Inkognito durch Bulgarien

 

Ein wenig nervös war ich heute Vormittag schon, das gebe ich zu. Ich habe mich zum vereinbarten Zeitpunkt am vereinbarten Treffpunkt eingefunden, sprich ich bin verwuschelt wie ich morgens eben manchmal aussehen kann, unrasiert und mit leicht verschlafenem Gesicht ins Hilton einmarschiert. Den großen Rucksack hinten, den immer schmuddeliger werdenden kleinen quasi als frühzeitiger Abwehr eventueller, falscher Vermutungen vorne am Bauch. Es ist irgendwie allen völlig klar dass ich nicht hier stehe um nach einem Zimmer zu fragen, und dennoch genau aus diesem Grund hätte ich es doch irgendwie gerne getan. Einfach so ein wenig Vorurteile umkrempeln, und sei es nur der verdutzten Gesichter wegen.

 

Wo wir uns genau treffen würden, der gute Herr einer wohl bekannten Autovermietungskette und ich, das wusste ich nicht. Auch ein Schild gab es keins, denn wie man mir schon per Mail irgendwann mitgeteilt hat trifft man sich halt spontan am vereinbarten Treffpunkt, ganz ohne Büro und Schreibtisch, als halt irgendwie und irgendwo im Hilton. Da ich niemanden finden kann, frage ich freundlich an der Rezeption nach. „Nun, einen Herren von der Autovermietung haben wir keinen gesehen.“ war die professionell mit freundlichem Gesichtsausdruck formulierte Antwort. Ob ich hier dann auf Ihn warten könne frage ich dann ohne weiter darüber nachzudenken. „Achja, klar, ganz vergessen Ihnen das anzubieten…“. Ist klar.

 

Was könnte jetzt alles schief gehen? Einen Roller ausleihen, am besten einen dessen Wert man locker in kleinen dreistelligen Beträgen beziffern könnte, damit kann ich mich inzwischen ja ganz gut abfinden. Ein Auto allerdings, das ist eine ganz neue Dimension. Die meisten Gedanken in der viertel Stunde in der ich nun mit Warten verbringe gehören zu denen, die man sich besser nicht macht. Ob es dann unbedingt gut war dass der nette Herr mich dann ganz stolz mit den Worten „ich habe ihnen ein fast brandneues Auto dabei“ begrüßt, das bezweifel ich. Aber ich habe ein Auto, und als dieses Großstadtgewirr hinter mir lag, ich mich wieder ein wenig an Gangschaltungen, Kupplungen und Autos im Allgemeinen gewöhnt hatte, da wurde es dann tatsächlich entspannter.

 

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Gar unglaublich ab diesem Moment, wie einen manchmal scheinbar ganz banale Dinge beinahe in Panik versetzen können. Ein Auto, etwas das man daheim seit Jahren ohne geoß darüber nachzudenken durch die Gegend bewegt als wäre es das aller normalste der Welt ist irgendwo in Osteuropa ein vermeintliches Erlebnis, das einem beinahe schlaflose Nächte beschert. Völlig unnötig, falls das an dieser Stelle noch nicht deutlich geworden ist.

 

Ich entschied mich relativ spontan, die Autobahn für meine Fahrt nicht zu verwenden. Alles was ich für heute erreichen wollte, ist gut 200 Kilometer östlich in Kasanlak anzukommen und eine Bleibe für mich und das Auto zu finden. Kein Grund zur Hektik also, kein Grund für eine Autobahn und viel Zeit für ein paar Kilometer Landstraße, immer den Bergen entlang, immer weiter in die Ferne, bis dann irgendwann der Grund des Ausflugs hier hier irgendwo oben auf einem der Gipfel zu erkennen ist.

IMG_3696.JPGGanz so romantisch wie das nun vielleicht klingen mag ist das allerdings naturgemäß nicht. Ein Auto ist kein Pferd, der Sonnenuntergang dem man entgegen reiten könnte liegt auch nicht im Osten und hinterher winken tut mir gleich zwei mal niemand. Es ist ein anonymes Reisen, das was ich irgendwie ja auch gewollt habe. Die Werbeschilder der Autovermietung an den Kennzeichenhaltern habe ich kurz hinter Sofia abmontiert, alles was auf meine Identität als Tourist hindeuten könnte (sprich im wesentlichen die Rucksäcke) liegen versteckt im Kofferraum und wie ich immer öfter erkennen muss zweifelt auch grundlegend erst mal niemand daran dass ich Bulgare wäre, zumindest solange bis die Sprachdefizite mich eben outen. Selten bin ich so inkognito unterwegs gewesen, und selten hat sich Urlaub so sehr nach einer simplen Überlandfahrt zuhause angefühlt. Gut, in der Regel überhole ich zuhause keine Eselskarren, wie das hier das ein oder andere mal vorkommen kann. Die Ortsschilder sehen ein wenig anders aus, die Ortschaften an sich… nunja, vielleicht eine etwas andere Gegend in Deutschland wie ich sie gewohnt bin, aber nicht unvorstellbar. Die Straßen nicht (wie Vorurteile einem das gerne Glauben machen würden) voller Schlaglöcher, sondern von eigentlich ganz annehmbarer Qualität. Der Verkehr relativ gesittet, bis auf die Tatsache dass recht gerne mal eine Polizeikontrolle am Straßenrand andere Autofahrer herauswinkt (und mich bislang gut verschont) passiert demnach auch echt absolut…so richtig absolut gar nichts spannendes.

 

Bis ich in Kasanlak ankomme, noch eine Runde durch die Fußgängerzone und den nahe gelegenen Park gedreht und Wasser gekauft habe ist es auch schon Zeit zu schlafen, der Tag morgen wird sicherlich spannend.

Und ja, ich rechne wieder mit einer schlaflosen Nacht.

Dieses mal nicht wegen dem Auto, sondern wegen dem Ding auf dem Berg. Ob alles klappen wird? Ob das Internet recht hatte? Ob der Weg hier her gar umsonst war? Morgen. Der Tag heute war trotz allem lange genug.

 

 

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