Zeit eine kleine Pause einzulegen

 

Schon gestern als ich aus dem Bus stieg hatte ich so das leichte Gefühl am richtigen Ort angekommen zu sein. Ich bin den Schildern an der Straße gefolgt um irgendein ein Hotel zu finden, quer durch eine Wohnsiedlung mit kleinen Wohnhäuschen. Keine großen Wohnblocks, sondern nette kleine Häuschen mit Garten und hier und da ein Olivenbaum dazwischen. Kinder spielten auf der Straße und grüßten energisch, um von diesem komischen Typ mit Rucksack zurück gegrüßt zu werden. Mir kamen auf dem kurzen Weg sogar ein paar Kühe entgegen, und in nicht allzu weiter Ferne waren definitiv Ziegen zu hören. Eine albanische Kleinstadtidylle, fast direkt am Meer.

 

Blick über Borsh in Albanien

Borsh von oben: Festung, Stadt, Olivenbäume, Steand

 

Als ich dann vor einer (der drei tatsächlich offenen) Herbergen in Borsh stand, wurde ich erstmal von einem hohen Gittertor begrüßt. Mach Sinn bei den ganzen Kühen hier, und so drücke ich die eine Türklinke am großen Tor. Genau in diesem Moment ruft da jemand zwischen den angrenzenden Olivenbäumen hervor. Zwei ältere Herren und eine ältere Dame graben gerade in einem etwas kleinen Feld (oder etwas großen Garten) herum, grinsen bis über beide Ohren und winken mir zu. Ich bin leicht verwirrt was dieses Aufruhr denn so genau soll, bis einer der drei, etwas kleiner und wohl der älteste von allen über den angrenzenden Zaun des Gartens klettert und mir gestikulativ beibringt dieses Appartmenthotel sei seines. Ein sympathischer Opi, der mir da gegenüberstand. In einer Arbeitshose, den Oberkörper nur per handgestricktem ärmellosen Pullover aus ehemals wohl weißer Sole bekleidet, in groben dreckverschmierten Schuhen, mit ziemlich schütterem Haar und wettergegerbten Gesicht, das aber unübersehbar vor Freude nur so strahlte gibt er mir die Hand, und fasst sich danach ans Herz. Eine Geste die ich so in Albanien noch nicht erlebt habe und eher aus Zentralasiatischen Ländern kenne, die aber bei mir jeden eventuellen Zweifel ausgeräumt hat: hier möcht ich vorerst bleiben, und das noch or ich das Zimmer überhaupt gesehen habe.

ein Bunkerhund?

ein Bunkerhund?

Strandschweine?

Strandschweine?

Mangels gemeinsamer Sprache wurde der Nachbar gerufen, er könnte auch irgendwie mit in die Familie gehören, der ins englische übersetzen sollte. Zuerst ging es um den Preis, 25 Euro erscheinen mir zunächst etwas teuer, aber nachdem ich durch das gesamte Haus geführt wurde, ich bin aktuell der einzige Gast und habe freie Zimmerwahl, relativiert sich der Preis dann doch wieder: geräumige Appartements, alle quasi nagelneue, mit Sitzecke, Küche, Esstisch, Balkon und man kann über Geschmack ja bekanntlich streiten, aber hier war dann doch jemand am Werk der bei der Einrichtung mit liebe fürs Detail am Werk war.
Völlig begeistert habe ich gestern mal auf zwei Nächte zugesagt, vorerst mal.
Der Strand in Borsh wurde mir im Vorfeld von Albanern als einer der schönsten in ganz Albanien angepriesen, und demnach musste ich mir das heute als aller erstes mal aus der Nähe anschauen. Nicht weil ich plötzlich Badeurlaubsfan geworden bin, sondern wohl vielmehr um das „Pflichtprogramm“ erledigt zu haben, imaginär abgehakt um mich um alles andere, und sei es nur gediegenes Nichtstun in aller Ruhe kümmern zu können.
Der Weg dort hin war wenig überraschend, habe ich von meinem Balkon aus das meiste davon schon überblicken können: Olivenbäume, Olivenbäume, noch mehr Olivenbäume und ein paar Orangenbäume, dazu ein oder zwei Häuschen und ansonsten eine Straße, die an den Strand führt. Und auch wenn gerade etwas in der Art zu entstehen scheint, noch frei von jeglicher Art von Bettenbunkern. Habe ich „albanische Kleinstadtidylle direkt am Meer“ schon erwähnt? Ich denke schon, und vielleicht sollte es auf „Dorfidylle“ abgeändert werden, aber so oder so: es trifft einfach so wunderbar zu.
Und ja, der Strand ist sogar wirklich hübsch. Das Wasser klar und in wunderbarem Türkis, sehr viel Strand für einen allein, aber halt Kies und kein Sand. Vielleicht einer der Gründe, warum es hier so schön Ruhig ist, und wie schon erwähnt: als Nichtbadeurlaubsfan eigentlich sogar die bessere Wahl, weil am Strand sitzen und über die Wellen hinweg in die Ferne starren, das geht auf Kies genau so gut.

 

An der Stelle habe ich dann meinen Entschluss gefasst: ich bleibe noch ein wenig länger hier. Also auf dem Weg in Richtung Dorfzentrum kurz bei dem sympathischen Opi im Garten vorbei, und irgendwie mit Händen und Füße das Zimmer auf insgesamt vier Nächte verlängert. Auch wenn ich noch nicht weiß, was genau ich hier tun will: Ich weiß zumindest es ist kein Fehler hier eine Pause einzulegen.

 

IMG_3482.JPGNachdem der Nachbar mal wieder gerufen wurde (meine Asien-erprobten Gesten scheinen in Albanien nicht ganz so verständlich zu sein), ist weder der Tag noch mein Unternehmungsdrang irgendwie am Ende, also bemühe ich mich noch einen Weg auf den Berg hinter Borsh zu finden. Um ehrlich zu sein: so schwer ist das gar nicht. Borsh gibt sich Mühe, und stellt zweisprachige Schilder für alles auf, was Touristen so interessieren könnte. Also einfach vorbei am „Spring of Borshi“ Schild, und beim „Castle of Borshi“ Schild (ich hab keine Ahnung, was für eine Grammatik die „i“s am Ende rechtfertigt, ich schreibe einfach ab) links abbiegen auf eine ziemlich steile Schotterpiste quer durch eine Wohngegend, immer den Berg nach oben. Wie die Anwohner ihre regulären PKW hier den Berg hoch bekommen, das ist mir anfangs ziemlich schleierhaft als ich mich die etwas bessere Geröllhalde bei 26° nach oben quälen. Als dann irgendwann auf halber Höhe ein regulärer Sharan an mir vorbeizieht, ist mir ein wenig klarer dass Albaner irgendwie auch nur selten ans aufgeben zu denken scheinen: kleiner Gang, viel Schwung, Augen zu und am aller wichtigsten: nicht anhalten. Manövriert man sich dann doch mal ein wenig blöd, dann wird eben die Kupplung durchgedrückt, das Auto rückwärts bis zur nächst halbwegs brauchbaren (sprich festen und möglichst ebenen) Stelle runter gerollt und das ganze eben nochmal versucht. Geländewagen, wer braucht denn so was? Kost zu viel, denn man kommt doch auch so ganz gut den Berg hoch.

Festung? Mit Aussicht. Ohne Geländer. Ohne unnötigen Aufpasser. Ein Geröllhaufen mit einer Moschee dazwischen… Ein gar wunderbarer Ort, dieses Borsh!

 

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