wird sich schon alles ergeben, irgendwie…

 

Es ist viertel vor Zehn an einem ziemlich schönen Morgen in Ulcinj. Ich dreh mich lieber noch mal im Bett um und schlafe ein wenig weiter.

Aussicht über Ulcinj

zwar nicht die beste auf der Welt, aber ich hab sie gemocht: meine Balkon-Aussicht über Ulcinj

Es ist halb Elf an einem sehr schönen Morgen in Ulcinj, höchste Zeit aufzustehen, die Sachen zu packen und sich in Richtung Busbahnhof zu begeben, sehen was das gerade so im Angebot ist. Tirana hätte es ja werden sollen, oder auch nur an die Grenze nach Albanien, jedenfalls einfach mal noch ein Stück weiter in Richtung Süden war der Wunsch. Leider habe ich gestern ein wenig das Internet befragt, und das behauptete ziemlich einheitlich dass der einzige Bus nach Tirana morgens um sieben fahren würde, was mir aber doch eindeutig zu früh ist. Ich bin allgemein kein Frühaufsteher, und im Urlaub erdulde ich einen Wecker auch nur im Notfall. Um halb sechs aufstehen, nur um so einen Bus zu erreichen? Ne, so wichtig ist es mir dann doch nicht heute Abend in Tirana zu sein.

 

Nach einer Tasse Kaffee beim auschecken besteht der Besitzer des Hauses spontan darauf, mich in seinem Fahrschulauto an den Busbahnhof zu fahren. Er lässt sich nicht davon abbringen, und ich muss ehrlich zugeben irgendwie bin auch nicht ganz abgeneigt und lasse daher den üblichen Smalltalk über mich ergehen: Bayern München und Mercedes, das ist selbst bei so gut wie nicht existentem gemeinsamen Wortschatz wohl überall auf der Welt Smalltalk Thema Nummer eins. Wie immer kann ich nicht wirklich mitreden, aber wie immer reicht der Wortschatz sowieso nicht weit genug als dass das auffallen würde. Wie immer Glück gehabt.
Aber ich habe ungeachtet dessen über die letzten Tage hinweg mal beschlossen die Montenegrino (ich weiß noch immer nicht wie man dazu wirklich sagt. kann mich mal wer bei Gelegenheit aufklären?) zu mögen. Entspannt und freundlich, übers Ohr gehauen hat mich hier noch keiner, und eigentlich so gastfreundlich dass es mich wundert warum so viele Adria-Touristen spätestens in Dubrovnik verhängen… Gut, ich kenne Dubrovnik nicht, aber nur ein paar Kilometer weiter ist es so angenehm Urlaub zu machen, dass ein überfülltes Kroatien eigentlich nur schlechte Karten im direkten Vergleich haben kann… Außerdem würde ich es persönlich den Montenegern (wäre immer noch meine Lieblingsvariante) gönnen und wünschen, dass hier mehr von den geschlossenen Restaurants geöffnet haben und weniger Camps und Läden und was weiß ich was alles langsam verkommen. Ein schönes Land, mit netten Menschen und viel Hoffnung auf Touristen, warum sollte das auch nicht ein wenig mehr geschätzt werden?
Nunja, vor man richtig lästert sollte man wissen von was man redet. Vielleicht stoppe ich da auf dem Rückweg mal, nur um mir selbst zu beweisen was ich aktuell nur vermuten kann um dann auch offiziell lästern zu dürfen.

 

Busbahnhof in Ulcinj

der Busbahnhof

Aber zurück zu Busstation. Wenn ich heute eins gelernt habe, dann wohl „traue nie dem Internet, wenn es um Busfahrpläne in Montenegro geht“. Ich hatte mir ein paar Optionen gemerkt, nur so als Idee, aber erkenne nun an der Anzeigetafel hier dass das nichts mit dem gemein hat, was ich von meiner online-Recherche auf offiziell anmutenden und montenegrinischen Internetseiten noch so im Kopf habe. Jeglicher Plan, hätte ich mir denn einen gemacht, wäre schlichtweg nicht aufgegangen, dafür aber die die ich längst verworfen habe: „Tirana, 12:15“ steht da geschrieben. Nun gut, in dem Fall will ich nicht meckern und kaufe mir bei einer freundlichen Ticketverkäuferin zum ersten mal für acht Euro in Montenegro ein Busfahrticket, dabei hatte ich beinahe schon vermutet hier kostet jede Fahrt immer 7,50. „Tirana also“ denke ich leicht schmunzelnd als ich in den Bus einsteige und meinen Reisepass beim Busbegleiter deponiere, wer hätte das gedacht?

Notausgangs-Hinweis auf deutsch in einem albanischen Bus

nett von denen, das so zu schreiben dass ich es lesen kann =)

Ja, ich muss an der Stelle zugeben mir war nicht so ganz wohl bei der Sache. Mein Reisepass ist mir, auch wenn er schon deutlich mitgenommen und leicht lädiert daher kommt irgendwie heilig. An zu vielen Konsulatstüren bin ich schon zu viele Stunden wartend die Füße in den Bauch gestanden um diese bunten Aufkleber da drin zu sammeln, viel zu viele Stunden habe ich Ihn gehütet als wäre er das aller heiligste auf der Welt, war es doch oft genug der einzige Ausweg aus so manch komischen Ländern. Und nun liegt er in einem deutlich betagten Bus auf dem Armaturenbrett zwischen ein paar montenegrischen und albanischen Personalausweisen als wäre er nur ein simples kleines Büchlein aus dem Reclam-Verlag während wir durch allerhand atemberaubende Serpentinen in Richtung Grenze fahren und der Stapel von links nach rechts un wieder zurück nach links rutscht. Mir wäre es auch irgendwie lieber gewesen, selbst vor einem Sicherheitsglasfenster mit kleiner Durchreiche zu stehen, leicht nervös einem grimmig drein schauenden Grenzbeamten dieses Weinort Büchlein in die Hand zu geben und abzuwarten bis dieses erleichternde Geräusch ertönt, das entsteht wenn man mit viel Schwung, wie an Grenzen irgendwie international üblich, ein Stempel in den Reisepass gehauen wird. Stattdessen darf ich im Bus sitze bleiben, der Busbegleiter sammelt die Pässe auf dem Armaturenbrett wieder zusammen und rennt damit an das Fenster für die Reisebusabfertigung. Es geht schnell, keine Frage. Aber als der Bus wieder anrollt, der Busbegleiter die Ausweis austeilt und mir, leicht verwundert über de Diskrepanz zwischen Foto im Pass mit unkontrollierte Lckenkopf und der Realität mit langen Harten und Bart den Reisepass zurück gibt, finde ich einfach keinen Einreisestempel darin. Wäre ich selbst am Sicherheitsglasfenster gestanden und hätte dieses erleichternde Geräusch nicht vernommen, hätte ich immerhin blöd nachfragen können. So sitze ich nun in einem Bus in Albanien und spekulieren darüber, ob das wohl alles seine Richtigkeit hatte.

alter Mercedes in Albanien

das erste was ich bei einem Zwischenstopp in Albanien vor mir sehe. Zum Glück nicht repräsentativ wie sich herausstellen wird.

„Nunja, jetzt bin ich erst mal da, der Rest wird sich schon ergeben“ war mein Entschluss zum fehlenden Stempel, denn was hätte ich auch anderes tun können, außer aus dem Fenster zu schauen und endlich zu diesem „Albanien“ ein reelles Bild zu bekommen. Auf den ersten Blick bin ich ein wenig überrascht, dass hier zumindest in der etwas ländlicheren Gegen jedes Haus seinen eigenen Wassertank gut sichtbar auf dem Dach stehen hat. Kein sonderlich bedenklicher Anblick, aber spricht doch ganz deutlich für gewisse Defizite in der Infrastruktur, die sich hier direkt nach der Grenze ganz urplötzlich auftun. Aber alles in allem bin ich keineswegs schockiert, nichts von diesem schrecklichen Vorurteilen die man bei dem reinen Wort „Albanien“ im Kopf hat. Und nein, über die ganze Strecke und die ganze Zeit in Tirana die ich unterwegs verbracht habe, ich habe kein einziges Kopftuch gesehen.

 

Wohnblock in Tirana

die rote Tür, das ist mein Appartment, bestimmt ne ganz hoch offizielle Sache…

In Tirana versuche ich spontan eine Unterkunft zu finden, was sich überraschender weise als gar nicht ganz so einfach herausstellt. Ich klappere drei mir bekannte günstige Unterkünfte ab, bis mir die vierte ein alleinstehendes Appartment, besser gesagt die leicht gammlige Notunterkunft zwei Blocks weiter anbietet. Es ist nicht schön, aber ich habe schon deutlich schlechter geschlafen und besitze hier meine eigene Haustür im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses. Bezahlt wird in Bar, registriert wird nichts. Passt zu meiner Einreisen ohne Stempel, dass ich jetzt mehr oder minder inoffiziell in einem Wohnhaus in nicht allerbester Wohnlage in der Nähe von Tiranas Zenrum unterkomme. Vielleicht ist das ja üblich so in Albanien, und auch hier wird sich „der Rest“ schon ergeben, wenn es soweit ist.

Bahnhof Tirana

der Bahnhof (oder was noch davon übrig ist) in Tirana

 

Achja, die erste Erkundungstour war zum Bahnhof. Bahnreisen n Albanien sollen schrecklich langsam und fürchterlich unkomfortabel sein, aber ganz schöne Aussichten bieten. Klingt nach genau dem richtigen Transportmittel für ein kleines Erlebnis, dementsprechend gefreut habe ich mich schon die nächste Stadt per Bahn zu erreichen, die ich auch nur anhand der Abfahrtspläne im Bahnhof ausgewählt hätte.
Aber: den Bahnhof, den gibt’s noch. Und auch wenn noch ein zweisprachiges Schild über dem Eingang „Train Station“ verspricht, es ist alles Verschlossen und verriegelt, und hinter de Fenster erkennt man außer Müll und gähnender Leere nichts. Auch Gleise sucht man um den ganzen Bahnhof herum ziemlich vergeblich, lediglich eine ziemlich frisch eingeebnete Kiespiste verrät wo diese mal hätten sein können. Schade, aber Tirana werde ich wohl nur per Bus verlassen können.

 

Genug für einem Tag, ich lege mich auf die abgewetzte Matratze in meinem „schnieke Apartment“ vorsichtshalber mal nur mit Schlafsack, freue mich bis hier her gekommen zu sein und… der Rest wird sich schon ergeben, irgendwie.

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