Unentschlossenheiten

 

So recht wusste ich ja nicht, wo ich so genau als nächstes hin will als ich mich in Sofia um meine weiterfahrt bemühte. Es stand da immer noch Mazedonien und Kosovo im Raum auf der einen, Moldawien auf der anderen und Georgien auf einer ganz anderen Seite. So viele Himmelsrichtungen zur Auswahl, und gleichzeitig so wenig Entscheidungsfreude… das führt meistens zu komischen Spontanideen.
Auf der einen Seite fühlte ich mich mit Bulgarien so ziemlich fertig für diese Reise, oder um es ein wenig passender zu formulieren: Bulgarien hat mich fertig gemacht. Es ist nicht mal unbedingt das Land selbst wie man vielleicht zuerst vermuten könnte, was ich davon gesehen habe hat mich eigentlich durchweg positiv überrascht (diese elendigen Vorurteile mal wieder…) und soweit habe ich mich überall sehr wohl und willkommen gefühlt; meinen bisherigen Aufenthalt aber mit „entspannend“ zu umschreiben, das wäre dann doch ein ganzes Stück an der Realität vorbei.

 

Woran liegt es? Nun, wohl an mir selber, zu einem großen Teil. Zu viele Pläne in einer zu kurzen Zeit. Vielleicht auch am Auto fahren, vielleicht auch an den grundlegenden Verständnissproblemen. Sprachprobleme, das bin ich ja durchaus gewohnt, aber in einem Land unterwegs zu sein in dem man nicht in der Lage ist „Ja“ und „Nein“ richtig zu kommunizieren, das ist dann doch ein wenig schräg. Dabei weiß ich ja eigentlich wie es funktioniert, aber eben nur theoretisch. praktisch habe ich es bisher noch kein einziges mal geschafft es richtig zu machen. Ein kleines Beispiel: die nette Verkäuferin an der Supermarktkasse fragt, ob ich eine Tüte will. Ich mag keine und schüttel ohne nachzudenken den Kopf. Das Ergebnis: ich habe eine Plastiktüte in der Hand. Oder: ich versuche in einem kleinen Laden an der Theke eine Flasche Wasser zu kaufen. Geht solange gut, bis die sehr bemühte Dame hinter der Theke eine Flasche mit und eine ohne Kohlensäure aus dem Kühlschrank kramt. Sie hält mir die ohne „Gas“ entgegen, ich bin happy und nicke ohne nachzudenken mit dem Kopf. Was bekomme ich daraufhin? Klar, die andere Flasche, die die ich eigentlich gar nicht haben wollte. Oder beinahe ein wenig unangenehmer: Ich frage in einem Hotel nach einem Zimmer für die Nacht: „Hallo, haben sie ein Einzelzimmer für heute Nacht frei?“ Die Dame an der Rezeption nickt. Nun, was sie eigentlich sagen wollte dürfte inzwischen klar sein: „Nein“. Hält mich aber nicht davon eine gefühlte Ewigkeit stehen zu bleiben und sie gute Frau anzustarren, mich selbst ein wenig fragend wo denn jetzt der Rest bleibt… Preis, Geldübergabe, Schlüssel und so. Man findet sich nur allzu oft in den komischsten Situationen wieder und bemerkt erst viel zu spät was da eigentlich gerade mal wieder passiert ist. Meistens ist es ja nicht schlimm, aber irgendwie dann doch anstrengend auf Dauer.

 

Aber zurück zum Plan, der keiner war und den  ich nun beschlossen habe den rumänischen Zugfahrplänen zu überlassen. „Ein Nachtzug, das wäre mal wieder fein“ war so ziemlich exakt der Gedanke der mich an Sofias Bahnhof geführt hat um die Nachtzug-Ziele mal zu sichten. Istanbul, Varna und Burgas standen so ganz spontan zur Auswahl, wobei ich Istanbul ziemlich direkt mal ausgeschlossen habe. Das ist einfach nicht die Stadt, die mich gerade irgendwie ansprechen würde. Varna ist so verdächtig nahe an Gold- und Sonnenstrand, also ganz spontan: Burgas. Liegt auch am Meer, da kann ich mich ein wenig ausruhen und bestimmt kommt man von da nach Constanta, so weit weg liegt das ja nicht auseinander und dann wär ich tatsächlich raus aus Rumänien.

 

Bahnhof Sofia Bulgarien

links noch alt, rechts schon neu: Sofias Bahnhof

So einfach war es dann plötzlich mit der Entscheidung, und ich hatte eine wunderbare Fahrt mit einem gar herrlichen Schlaf und einem angenehm dezent schaukelnden Nachtzug. Das hatte nichts mehr zu tun mit dem Schlafwagen wie ich ihn von Sofia nach Istanbul mal hatte, irgendwer in Bulgarien scheint die Bahn ein wenig upgraden zu wollen: Der Bahnhof in Sofia wird großflächig modernisiert und renoviert: weg mit dem Sovjet-Design, einmal den Stahlbeton aufgehellt, riesige Glasfassaden dazu, mit viel weiß an der Decke kombiniert, die maroden Rolltreppen entsorgt und die Unterführung samt Bahngleisen ordentlich aufgehübscht. Ganz fertig ist das noch alles nicht, eher noch eine riesige Baustelle, aber man kann schon erahnen wie es mal aussehen wird während man aktuell noch in einem dunklen kleinen Eck unter fünfzackigen Sternen aus Edelstahl und Mosaiken mit den typischen kommunistischen Propagandamotiven auf seinen Zug wartet. Was von beidem mir besser gefällt… nun, ich denke das spielt keine Rolle, aber persönlich mag ich ein wenig Geschichte und Patina dann doch deutlich lieber als ein hochpoliertes Glaskonstrukt ohne Charme und Gesicht, aber vielleicht wird es ja doch ganz hübsch… Der Schlafwaggon wahr ähnlich, ein noch glänzendes Schild am Eingang verrät das Baujahr 2012 und dass er irgendwo aus der Türkei kommt. Bulgarien gibt soch Mühe, irgendwie. Und obwohl alles glänzt und neu ist, für grob 30 Euro wird man eine ganze Nacht quer durch das Land gefahren, ganz ohne den Autofahrstress der letzten Tage und liegend in einem gemütlichen Bett. Auch wenn es deutlich weniger flexibel ist, ich mag Nachtzüge noch immer.

 

Burgas selbst glänzt bei meiner Ankunft nicht gerade mit dem allerbesten Wetter, dafür aber mit einem eher leeren Strand, einem rauschenden Meer und einem Park der das ganze von der Stadt trennt. Eine ruhige Fußgängerzone mit ein paar Cafes dazu, ein altes Monument aus den eher kommunistischen Zeiten und ich bin eigentlich ganz happy. Manchmal braucht es gar nicht so viel Action… einen Tag lang „ausruhen“, das kann nicht schaden.

 

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: