wie zum Beispiel die Tatsache dass dieses eigentlich eher verschlafene Dörfchen in einer idyllischen Bucht am Mittelmeer nur allzu gerne von kompletten Kreuzfahrtschiffen heimgesucht wird.

Kreuzfahrtschiffe in Kotor

kleine Bucht mit riesigen Schiffen: Kreuzfahrtschiffe in Kotor

Tagestouristen auf Landausflug, die wie eine unkontrollierte Flutwelle durch die Stadt herfallen und am Nachmittag alle wieder verschwunden sind… Nun, ob es wirklich derart schlimm ist weiß ich nicht, meine Vorstellung mag da nicht ganz der Realität entsprechen, aber angesichts der 2500 Passagiere die ein einzelnes dieser Schiffe potenziell mitbringen kann (Crew mal nicht mitgerechnet) bin aber dennoch froh das sich die beiden Kolosse die ich hier im der Bucht entdecke als ich mit ein Stück vom Busbahnhof entferne gerade schon wieder am auslaufen sind. Blödes Vorurteil oder nicht: persönlich verspreche ich mir so doch ein wenig mehr Ruhe.  Man soll es nach einem Aufenthalt in Podgorica ja nicht übertreiben mit der Hektik.

die Bucht von Kotor

die Bucht von Kotor, leider nicht bei allerbestem Wetter

Das Wetter war mir zwar nicht ganz so wohl gesonnen und ich Held hatte eine Unterkunft auf der gegenüberliegenden Seite von Kotor an der Bucht gesucht, aber wer mich kennt weiß eigentlich schon dass mich solche Umständen in der Regel nicht davon abhalten können den kleinen Rucksack zu schultern um einen Berg zu erklimmen, auf dem eine Festung oder Burg wartet. Und Kotor hat eine Festung, die neben der nicht ganz so spektakulärem Altstadt (enge Gassen und alte Häuser halt, mit vielen Touristencafes dazwischen) wohl einer der großen Gründe für mich war, hier her zu kommen. Naja, neben der Tatsache eben mal wieder das Meer sehen zu wollen, klar.

verlassenes Hotel Frod in Kotor

das verlassene Hotel ,,Fjord“

Auf dem Weg versuche ich immer wieder einen Weg in das verlassene Hotel „Fjord“ an bester Lage der Stadt erspähen zu können. Ein ursprünglich mal eher exclusives Hotel, das irgendwann mal geschlossen wurde oder werden musste. Google meint was von ausgebliebene Gästen und einem zahlungsunfähigen Besitzer oder so, aber die Hintergründe interessieren mich ehrlich gesagt eher weniger. Ich würde da gerne mal rein, denn mich erinnert es ein wenig an die Bokor Hill Station, wenn auch ein gutes Stück neuer. Das Dach ist inzwischen schon löchrig, der Pütz bröckelt so langsam vom den Wänden, Fenster wurden eingeworfen. Aber jegliche Stelle die auch nur irgendwie einen Zugang ermöglichen würde, ist akribisch zugenagelt, versperrt oder mit massiven Schlössern gesichert. Dabei wär das doch wegen mir gar nicht nötig, ich hätte nichts kaputt gemacht und auch nix geklaut von dem was da eventuell noch herumliegt, aber effektiv dein kommen tu ich leider nicht. Bleibt leider nichts anderes über als ein paar Fotos von außen und sich dann einfach mit der Festung abzulenken.

 

Weg zur Festung über Kotor

der Weg zur Festung über Kotor

Achja, Festung. Kotor ist ziemlich touristisch angelegt, da verwundert es also auch wenig dass der Weg zur Festung wunderbar ausgeschildert, mit Eintrittskarten-Stand unter einem Sonnenschirm versehen und auch ziemlich gut besucht ist. Und weil es ein Berg ist, trifft man hier ganz schnell auf meine Lieblingsgattung aus der Kategorie Tourist: die Supermultifunktionalen. Mit ihren massivenWanderschuhe, praktischen Zip-Hosen mit den abtrennbaren Beinen, Multifunktionsjacken für jegliche Wetterlage von Sibirien bis den Äquator, Trinkflaschenhalter und dem nagelneuen Wanderrucksack mit 17fachem Befestigung- und Staniliserungssystemem werde ich nur allzu gerne von denen an solchen Stellen belächelt. Ja, ich trete an mit Turnschuhen, Tigers um es präziser zu formulieren, die ohne nennenswertes Profil, weiters einer einfachen Jeanshose und Baumwall T-Shirt sowie dem deutlich benutzten Radrucksack in dem eine einfache Wasserflasche steckt. Was solls? Da geht ne Treppe den Berg hoch, und auch wenn es ein paar Passagen mit Geröllpiste gibt, hier werden Kreuzfahrtrentner den Berg hoch gejagt, ich denke ich werde schon klar kommen. Kein Grund mich so schief zu belächeln, lange kein Grund zu tuscheln, und auch wenn Ihr es nicht wisst: ich versteh es wenn ihr auf deutsch lästert. Lasst es doch einfach bleiben, immerhin lasse ich euch auch in Ruhe mit eurem Multifunktionsquatsch aus dem heimischen Outdoorladen.

verfallenes Dorf bei der Festung Kotor

das verfallene Dörfchen hinter der Festung

 

Genug geschumpfen, aber das musste doch mal gesagt werden.
Ehm, ja… Festung, Aussicht, super. Wo war ich? Mein unerwartetes Highlight vielleicht noch auf die Schnelle erwähnt: irgendwo in der Festungsmauer, so auf 2/3 der Höhe kann man nach hinten durch ein etwas groß geratenes Guckloch klettern, um auf ein paar ausgetretenen Kuh-Pfaden (in den Turnschuhen, ohjeohje…) ein verfallenes Dörfchen auf der Rückseite des Festungsfelsens zu finden. Meine neu gewonnen Multifunktionsfreunde habe ich dort nicht entdeckt, aber nach ein wenig Kaufladen-Slalom in meinen Augen die schönste (und zufällig auch ruhigsten) Ecke der ganzen Festung entdeckt.

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