Ulcinj und die Nebensaison?

 

Ja, sie ticken offensichtlich langsamer, die Uhren in Montenegro. Es hat keinen Sinn sich dagegen zu wehren, eine Strecke von 80 Kilometern dauert hier eben von der Ticketverkäuferin am Busbahnhof prognostizierte zweieinhalb bis drei Stunden. Auch wenn am Ende erfreulicherweise zweieinhalb für den Bus ziemlich gut gepasst haben, zu Fuß von meiner Unterkunft bei Kotor an den Busbahnhof ist auch eine Stunde, dann will man noch ein wenig Reserve haben (Busse fahren hier angeblich gerne zehn Minuten vor der Zeit), und rechnet am Ziel bis in die auserkoren Unterkunft auch noch grob ne Stunde… da kann so ein Tag für relativ einfach klingende 80 Kilometer doch mal so ziemlich ausgefüllt sein.

Nebel in Kotor

Aufbruchswetter: Kotors Schmuddelwetter bei meiner Abreise

 

Absolut gar nicht zu verachten ist auch in Ulcinj der gern verschwiegene Umstand einer relativ beachtlichen Hanglage der Stadt direkt ab dem Ufer. Hätte mir jemand gesagt dass 300 flache Meter vom Strand entfernt auf einer Landkarte in der Realität nochmals gefühlte 200 Meter nach oben bedeutet, oder gar dass zwischen Strand und Busbahnhof ein ganzer Berg liegt, hätte ich meine Wahl wohl dezent anders getroffen. Aber ja, ich war wohl ein wenig feige, oder ich wollte für meinen Geburtstag ein kleines Stück Gewissheit haben, was mich dann irgendwie dazu bewegt hat vorab ein Appartment zu buchen. auch in Ulcinj scheint „Appartment“ die erste Wahl unter den Urlaubern zu sein, was im Grunde in „Landeskategorie“ schlicht zu bedeuten scheint dass man ein Zimmer zu erwarten hat, das neben einem kleinen Badezimmer ein Spülbecken, ein wenig von den Besitzern aussortiertes Geschirr, einen Topf und eine Pfanne nebst zwei Kochplatten beinhaltet. Das ganze scheint in der Regel familiär betrieben zu werden, so wie ich das erkennen kann wohnen die Besitzer eigentlich immer auch im selben Haus.

Altstadt Ulcinj

Ulcinj mit Blick auf die Altstadt

 

Auch hier in Ulcinj scheint das nicht anders zu sein. Ein etwas groß geratenes Wohnhaus mit Garten, spielenden Kindern und einem Parkplatz für zwei Autos. Das einzige was es als Appartementhaus etwas anders macht, ist auf den ersten Blick die große Reklametafel am Haus sowie ein kleiner Raum im Erdgeschoss, der vielleicht drei Quadratmeter misst, eine einzige Tür ins freie besitzt und von außen mit dem Wort „Recepcija“ beschriftet ist. Natürlich ist die nicht besetzt, würde sich kaum lohnen wenn da den ganzen Tag wer sitzt, aber zumindest erkennt wohl zuverlässig irgendjemand der sich ums Haus herum aufhält eindeutig was Sache ist wenn sich jemand da rein verirrt und schreit lauthals nach der Dame des Hauses, in der Hoffnung es wird von Ihr auch gehört. notfalls wird noch telefoniert, aber soweit ich aus meiner Erfahrung sprechen kann, scheint das ganz gut zu klappen. Ich mag diese Häuser irgendwie, die Küche ist zwar nie der Hit, aber immerhin ne Küche, Balkon ist meistens auch mit dabei und günstig ist es in der Regel noch dazu. Und nachdem ich mal nach der Wäschesache gefragt habe hieß es: „the working woman will do that, 5 Euro per machine“. Die Arbeitsfrau also. Wenn ich mal groß bin, dann möcht ich mir für die Arbeit auch jemand anstellen. Das Konzept klingt sehr sympathisch.

leerstehende Geschäfte in Ulcinj

Ulcinj: geprägt von leer stehenden Gebäuden

 

Ob Ulcinj sich derzeit noch im Nebensaison-Dornröschenschlaf befindet, oder ob hier irgendwas ein wenig schief läuft, das vermag ich nicht so wirklich herauszufinden. Es ist einfach noch April, definitiv nicht Sommer und die Lokale sind weitestgehend schlichtweg leer, viele andere haben einfach geschlossen. Ich frage mich an so mancher Stelle ob nur für die Nebensaison, oder so ganz und komplett, werde aber nicht so wirklich schlau aus dem was ich da sehe. Auch die Läden stehen in so manchen Straßen gut zur Hälfte einfach leer, wobei ich hier wiederum nicht mal sicher sagen kann ob die überhaupt alle jemals in Verwendung waren. Dazwischen noch die ein oder andere Bauruine, und ich bin völlig unsicher ob hier allgemeine Schlussverkaufsstimmung herrscht und wer kann das Glück an anderer Stelle sucht, ob hier irgendeine Immobilienblase am Werk ist oder ob es sich wirklich nur um Winterschlaf handelt.

verlassenes Strandrestaurant Belveder in Ulcinj

war sicherlich mal ein schnieke Laden hier… Laut Google hieß/heisst er Belveder

Relativ hübsch fand ich eigentlich ein Strandrestaurent bzw Bar, von dem Tante Google zumindest weiß dass man es Belveder nannte oder nennt. Das aktuellste was ich hierzu allerdings finden kann, ist ein youtube-Video aus 2011. Gibt zu denken irgendwie, und eine komische Stimmung macht sich in einem breit wenn man mit offenen Augen durch die Straßen und Gegend schlendert. ich hoffe ja es liegt einfach nur an der Nebensaison.
Vielleicht wäre das ja auch mal ein angebrachter Plan: in der vollen Hauptsaison und in der Nebensaison so einen Touristenort vergleichen. Einfach nur für die persönliche Referenz, um mal zu wissen wie groß die Unterschiede sind und was von dem, das man vielleicht vorschnell für verlassen hielt dann ganz schnell doch wieder frisch aufpoliert neu eröffnet.

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