ich würd da mal gerne was gesagt haben wollen…

 

Liebe Albaner, ich muss ja zugeben, irgendwie gefällt es mir euch zu besuchen. Irgendwie ist euer Land trotz der geografischen Lage so komplett eigen, es strotzt nur so von sympatisch pragmatischen Lösungen für allerhand Problemchen, die ein durchschnittliches europäisches Land wohl völlig aus der Bahn werfen würde. Ja, es ist nicht überall sonderlich schnieke herausgeputzt, hier und da wäre vielleicht ein wenig Handlungsbedarf, aber im Grunde macht die Patina gewisse Dinge doch erst zu dem, was sie sind. Ich finde es weiters gar nicht schlimm in Bussen über Schlaglöcher zu hoppeln oder auf Gehwegen aufzupassen dass ich in kein Loch falle, das entstand weil wohl irgendwer einen Gullideckel gebrauchen konnte.

 

In aller Regel wird man sehr warmherzig und freundlich empfangen, egal wo man auftaucht. Das mit der Gastfreundschaft habt Ihr durchaus drauf, und schon nach ein paar vorsichtigen Stunden in eurem Land (jaja, blöde Vorurteile…) merkt man, dass man im ganz normalen europäischen Rahmen eigentlich keine Angst zu haben braucht. Ihr helft gern und fleißig, selbst wenn das mit der Sprache manchmal halt nicht so ganz zusammenpasst.

 

Strand in Borsh

Idylle am Strand: schön.

Auch eure Landschaft ist an sich schon wunderschön: Faszinierende Berge, wilde Serpentinenstraßen, spannende Wälder, grandiose Aussichten, ein klares hellblau-türkises Meer wie man es in Asien selbst kaum mehr findet, lange Strände, wunderschöne Olivenhaine und interessante alte Festungen. Dass da überall immer wieder alte Bunker aus eurer vielleicht weniger schönen Vergangenheit dazwischen stehen, da würd ich mir mal keine Gedanken drum machen. Solange die alle als unbenutzte und „entschärfte“ Altlast vor sich hin verrotten, haben die sogar einen gewissen Charm. Und eine Neuverwendung als Pizzaofen ist nicht nur kreativ, sondern wirklich ne tolle Idee.

 

Aber ganz ehrlich, was mal so überhaupt nicht geht ist euer komischer Bauwahn, den ich so nebenbei auch echt nicht nachvollziehen kann. Dass Tourismus an sich ganz toll sein kann, das machen euch zum einen ja eure Nachbarn vor, und zum anderen habt Ihr auch alles was es dazu im ersten Moment braucht: Sonne, Meer, leckeres Essen und für das gute Touristengewissen noch Kultur oben drauf. Auch wenn ich persönlich das weite suche wenn sich zu viele Touristen an einem Ort gegenseitig schon fast auf den Füßen herumstehen (das nutzt die Patina immer so schnell ab, und dann fehlt für mich ganz schnell der Charme): das mag vielleicht nur eine persönliche Reisepräferenz von mir sein auf die wir momentan keine Rücksicht nehmen brauchen. Aber nun erklär mir doch mal bitte irgendwer, was dieser Mist mit den ganzen Bauruinen soll. Die wunderbare Landschaft stellt Ihr an allen Ecken mit halbfertigen Rohbauten voll, an denen offensichtlich seit Jahren nicht weitergearbeitet wurde und vermutlich auf absehbare Zeit auch nicht wird. Betonierte Skelette die jegliche Ansicht versauen, die keiner sehen will und man sich immer Mühe geben muss dass man aufwändig die Perspektive für ein Foto so wählt, dass diese ekelhaften Dinger da nicht drauf zu sehen sind. Man will sich ja ans Meer erinnern, nicht an eure Bauruinen. Das aller schlimmste finde ich in dem Zusammenhang euren unschlagbaren Optimismus: immer brav oben den Baustahl haeraus schauen lassen, könnt ja sein man will mal noch ne Etage dazu betonieren. Auf die Bauruine. Noch eine Skelettetage. Ist klar.

 

ein kleines Beispiel an dieser Stelle:

Stran in Borsh schön fotografiert

aus der richtigen Perspektive ist das ein schöner Strand, fast wie aus dem Reisekatalog.

Strand in Borsh unschön fotografiert

mit anderem Objektiv an genau dem gleichen Standpunkt sieht das aber gleich etwas anders aus.

 

 

Und wozu das ganze? Ist es wirklich die Hoffnung auf die Touristen? Ich kann mir kaum vorstellen dass jemand, der sich selbst ein Haus bauen will das immer unbedingt mitten in Nichts anfängt und dann nach dem Stahlbetonskelett plötzlich feststellt, dass er sich den Rest ja eigentlich gar nicht leisten kann oder einfach die Lust am Hausbau verliert. Traue ich euch im Leben nicht zu. Für mich sieht das alles nach Ferienappartments und Hotels aus, da braucht man wenig Fantasie dazu. Ist das ein „wir bereiten uns schon einmal auf den großen Ansturm vor“ – Ding? Meint Ihr wirklich, es ist sinnvoll in Borsh gerade ein fünfstöckiges Hotel an den Strand zu betonieren? Ich habe inzwischen sieben Hotels und dergleichen in Borsh ausmachen können, von unscheinbareren Appartmentvermietungen mal abgesehen. Davon waren vier komplett dicht und verrammelt und sahen auch nicht so aus, als würden da die nächsten Wochen mit Beginn der Hochsaison wieder irgendwelche Touristen darüber herfallen. Ihr habt in diesem Dorf grob zehn Häuser, an denen Restaurant- Schilder hängen. Laut dem Nachbar meiner Unterkunft hat nur eins tatsächlich auf, die anderen sind zu. Dauerhaft. Am Strand reihen sich aufgegebene Pizzerien, Cafes, Strandbars und sogar eine kleine Openair- Stranddisco aneinander, ein drittel davon ist nicht näher zu identifizieren weil nur doch die Bodenplatte mit den geschmacklosen Fliesen am Strand von der ehemaligen Existenz zeugt, und Ihr habt tatsächlich die Hoffnung, das das was Ihr da am Ende vom Strand gerade neu aufbaut irgendwie eine Chance haben wird?

 

Strand in Qeparo Albanien

der Strand von Qeparo: eigentlich schön, aber mit Bauruine mitten drin…

Im Nachbardorf „Qeparo“ steht ein Bettenbunker, dem zumindest Wände und eine Außenfassade gegönnt wurde. Türen und Fenster, das gibt es allerdings nur im Erdgeschoss damit keiner in die seit offensichtlich mehreren Jahren stillstehende Baustelle einsteigt. Lasst mich raten: Geld aufgebraucht, Erfolgschancen nicht mehr erkennbar, die Touristen haben eich nie überrollt und der Investor hat das weite gesucht. Und während das Dorf nun mit der Ruine an bester Strandlage leben muss, geben sie sich Mühe gerade eine Strandpromenade zu bauen. Vielleicht hilfts ja, jemand her zu locken, aber doch nicht wenn Die dabei mit den Baggern die eigentlich auch relativ neu wirkende Zufahrtsstraße zu der neuen Promenade schon wieder zerstört haben, weil schweres Gerät das quer über Randsteine fährt halt öfter mal den Gehweg in Mitleidenschaft zieht. Und während die Einwohner des Dorfes weiter fröhlich Ihren Müll zwischen den Olivenbäumen direkt neben der Promenadenzufahrtsstraße entsorgen ohne daran zu denken wer und ob und wann und wie das jemals weg räumen soll, wird unten am Strand mal wieder fröhlich gebaut und gehofft.

 

Was also dieser hässliche Klotz in Borsh? wöllt Ihr nicht lieber mal das Hotel im Nachbardorf fertig machen? Das könnte Potential haben, mindestens so viel wie das was Ihr da gerade betoniert und wohl auch nie wirklich halten könnt, wenn es denn jemals aufmacht. Tausend angefangene Bauruinen, wer soll den da noch kommen um dazwischen Urlaub zu machen? So derart eng angelegte Scheuklappen hat auf dieser Welt doch keiner.

 

Strandruine in Borsh

Strandruine in Borsh: nicht schön.

Und anstatt irgendwas fertig zu machen, die Ehemaligen Strandcafés wenigstens komplett abzureißen (wer will schon auf zerbrochenen Fliesen über einer Betongrundplatte am Strand sitzen oder liegen?) grabt Ihr lieber die alten Bunker aus, denn die scheinen nicht ins neue Bild zu passen. Auf der einen Seite eine ziemliche Leistung diese  beinahe unzerstörbaren, je gut fünf Tonnen schweren Dinger aus dem Boden zu holen, aber ratet mal: einmal raus aus dem Boden wirds schwer die zu zerkleinern und irgendwie abzutransportieren. Und wirklich hässlich sind sie erst, wenn sie ausgegraben als Bauschutt am Wegesrand liegen bleiben.

 

Zum Abschluss möcht ich aber noch los werden, dass es ganz so drastisch wie das in den letzten Sätzen vielleicht klingen mag noch nicht ist. Wenn man an den richtige  Orten ist, sich am falschen Ort vielleicht zumindest in die richtige Richtung dreht, dann ist es schon schön hier (und nein, ich meine mit dem Text nicht nur Borsh, dieser Ort ist gerade nur das naheliegendste Beispiel). Aber ich finde Ihr solltet was tun. Wenn das so weitergeht, ist Albanien wohl in ein paar Jahren die Wüste der verlassenen Bauruinen, und sowas will keiner besuchen. Vielleicht kann man auch die ein oder andere Bauruine mal wieder entsorgen, etwas nachhaltig nachdenken und eine gesunde Entwicklung anstreben, denn vor lauter Übereifer neigt man vielleicht doch mal dazu, übers Ziel hinauszuschießen.

 

Und sollte ich irgendwas in diesem Text vergessen haben, oder gar ein Detail übersehen haben das das alles irgendwie erklärt, dann würde ich gerne aufgeklärt werden und auch diesen Eintrag ein wenig korrigieren: einfach unten „kommentieren“ anklicken und los gehts!

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