für mehr Wohlfühlfaktor: raus aus Tirana

 

Zwei Nächte in meinem offiziell wohl eher weniger als Herberge anerkannten Apartment, das außer durch eine eigene Haustüre und vielleicht des ganz akzeptablen Preises um ehrlich zu sein weder mit dem völlig durchgelegenen Bett noch mit so ziemlich nichts anderem glänzen kann; zwei Nächte in dieser zwar faszinierenden, aber zugleich unschönen und hektischen Stadt… all das war Grund genug heute Morgen mein Zimmer nicht mehr zu verlängern und eine Winterreise zu beschließen.

Blick über Berat

ja, Berat ist ziemlich überschaubar

 

Etwas anderes als Tirana stand mir im Sinn, ein wenig kleiner und überschaubarer vielleicht, vielleicht ein paar nette Sehenswürdigkeiten die im lieben Reiseführer mit dem L gelistet sind, anhand dessen ich mich von Attraktion zu Sehenswürdigkeit navigieren lassen kann, den Kopf dabei ein wenig ausgeschaltet. Reiseführer quasi mal wörtlich genommen, für was schleppte ich dieses (sich bisher zumindest in der Osteuropa-Gesamtausgabe eher als ziemlich dick, unhandlich, schwer und dennoch nutzlos darstellende) Buch denn sonst überhaupt mit? Eben. Also das Albanien-Kapitel aufgeschlagen und kurz entschlossen ein Ziel herausgepickt: Berat wird als „Stadt der 1001 Fenster“ ziemlich hoch gelobt, als wunderhübsch und absolut sehenswert beschrieben. Warum also nicht einfach mal versuchen, nach Berat zu kommen?

 

Nun, „einfach“ ist in Albanien der Bustransport sicherlich nicht, wurde ich doch schon deutlich vorgewarnt dass allgemein keine Busfahrpläne in geschriebener Form existieren (zumindest keine die auch Gültigkeit besäßen), und in Tirana noch nicht mal so was wie einen zentraler Busbahnhof (oder vielleicht einen für jede Himmelsrichtung wie in anderen Städten) existiert. Ich setzte somit alles auf den freundlichen Herren an der Hotelrezeption, dem ich am Morgen also nicht erneut die Tagesmiete für das Apartment, sondern dieses mal den Schlüssel übergebe und frage ihm bei der Gelegenheit ganz direkt nach einem Tipp wie ich denn am besten nach Berat kommen könnte.

Um ehrlich zu sein habe ich schon beinahe damit gerechnet dass ich hier mit einem Verweis auf ein Taxi, vielleicht auch mit einem Zettel auf dem albanische irgend eine Anweisung für einen Taxifahrer steht abgefertigt werde, immerhin scheine ich ihn gerade beim Frühstück zu stören. Aber ich glaube damit habe ich der albanischen Gastfreundschaft deutlich zu wenig zugetraut, denn der nette Rezeptionsherr stürmt nach einem kurzen Blick durchs Fenster auf die Straße, schafft es gerade noch einen Stadtbus am vorbeifahren zu hindern, erzählt dem Fahrer irgendwas von „Berat“, erklärt mir noch dass der mich nun zum Bus nach Berat bringen und aufpassen dass ich an der richtigen Stelle aussteigen würde, verabschiedet sich freundlich und beinahe förmlich von mir und winkt mir sogar noch hinterher, während ich mitsamt Gepäck in dem ohnehin schon vollen Bus ein wenig eingequetscht zwischen all den Fahrgästen und der Türe stehe. Ein wenig überrascht war ich schon, aber auch ziemlich dankbar. Statt mich mit Taxifahrer herumärgern zu müssen, kann ich so nun relativ entspannt bis zu meinem Bus kommen, und das noch zum ganz kleinen Kurs. 30 Lek will der ziemlich schmächtige aber offensichtlich ziemlich akrobatische Busbegleiter von mir haben, der sich durch den Bus schlängelt in dem ich noch nicht mal genug Platz zum umdrehen finde. Ob die Busbegleiter hier wohl nach Körperbau und Gelenkigkeit eingestellt werden? Ich muss zugeben ich bin tatsächlich ein wenig beeindruckt von seiner Fähigkeit sich durch den vollen Bus zu manövrieren, verspüren aber persönlich trotzdem wenig Neid auf so viel Kuschelkurs mit all den fremden Leuten den ganzen Tag über. „Berat?“ fragt mich der Busbegleiter nochmal zur Bestätigung. Ein gutes Gefühl, die scheinen echt irgendwie auf mich aufzupassen. „Berat!“ antworte ich und nicke. Der Busbegleiter lacht und quetscht sich mir, immer noch lächelnd, auf die Schulter klopfen an mir vorbei. Ich werde das Gefühl nicht los der hat sich gerade ein wenig über mich lustig gemacht, da erinnere ich mich plötzlich an etwas, das ich in Bulgarien schon lernen musste: im Balkan ist mit solchen Geste Vorsicht geboten, zumindest in Albanien und Bulgarien ist was das angeht angeht die Norm ein wenig anders: nicken bedeutet „nein“, Kopf schütteln dafür „ja“. Mein Antwort ihm gegenüber war also wohl im ersten Moment nicht so ganz schlüssig für Ihn, aber ich denk er hat mich dann doch irgendwie verstanden. Albaner wissen sicherlich, dass die Ausländer das mit dem ja und nein nicht so sonderlich gut drauf haben.

verlassenes Haus in der Festung Berat

 

Ein gutes Stück weiter, irgendwo an einer größeren Straße, an einer außer durch einen Markt nicht sonderlich auffälligen Stelle wurde mir dann bedeutet ich solle aussteigen. Auf eigene Faust unterwegs hätte ich hier wohl nie einen Bus gesucht, vielleicht auch weil ich irgendwie nach einem falschen Gefährt Ausschau gehalten hätte: In einer unscheinbaren Hofeinfahrt lässt sich die Front eines etwas betagten Sprinters erkennen, an dem doch tatsächlich ein relativ unscheinbares Plastikschild hinter der Windschutzscheibe klemmt: „Berat“ steht darauf geschrieben. Mit dem Fahrer ist die Sache dann schnell geklärt, soweit die Sprache dann eben reicht: „Berat?“ „Berat!“ und schneller als ich mich versah war mein Rucksack im Heck des offensichtlich in seiner ursprünglichen Konzeption als Lieferwagen ohne Fenster ausgelegten und von irgendwelchen kreativen Menschen zwischenzeitlich um Fenster und Sitzplätze ausgerüsteten Gefährt verstaut.
Wie viel die Fahrt kosten soll, so weit hat es mit der Verständigung nicht gereicht, und während alle meine Reiseinstinkte alle möglichen Alarmglocken angeworfen haben, waren wir auch schon unterwegs und ich kein Stückchen schlauer geworden.

 

Man darf den Albanern aber echt kein Unrecht insofern tun, als das irgend so ein noch leicht gebrandmarktes Unterbewusstsein irgendwelche Assoziationen zu serbischen Taxifahrer herstellt. In Berat angekommen, sprich gute zwei Stunden Fahrt später, steige ich zusammen mit einem Kerl aus der ebenfalls seit Tirana im Bus sitzt. Ich bin in solchen Situationen gerne mal etwas skeptisch und beobachte ganz genau wer da wem was und wie viel übergibt, in diesem Fall aber nur um zu erkennen: ich soll genau gleich viel bezahlen, ohne jegliche Ambition auf irgendeinen Sondertarif für den fremden Typen mit dem großen Rucksack. 500 Lek, also irgendwas um die 3,70 EUR überraschen mich doch ganz deutlich. Positiv, natürlich.

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In Berat angekommen muss ich mir dann doch irgendwie eingestehen dass der liebe Reiseführer nicht ganz unrecht hatte und mir doch ganz gut gefällt was ich da sehe: links und rechts von einem Fluss drängen sich alte Steinhäuschen mit doch bemerkenswerter Fensteranzahl (ob es denn nun wirklich 1001 sind muss wohl trotzdem nicht erst nachgezählt werden um es irgendwie zu wissen…) dicht aneinander, auf dem zentralen Platz steht die Moschee friedlich direkt neben der Kirche, es gibt einen Berg auf dem eine alte Festung wartet erkundet zu werden und am Fluss entlang gibt es einen anscheinend relativ neu renovierten Park mit aufgehübschter Promenade, an der sich abends die halbe Stadt zu treffen scheint. Macht mir alles einen ziemlich sympathischen Eindruck, daher zahle ich mein Zimmer ganz optimistisch gleich mal für zwei Nächte im Voraus.

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