von rastlosen Reiseeseln

 

Von A nach B zu kommen, das kann in Osteuropa manchmal komische Formen annehmen; soviel habe ich auf der bisherigen Reise durchaus schon erkannt. Es hilft nicht unbedingt sich an großen Verbindungsstraßen zu orientieren oder sich an großen Städten entlang zu hangeln, denn nur weil es eigentlich eine eher geringe Distanz wäre oder eine große Hauptverkehrsstraße zwei Städte miteinander verbindet, bedeutet das noch lange nicht dass Bus oder Bahn die zwei Punkte für einen überbrücken können.

 

albanischer Spezialtransport Mercedes

albanischer Spezialtransport

Und trotzdem, mir ist es danach nun endlich wieder ein paar Kilometer zurück zu legen, Albanien hinter mir zu lassen und an einem komplett anderen Ort neue Dinge zu entdecken.
Ich muss zugeben dass Saranda mich nicht so wirklich begeistern kann, eine Stadt am Meer die dominiert wird von mehrstöckigen Appartmenthäusern, Hotels und einer Uferpromenade, an der die Wellen gegen die Betonmauern prallen. Im Gegensatz zu vielen anderen Orten hat man hier zumindest nicht den Eindruck es seien die meisten Gebäude im Bau schon wieder aufgegeben; Cafés, Restaurants und Geschäfte nie erfolgreich und schlicht verlassen oder die Hoffnung auf den Wirtschaftszweig Tourismus völlig enttäuscht worden, von dem her mag ich eigentlich gar nicht meckern. Albaner kommen wohl gerne hier her im Urlaub, für Flitterwochen soll es auch sehr beliebt sein, also ist doch alles okay. Meinen Geschmack trifft im Moment halt nicht so wirklich.

 

Mazedonien oder Bulgarien, das könnte so grob die nächste Richtung sein, aber so komplett an der Küste trennen mich gerade einige Berge von der nächsten Grenze in diese Richtung. Klar, ich könnte von Saranda einen Bus nach Gjirokastar nehmen, eine Nacht Pause einlegen, noch einen Bus nach Korca , vielleicht noch eine Nacht warten um mit Taxen und Kurzstreckenbussen irgendwie nach Ohrid in Mazedonien zu kommen, aber auf der gesamten Strecke findet sich nichts, was mich im Moment so wirklich interessieren würde. Vielleicht ein ander mal, aber aktuell steht mir der Sinn nicht danach. Was also tun? Ich entscheide mich einfach für den einfachsten Weg, so beinah ganz logisch betrachtet dem Weg des geringsten Widerstandes, auch wenn der erst mal bedeutet in die komplett falsche Richtung aufzubrechen.

 

Tragflächenboot zwischen Saranda und Korfu

mein präferiertes Fortbewegungsmitte aus Albanien herausl

Saranda hat einen Hafen, an dem mehrmals täglich leicht komisch anmutende Tragflächenboote die Reise nach Korfu (schon Griechenland) antreten, beliebt wohl bei Korfu-Touristen die sich einen Tag das „Abenteuer Albanien“ meist in geführten Tagesausflügen geben, oder bei Albanern die einen kurzen Ausflug zum vermeintlichen Luxus Korfus (in der Regel auf eigene Faust) antreten wollen.
Nicht die aller angenehmste Art sich fortzubewegen, eingesperrt in den Rumpf eines solchen Gefährts über das Mittelmeer zu schaukeln, aber immerhin eine relativ planbare und mit der Hoffnung dass in Griechenland die Sache mit den Kilometern ein wenig schneller gehen dürfte auch erträgliche Methode innerhalb einer knappen Stunde von Albanien weg zu kommen.
Die Ausreiseformalitäten sind hier ein wenig „amtlicher“ als an der Grenze per Bus von Ulcinj kommend: sämtliches Gepäck wird gescannt, und ich darf dieses mal auch selbst vor dem Fenster mit der Durchreise leicht nervös die Kontrollen abwarten, aber es scheint alles okay zu sein: der Pass ohne Einreisestempel stört wohl nicht weiter, er bekommt nun schlicht einen einsamen Ausreisestempel, und ich darf auch schon weiter in Richtung Boot.

 

Nächste Station: Korfu. Während sich meine albanische Reisehorde nun mit Zollkontrolle und Einreiseformalitäten am Hafen beschäftigen darf, rutsche ich mit dem guten weinroten Reisepass mit den stabilen Pappdeckeln einfach mal eben „aus Versehen“ in die Reihe für griechische Personalausweise und kann mir den ganzen Spaß tatsächlich ersparen.

 

Hafen Korfu

Korfu? nene, der Hafen reicht mir gerade vollkommen

Ich hätte jetzt einfach in Richtung Innenstadt laufen, mir eine Bleibe suchen und Korfu erkunden können. Hätte ich, aber die Sache mit den Kilometern habe ich wirklich ernst gemeint.
Als Kind waren meine liebsten Hörspiele von Janosch. Und auch wenn darunter „komm, wir finden einen Schatz“ eher eines der von mir als gruselig unangenehm empfundenen war, die Grundidee der Geschichte dass Geld Freundschaften kaputt und am Ende doch nicht wirklich glücklich macht war schon immer irgendwie akzeptabel für meinen kindlichen Kopf. Ich erinnere mich aber noch ganz genau an den für mich damals eher dämlich wirkenden Reiseesel Mallorca der darin irgendwo kurz vorkam. Er war auf einem Schiff unterwegs, auf seinem Weg zum wahren Glück „in der Ferne“, wie er sagte. Als das Schiff an seinem Ziel ankam, musste er aber sofort weiter: sein Problem war dass immer wenn er ankam, in der Ferne, die Ferne natürlich wieder wo anders war und er erneut direkt aufbrechen musste, in die Ferne. Ein ziemlich rastloser Reiseesel den ich damals zwar nie verstanden habe, dem ich aber heute wohl viel zu oft selbst ganz ähnlich bin. Also war mein einziger Weg auf Korfu quer durch den Hafen bis zu den vielen Ticketbuden an der Straße direkt davor, die Weiterfahrt organisieren und dafür die Schilder und Plakate scannen.
Igoumenitsa, Anfahrt in 30 Minuten? Perfekt! 10 Euro? Beinahe ein Schnäppchen! Dauert gut zwei Stunden? Kein Problem, ich bin dabei!

 

Leider war der (Reise-) Tag dann eben doch irgendwie vorüber bis ich dort ankam, sonst hätte es gut sein können dass ich direkt noch in einen Bus gestiegen wäre, in die Ferne natürlich.

 

 

 


„Diese [Straße] gingen Sie entlang und trafen den Reiseesel Mallorca. „Was schaut Ihr denn immer so nach unten, ihr kleinen Tierchen?“ fragte er. „Das Glück suchen!“ sagte der kleine Tiger. „Das Glück!“ rief der Reiseesel, „Das Glück, das liegt doch nicht unten, das Glück liegt in der Ferne. Da könnt Ihr gleich mitkommen Jungs, ich bin gerade auf dem Weg dorthin!“. Und jetzt trippelten die drei die Straße entlang, immer die Straße entlang, der Ferne entgegen.

Aber die Ferne war ziemlich weit, denn wenn sie irgendwo ankamen war die Ferne nicht da, sondern weiter, in der Ferne. Und so kamen sie ans Meer. Sie nahmen ein Schiff und fuhren hinüber. Sie kamen in ein Land und der der Reiseesel Mallorca nahm sofort wieder seinen Koffer und reiste weiter in die Ferne, weil die Ferne niemals da ist wo man sich gerade befindet.“


aus: „Komm, wir finden einen Schatz“ von Janosch.

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