albanische Geduldsübung: Bus fahren.

 

Gut 35 einfache Kilometer, die Straße der Küste entlang. Keine relevanten Abzweigungen, nur immer Richtung Süden. Das klingt ziemlich einfach, und schnell erledigt dazu. Die albanische Nahverkehrs-Infrastruktur macht einem aber auch auf so einer kurzen Etappe schon ordentlich zu schaffen, wie hätte es auch anders sein können…

 

Der englisch sprechende Nachbar meines Hotels in Borsh meinte vorgestern noch ganz lässig: „ein Bus nach Saranda? Die fahrende nur morgens, um halb sieben, sieben, glaub halb acht und acht Uhr“ als ich ihn zu meiner Winterreise befragt habe, während er gerade an seinem Haus eine weitere Etage oben anbauend ganz froh war dass ich des Weges kam und er eine kleine Pause mit Smalltalk einlegen konnte. Ziemlich früh für mich, aber um die ganze Sache nicht völlig zu übertreiben habe ich mich auf viertel vor Sieben an der Durchgangsstraße, Orts einwärts in Richtung Saranda, eingestellt. Immerhin musste ich dem netten Opi dem das Hotel gehört noch Schlüssel und Geld übergeben, und wie ich die Situation einschätzen noch gefühlte zwanzig thumbs up zu seinem Hotel und der Zufriedenheit meiner einer damit signalisieren.

 

Bushaltestelle Borsh

warten auf den Bus…

Mit dann doch nur fünf thumbs up, ich vermute er war selbst noch nicht ganz so fit, lag ich ganz gut in der Zeit und konnte mich zwanzig vor Sieben an der Tankstelle am Ortseingang positionieren. Es stand da schon ein älteres Pärchen neben drei großen Reisetaschen und gut fünf großen Plastiktüten an der Kreuzung, offensichtlich auf einen Bus wartend, und auf dem Mäuerchen vor der Tankstelle saß ein etwa zehnjähriger Junge neben einem gut 80cm langen Fisch in einem halbtransparenten Plastiksack. Ich war regelrecht froh nicht alleine hier zu stehen, allein wegen der Gewissheit dass da mit Sicherheit ein Bus kommen wird wenn so viele Leute sich hier versammelt haben und habe mich über eine recht kurze Wartezeit gefreut.
Busfahrpläne in Albanien, so etwas existiert hier schlichtweg nicht, und wenn irgendwo etwas derartiges geschrieben steht, besteht absolut keine Veranlassung daran zu glauben. Busse fahren hier öfter mal von anderen Stellen, zu anderen Zeiten und an andere Ziele und wenn es sein muss kann sich da wohl wöchentlich was daran ändern. Je nach dem wie erfolgreich ein vermeintlich selbstständiges Ein-Mann-Busunternehmen, sprich ein Fahrer mit seinem Bus auf einer Stecke eben ist, kann man es ihm nicht verdenken je nach aktuellen Marktanforderung morgen eben eine vermeintlich lukrativer Strecke abzuklappern.

 

Kaum eine viertel Stunde gewartet rollte auch tatsächlich schon ein Bus an, und es kam Bewegung in die bislang recht regungslos verharrende Mitwarter. Ein wenig verdächtig die Tatsache dass der Bus aus der falschen Richtung kam, ziemlich blöd dass da ein „Tirana“- Schild hinter der Windschutzscheibe klemmt und für mich schon beinahe frustrierend, dass ich plötzlich alleine vor der Tankstelle saß, als der Bus wieder anrollt. So ein Mist aber auch: die wollten tatsächlich alle genau in die entgegengesetzte Richtung wie ich, und so ganz plötzlich war die Zuversicht auf eine kurze Wartezeit dahin.

 

Ortseinfahrt Borsh

der Berg, au den ich hoffnungsvoll gestarrt habe

Die Zeit kann ziemlich langsam vergehen, wenn man in einem kleinen albanischen Küstendorf ganz alleine vor einer ziemlich tristen Tankstelle sitzt und die Straße entlang starrt, immer in der Hoffnung dass da sicherlich jeden Moment ein Bus die Kurven den Berg herab auftauchen mag.
Nach so etwa einer Stunde, die Sonne stand nun schon deutlich über den Bergen und brannte mir schon ziemlich gnadenlos auf den Kopf, habe ich dann tatsächlich aus purer Langeweile angefangen mich mit einem Hund zu unterhalten, der (schlau wie er war) so ziemlich den einzigen Fleck Schatten unter der nicht mit Zahlen bestückten Anzeigetafel für die Benzinpreise für sich zu beansprucht hatte. Vom Wetter habe ich ihm erzählt, sagenumwobenen Ländern in denen es für Busse Listen gibt, auf denen Zeiten und Ziele geschrieben stehen damit man weiß wann man am besten auf einen Bus warten sollte… aber alles in allem, er schien eher desinteressiert an meinen Ausführungen zu sein.
Eine Ziegenherde kam irgendwann vorbei, und zwischendurch habe ich mehrfach sorgfältig eine Raupe von meinem grünen Rucksack in das kleine Stück Wiese daneben umgesiedelt, sie wollte aber alles in allem sehr hartnäckig entweder mit auf Reisen gehen oder aber war im Glauben mein Rucksack müsse eine super saftige, leckere Pflanzenart sein die gefressen werden will.

Einfach nur zu warten, nicht zu wissen wie lange und auch nicht ob erfolgreich, ich glaube das ist eine Kunst die Zentraleuropäer schon lange verlernt haben. Man hat plötzlich Zeit für unmöglichen Unsinn, macht Dinge für die man sich selbst am liebsten den Vogel zeigen würde, alles nur um sich selbst irgendwie vom Warten als solches abzulenken.

 

Ziegenherde in Borsh, Albanien

beinahe schon ein Highlight während des Wartens: eine Ziegenherde kommt vorbei

Ein Bus kam so viertel nach Neun, er kam aus der richtigen Richtung und hatte sogar ein Hoffnung machendes „Saranda“- Schild hinter der Windschutzscheibe, aber meine Versuche den anzuhalten schlugen fehl. Der Fahrer hat mich als potentiellen Fahrgast gesehen, da bin ich mir ziemlich sicher, aber er fuhr mit komischen Gesten und ohne anzuhalten an mir vorbei. Könnte sein er wollte mir signalisieren dass sein Bus bereits voll ist, könnte aber auch sein er wollte nur ein „ich nehme Dich nicht mit!“ kommunizieren, im Endeffekt auch völlig egal: ich konnte ihm nur hinterher schauen und mir irgendwie sicher sein: wenn da jetzt einer vorbei gefahren ist, kommt auch nicht gleich noch ein zweiter.

 

Es dauerte tatsächlich noch bis zwanzig nach Zehn, bis endlich noch ein Bus die Kurven den Berg herunter kam, die Richtige Richtung, mit dem wunderbaren „Saranda“- Schild und sogar anhielt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt die Hoffnung schon beinahe aufgegeben, waren ja auch „erst“ drei Stunden und vierzig Minuten. Der Hund legte irgendwie wenig wert auf Verabschiedungen, die Raupe hatte die Hoffnung mit meinem Rucksack mitzureisen wohl schon länger aufgegeben, und ich konnte endlich die 35 Kilometer bis Saranda aufbrechen.

In Summe ging’s wohl nicht viel schneller als (theoretisch) zu Fuß, aber angesichts der Berge und des ganzen Gepäcks war es praktisch doch die einzig realistische Möglichkeit.

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