Achtzig Kilometer: das Idealmaß aller osteuropäischen Busreisen?

 

Achtzig Kilometer als Einheit für gerade noch angenehme Tagesreisen in Osteuropa scheinen sich hier immer mehr zu bestätigen, dabei war ich heute morgen noch ziemlich optimistisch was den „kurzen Sprung“ von Vlora nach Borsh angeht. Der Kerl an der Rezeption meiner letzten Bleibe meinte heute morgen sogar leicht überoptimistisch: „gar kein Problem, stell dich einfach da vorne an die große Straße und warte auf einen weißen Bus, der bringt dich dann nach Borsh!“

 

Ob er das wirklich ernst gemeint hat, darüber bin ich mir nicht so ganz sicher. Er schien vor allem an dem Facebook-Chat interessiert zu sein, der während unserer Unterhaltung an seinem PC die ganze Zeit gelinkt und gebimmelt hat, von daher könnte es gut sein, dass er mich nur möglichst freundlich aber schnell loswerden wollte. Vielleicht war es aber auch albanische Ironie, die ich nicht zu deuten wusste. Die große Straße, das war nicht wirklich ein Problem zu finden, aber nach einer halben Stunde am Straßenrand und zwei eher missglückten Frage-Versuchen bei potenziell dem englischen mächtigen Personen an der Bushaltestelle wurde ich irgendwie skeptisch. Drei weiße Busse habe ich gesehen, einer fuhr definitiv nicht nach Borsh, zwei andere hielten noch nicht mal an. Ob ich wohl ganz ignorant das geheime Handzeichen zum stoppen albanischer Busse bisher komplett übersehen habe?
Wie auch immer das mit dem warten tatsächlich klappen hätte können, ich beschloss stattdessen mein Glück eher an der grob drei Kilometer entfernten Busstation zu versuchen. Gesehen habe ich die bislang nicht, aber die offizielle Tourismus-Homepage von Vlora meint die wäre ganz in der Nähe der Moschee, bei der ich gestern auf dem Weg hier her abgeladen wurde.

Muradie-Moschee in Vlora

die Muradie-Moschee, in deren Nähe ein Busbahnhof sein sollte…

 

Um es ganz direkt auf den Punkt zu bringen: albanische Busstationen sind für mich irgendwie unsichtbar, oder zumindest nicht als solche zu erkennen. Ähnlich wie in Tirana finde ich zwar an zwei Ecke um die Moschee herum eine kleine Ansammlung von einer Hand voll Minibusse (alle davon in vielversprechendem weiß, wie halt leider alle Minibusse hier weiß zu sein scheinen), nach Borsh will aber selbst nach akribischem Nachfragen bei jedem einzelnen Minibus keiner fahren. Einer der Fahrer erklärt mir, dass es nur einen einzigen Bus pro Tag morgens um sieben geben würde, aber ich beschließen für mich dass dies vielleicht auf diese Straßenecke zutrifft, die Strecke am sich aber zu prominent sein muss für nur einem einzelnen Bus in der ganzen Stadt am Tag.

 

irgendwo an der Küste Albaniens...

irgendwo an der Küste Albaniens…

Mich muss bei meiner verzweifelten Suche ein Taxifahrer beobachtet haben, der nun auf mich zukommt. Dass er ein Taxifahrer ist, das habe ich auf hundert Meter erkannt ohne dass ich sein Gefährt gesehen habe, und demnach muss ich ihn unverhohlen ziemlich schief angegrinst haben als er mich fragt ob ich eine Auskunft bräuchte. „Auskunft… der will mich doch nur für teuer Geld fünf mal im Kreis fahren“ denk ich mir. Er scheint zu erkennen dass ich ihm seine unschuldige Frage irgendwie nicht abgekauft habe und muss selbst ein wenig lachen. Das schafft dann doch Sympathie, und ich versuche mein Glück in dem ich Ihm mein Problemchen mit den Bussen nach Borsh schildere. Klar kann er mir helfen, er weiß dass ich dreißig Minuten ein Bus von der Busstation fährt und könne mich für zwei Euro hin bringen. „Zwei Euro“… diese Albaner sind manchmal echt witzig. Laufend reden sie in Euro, meinen aber immer dann am Ende doch ihre landeseigene Lek. Weil es gerade so lustig war und ich zufällig passend Kleingeld in der Tasche habe, versuche ich es aber einfach mal wieder: ich krame nach den zwei 1 Euro Mützen in meiner Tasche, gebe sie ihm in die Hand und meine wir können losfahren. Klar, sieht er gar nicht so (und meint dass er pro Münze 30 Lek Umtauschgebühr zahlen müsse), aber ich konnte es mir nicht verkneifen: Wenn er Lek will, sollte er auch Lek sagen. Also nehme ich die zwei Euro zurück und zähle stattdessen zwei albanische Euros aus der Tasche, man könnte auch 280 Lek dazu sagen.

 

Bus von Vlora nach Borsh

mein Bus nach Borsh

Das Ziel hat er eigentlich als „Busstation“ betitelt, aber ich war nicht wirklich überrascht dass es dann doch wieder nur eine unscheinbare Straße irgendwo an einer anderen Stelle in Vlora war, in der ein einzelner Bus in einer Parkbucht vor einem kleinen Supermarkt stand. Manche Dinge überraschen mich inzwischen zwar nicht mehr, so ganz erschließen werden sie sich mir aber wohl auch niemals. Sei es wie es will, mein „Informant“ hat zumindest recht, und irgendwann eine viertel Stunde später war ich auf dem Weg in Richtung Süden.

Transport im Urlaub: ich habe nun echt schon viel erlebt, verstanden wie es wirklich funktioniert habe ich allerdings das wenigste davon. Das einzige was irgendwie aber bisher noch immer zugetroffen hat: irgendwie funktioniert es tatsächlich, und das ist schließlich das wichtigste.

 

Es ist halb fünf bis ich in Borsh ankomme, noch eineinhalb Stunden bis die Sonne hinter den Bergen untergehen wird. Achtzig Kilometer, und mal wieder ein ganzer Reisetag.

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