ein Tag in Tirana

 

Eine ziemlich geschäftige Stadt, dieses Tirana. Nicht nur dass man so ganz plötzlich auf Ampeln und Verkehr achten muss wenn man die Straße überquert, es gibt mehrspurige Kreisverkehre, Zebrastreifen, Menschen die durch die Straßen hetzen, mobile Popcornverkäufer die ihren Wagen gemächlich durch den Trubel schieben, eine Oper, Museen, Parks im denen sich tatsächlich Menschen aufhalten und eine beinahe unbegrenzte Anzahl an Cafes und eine ganze Menge Wettbüros.

Innenstadt Tirana

Tirana, das in der Mitte der Straße ist eine Allee für Fußgänger, ehrlich! ;)

Eine ganze Menge Action, wenn man noch ein wenig verschlafen am frühen Morgen aus seinem Appartment auf die Straße stolpert und im Kopf noch immer ein wenig auf ruhige Städte am Meer in Montenegro eingestellt ist. Eine große Stadt eben, wie es irgendwie auch zu erwarten war. Trotzdem ist der Trubel irgendwie ein anderer in so manch anderen europäischen Städten: während sich mir noch nicht so recht erschließt was genau es sich mit all den Albanern auf sich hat die schon am frühen Morgen in Cafes oder Wettbüros zusammen sitzen bin ich wie schon in Podgorica erstaunt bis positiv überrascht über die komplette Abwesenheit von den üblichen internationalen Ketten, die nur allzu gerne das Stadtbild einer durchschnittlichen Innenstadt prägen. Sei es nun Bekleidung oder Fastfood: in Tirana findet sich bis auf ein paar kreative und eher lokale Imitationen nichts, was einem irgendwie bekannt vorkommen könnte. Trotzdem scheint es an nichts zu fehlen, Kleidung tragen trotzdem alle, in den (Super-)Märkten gibt es (bis auf brauchbaren Käse) alles was das Herz begehrt und bei schnellem Hunger stehen auch so genug Möglichkeiten zur Verfügung, ganz ohne güldenes M.

Bunker in Tirana, Albanien

einer der vielen ( ich finde Zahlen zweischen 174.000 umd 700.000 Stück), die quer durchs Land errichtet wurden

 

Albanien war wohl, wie ich nur allzu oft erst unterwegs und nicht im guten Geschichtsunterricht an deutschen Schulen erfahren darf, bis 1990 komplett von der Aussenwelt abgeschottet. Ein etwas kommunistisch und vermeintlich paranoider Diktator namens Enver Hoxha hat zwischen 1946 und 1985 nicht nur das Land mit zahlreichen Bunkern zur Abwehr des bösen Auslandes das bestimmt jeden Tag über Albanien herfallen könnte übersäen lassen, sondern so effektiv abgeriegelt wie es heute beispielsweise Nordkorea ist was bis mehr oder weniger 1990 gehalten hat. In nur 25 Jahren von kommunistischem Regime zu irgendwas in Richtung Demokratie, das ist wahrlich nicht unbeachtlich, erklärt aber vielleicht auch so manches hier.

Einkaufszentrum in Tirana

war mal Einkaufszentrum, ist jetzt Cafe-Zentrum

 

Die Cafe- und Wettbüro-Sache ist mir allerdings noch etwas suspekt. Es ist Samstag, gehen wir naiver Weise einfach mal davon aus trotz überall geöffneter Läden die meisten Albaner Wochenende haben. Warum sitzen albanische Männer den ganzen Tag zusammen und starren, wenn sie nicht gerade mit dem Telefon am Ohr wild argumentieren, Löcher neben einer leeren Tasse Kaffee in die Luft? Wie kann ein offensichtlich ursprünglich als Einkaufszentrum konzipiertes Gebäude funktionieren, wenn inzwischen 90% des kompletten Angebots davon aus Cafes besteht? Ein interessanter Aspekt dieser Stadt, bei dem ich allerdings nicht mal so ganz sicher bin ob ich denn überhaupt wissen will mit was die starrenden und telefonierenden Herren so ihr Geld für den Lebensunterhalt verdienen. Und schon sind sie alle in meinem Kopf, die ganzen bösen Vorurteile die man zu Albanien mit auf den Weg nimmt: „alles Verbrecher“ ist da beinahe noch das harmloseste, aber nur weil sich Männer in Cafes treffen und telefonieren mag ich die noch lange nicht zu Rate ziehen. Ich versteh nur einfach nicht wie das Land so genau tickt, bin gerade erst angekommen und schließlich ist gerade Wochenende, also bitte alles in Relation sehen.

Tirana und sein Stahlbeton-Rinnsal

Tirana und sein Stahlbeton-Rinnsal

 

Was ich mich allerdings traue ganz unverblümt zu sagen: trotz netter, neu angelegter Alleen im Zentrum und die sichtlichen Bemühungen um ein wenig Glanz im Zentrum, ich empfinde Tirana als ziemlich hässlich. Mag sein, dass das an den kommunistisch anmutenden Beton-Wohnbunkern liegt, oder an der gar ganz praktischen Einhausung in Stahlbeton des Flusses durch die Stadt, wo ich auch hinschaue: schön ist anders. Auf irgendeiner der Brücken über diesen wunderbaren „Fluss spricht mich ein Typ an, der von seinem voll beladenen Fahrrad herunter Plastikhandspiegel verkauft an. In ziemlich holperigem, aber doch irgendwie funktionierendem Englisch will er wissen wo ich her bin, just in dem Moment in dem ich meine Kamera auspacke um dieses Rinnsal zu fotografieren. Ich bin in Osteuropa bislang mit meiner Herkunft durchaus ehrlich und habe auch noch keine negativen Erfahrungen gemacht, also komme ich aus Deutschland. Seine Augen fangen an zu glänzen als ich ihm das sage, er erzählt dass er als kleiner Junge in Neu-Ulm gelebt hat, entschuldigt sich tausendfach dass er (ich schätze ihn auf mindestens Mitte Vierzig) inzwischen die Sprache völlig verlernt hat, weil er war damals ja noch so klein war. Noch viel unangenehmer als die fehlende Sprache ist ihm, aber der Anblick dieses Rinnsals, er meint wörtlich das sei „bäh!“ und schwärmt davon wie hübsch die Donau doch ist. Ganz unrecht kann ich ihm nicht geben, und während ich nur zu gerne wüsste wie er nach Deutschland kam, warum er nun wieder hier ist und weshalb er billigste China-Plastikware von seinem Fahrrad aus verkaufen muss verabschieden wir uns etwas unbeholfen voneinander, zu gering ist die Verständigungsbasis für ums um sowas jemals herausfinden zu können.

das ehemalige Enver Hoxha Museum

das ehemalige Enver Hoxha Museum

 

Weiter zum einzigen wirklich spannenden, obwohl oder gerade weil kaputten Haus in Tirana, das gerade noch als Sehenswürdigkeit durchgeht. Dieser Enver Hoxha, Diktator seines Zeichens, brauchte natürlich ein Museum zur Huldigung seiner eigenen Person, versteht sich irgendwie fast von alleine. Entworfen hat es wohl seine Tochter, und ursprünglich war es wohl auch mal in Marmor gekleidet. Ein an sich gar hässliches Konstrukt, das vielleicht gerade wegen der Geschichte in Kombination mit seinem derzeitigen Zustand so… „schön“ ist. Ein Relikt das da liegt wie ein abgestürztes Ufo, ebenso wenig wertgeschätzt wie die ganzen Bunker und maximal noch gut, um drauf herum zu klettern. Auch wenn sich im hinteren Teil ein lokaler Fernsehsender einen günstigen und zentral gelegenen Hauptsitz in Tirana eingerichtet hat, es wirkt wie komplett nutzlos in dieser Stadt, komplett übrig, zu nichts gut, außer daran zu erinnern was für komische Leute hier mal gewütet haben. Ja, ich mag sowas.

 

Straßenverkäufer in Tirana

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: