Ein unsichtbarer Strand und polizeibewachte Erdrutsche

 

Ich habe gestern noch ziemlich viel Zeit damit verbracht, alle möglichen Infos rund um das Monument der bulgarisch-sowjetischen Freundschaft zusammen zu tragen und habe dabei auch nicht verpasst mit ein paar bulgarischen Suchbegriffen um mich zu werfen und allerhand Übersetzungstools zu bemühen. Was ich debi herausgefunden habe, deckt sich eigentlich ein gutes Stück mit meinen Vermutungen: hinter der ominösen Stahltür mit dem ziemlich harsch formulierten bulgarischen Hinweis „Eintritt strengstens verboten“ versteckt sich ein ganzes Netzwerk an röhrenförmigen Tunneln und Räumen. Ein alter Bunker aus den Zeiten des kalten Krieges, manche nennen das Ding Atomschutzbunker, andere nur einen „normalen“ Bunker. In einem sind sich aber alle irgendwie einig: was noch übrig ist, wenn denn jemals mehr dort zu finden war, sind leere Stahlbetonröhren mit kahlen Wänden die sich in einem unübersichtlichen Labyrinth durch den Fuß des Hügels ziehen. Keine Einrichtung, keine verbleibende Technik, einfach nur ein Gewirr von dunklem Nichts.

 

Anscheinend habe auch die im Park verstreuten Schächte irgendwas mit dieser Einrichtung zu tun, während manche davon irgendwo auf halber Strecke verschlossen sein sollen, gibt es wohl einen durch den man irgendwie in den Bunker gelangen können soll. Aber mal ehrlich… bei all der Freude die ich in letzter Zeit für verlassene Stahlbetonkonstrukte, Löcher in Wänden und das herumkriechen in dreckigen Tunneln an den Tag lege, das klingt alles nur danach irgendwo einzubrechen, sich ordentlich einzusauen und am Ende in einem dunklen Tunnellabyrinth vergeblich nach irgendwas wirklich spannendem zu suchen. Eine regelrechte „Einladung“ wie das Loch im Monument scheint es hierfür jedenfalls keine zu geben.

 

Zu dem Treppenrätsel bin ich allerdings nicht wirklich näher gekommen. Mag sein, dass aus der Abstellkammer, die da irgendwann mal mutmaßlich der Konferenzbereich gewesen sein mag, ein Weg in den Bunker führt. Muss aber nicht so sein und am Ende ist alles nur unbestätigte Spekulation. So in Summe betrachtet habe ich demnach heute Morgen beschlossen, dem Monument erstmal keinen weiteren Besuch abzustatten.
Alternativplan? Nun, wenn ich schon mal am Meer bin vielleicht ein Besuch am Strand, nun endlich mal wieder den etwas leichteren Touristenbeschäfigungen frönen. Vielleicht aber doch auch mal die Stadt anschauen, oder noch besser: beides kombinieren.

 


 

 

In einem deutschen Stadtbus, der mir per freundlichem Aufkleber eine „gute Fahrt!“ wünscht, mache ich mich also auf den Weg in die Stadt. Nun, irgendwie ist es nicht sonderlich mehr als eine ziemlich touristisch augerichtete Fußgängerzone was ich entdecke, inklusive erstaunlich hohem Anteil von Bettlern mit wohl genährten Kleinkindern auf dem Arm. Nunja, nicht so sonderlich begeistert kann man es ja mal mit dem Strand versuchen. Was kann da schon sonderlich falsch gemacht werden? Ich mein.. Wasser, Sand, vielleicht auch nur Kies oder gar Steine, im schlimmsten Fall erwarten mich halt rot gebratene Sonnenanbeter in Massentierhaltung, aber sonst rechnet man ja erst mal mit nichts bösem. Eigentlich.

 

der Strand in Varna versteckt sich!

der Strand in Varna versteckt sich!

Aber was soll ich sagen? Man lernt eben nie aus. Ich war zwar theoretisch irgendwie am Strand, zumindest hat mir das mein Mobiltelefon so irgendwie bestätigt. Praktisch allerdings lief ich ziemlich, ziemlich lange der Küste entlang ohne irgendetwas davon zu sehen. Links, also zur Stadt hoch sthene vereinzelt ein paar Restaurants, Cafes und Imbissbuden, geben aber genug Block frei um zu erkennen dass es da einen massiven Hügel mit viel Grün nach oben geht, der mich effektiv von der Stadt abschottet. Rechts, da wo angeblich der Strand liegen soll, gibtes aber nichts als Mauer. Eine ewig lange, hässliche und hohe Mauer, die hin und wieder von einer Tür unterbrochen wird. Alles was man gelegentlich vom Meer zu sehen bekommt, ist ein schneller Block durch irgendeine dieser Türen wenn gerade jemand rein geht oder heraus kommt, aus einem der beinahe unzähligen „Beach Clubs“ die dahinter liegen.

Schießbude am Strand in Varna

eine Schießbude, am ,,Strand“den man nicht sieht.

Weißer Sand wie aus dem Bilderbuch liegt da ganz gerne, und irgendwie vermute ich ja der liegt nur da weil irgendein LKW den irgendwann mal hier abgekippt hat. darauf unzählige Liegen, zwischen denen Kellner hin und her huschen, leere Gläser einsammeln und Cocktails verteilen. Hören, das kann man auch außerhalb der Mauer nur wahlweise schlechten Techno oder den schlimmsten Downbeat seit Erfindung der elektronischen Musik. Das Meer, oder eben das rauschen den Wellen, davon hört man hier deutlich… garnichts. Ein Kommerzstrand, einer der irgendwann mal an findige Geschäftsleute verkauft oder verpachtet wurde und nun nur betreten werden darf wenn man ausgiebig am Geldausgeben teilnimmt, in der Lage ist mieserable Musikbeschallung zu ignorieren und sich gefälltigst auch hübsch aufbrezelt. Nicht nur eine der Türen verweist per Schild auf einen „dresscode“, auf deren Einhaltung wenig freundlich wirkende Herren in Anzug und Krawatte achten.

 

Ohje ohje, wo bin ich hier nur gelandet? Mit Bulgarien hat das doch alles irgendwie nichts mehr zu tun, und ich dachte wenn ich mich von Gold- und Sonnenstrand fernhalte „wirds schon nicht so schlimm werden“. Irgendwie hätte ich liever einen Tag länger in Burgas bleiben sollen, aber das mal vorher immer alles wissen…

 

Meer in Varna Warna

Meer!

Karten spiel am Strand

Karten spiel am Strand

Erdrutsch in Varna? Baustelle?

Baustelle?

Nungut, irgendwann hört aber auch die endlos wirkende Mauer auf, die Restaurants und Cafes und Imbisbuden lassen nach, und nach einer ganz langen Strecke mit unbequemen großen Steinen die das Festland vom inzwischen immerhin sichtbaren Wasser trennen (wie eigentlich irgendwie in Hafenstädten vie Varna ganz üblich), komme ich auf meinem Weg noch an einem kurzen Stück Sand vorbei, auf demsich die „einfache“ Bevölkerung Varnas zum baden auf die wenigen, (noch) nicht privatisierten Quadratmeter quetscht. Es wirkt deutlich symphatischer wie hier Leute mit Meeresrauschen im Hintergrund auf provosorischen Spielfeldern strategisch ihre Spielsteine hin- und her schieben, höchstens mal unterbrochen von ein paar tollenden Kindern die das Meeresrauschen gelegentlich mal übertönen.

 

Der Weg zurück zum Hotel, am Rande der Stadt, wäre in der Theorie eigentlich ein ganz einfacher: nur die Uferstraße entlang, solange bis sie sich in ein paar Kurven den Hügel nach oben windet, auf dem die Stadt auch hier noch immer deutlich vom Meer getrennt zu finden ist, und schon wäre ich da, so mehr oder minder. In der Praxis versperrt mir nach gefühlten fünf Kilometern vom Stadtzentrum mit der offiziellen Fußgängertreppe diesen Hügel hoch und nur 300 Meter Luftline von meinem Balkon entfernt eine Polizeisperre den Weg. Was los ist, das kann der werte Polizist mir nicht sagen. Ein älterer Herr auf einem Klapprad übersetzt mir die Situation in seinem eingerosteten deutsch mit „Katastrof! Nicht fahren, nicht Fahrrad, nicht laufen. Umdrehen!“. Umdrehen? Wirklich? den ganzen schrecklichen Weg zurück an den grauseligen Beach Clubs, Restaurants und Imbissbuden mit Ihrer akustischen Umweltverschmutzung zurück, bis zu der Treppe in die Innenstadt? Ganz plötzlich ist der Weg bis dort hin gefühlte zehn Kilometer lang. Mag sein, dass es irgendwo auf halver Strecke nochmal die ein oder andere Fußgängertreppe gab, aber darauf hatte ich natürlich nicht im Ansatz geachtet, also drehe ich mich ein paar Meter offiziell um, so ziemlich genau bis hinter die nächste Kurve, und beginne die Augen offen zu halten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da nicht einen kürzeren Weg gibt.

 

ein Trampelpfad mit altem Bunker. Nicht spannend, aber eine nette Überraschung

ein Trampelpfad mit altem Bunker. Nicht spannend, aber eine nette Überraschung

In der Tat: ich musste weder lange, noch weit oder gar intensiv suchen, bis mich ein Trampelpfad durch das Gestrüpp anlacht. Ein Wanderweg, würde ich sagen, jedenfalls führt er den Hügel hoch und ist gut gebug um ohne die Verwendung der Hände zwecks Halt nach oben zu kommen, bis auf eine Paralellstraße die laut GPS ebenfalls in Richtung Hotel führen sollte. Dass allerdibgs jede Menge offensichtlich schon länger mal gefällter Baumstämme den Weg versperren und hier die Kletterpartie dann doch irgendwie einsetzt… nun, vielleicht ist das in Bulgarien ja irgendwie so üblich. Dass ich nach ein paar metern allerdings vor einem imensen Absperrgitter stand, das war dann doch irgendwie verdächtig.

 

gefällte Bäume an einem Erdrutsch in Varna Warna

bei einem Erdrutsch: erst mal ganz schnell Bäume fällen! Ist klar…

Das Gitter war wirklich gewissenhaft angebracht: kein Weg links daran vorbei, kein Weg rechts daran vorbei, deutlich höher als zwei Meter und, wahrscheinlich nir um sicher zu gehen, wurde eine massive Kette durch alle Einzelteile gefädelt und mit riesigen Vorhängeschlössern an Ort und Stelle gehalten. Es gab auch Hinweisschilder an diesem Zaun, die ich allerdings nicht lesen konnte. Mag sein dass die Sprache ohnehin hinderlich geworden wäre, aber mein konkretes Problem war, dasss ich die Hinweisschilder von der Rückseite betrachtete und ich auch irgendwie gerade wenig Aufmerksamkeit dafür über hatte: Hinter dem Zaun, hinter den Schildern stehen zwei Polizisten samt Auto, beide deutlich nicht gerade begeistert davon was sie durch das Absperrgitter da gerade beobachten können.

 

Nun, es hilft halt alles irgendwie nichts. Ich hebe die Hände zur symbolischen Aufgabe, gehe ein paar Meter zurück, klettere über ein nicht ganz so hohes Stück Zaun und stelle mich den beiden. Ausweis wollen sie sehen, und in ziemlich holperigem englisch wissen, was mir eibfällt mich hinter Absperrungen herumzutreiben. Nun, aus meiner Sicht war ds mit der Absperrung relativ. Der Weg auf dem ich kam, der war ganz deutlich nicht abgesperrt, und ich versuchte das als Entschuldigung und Erklärung vorzubringen. „Aber in Deutschland hättest Du das doch auch nicht gemacht!“ meint der jüngere der beiden. Nun, in Deutschland hätte garantiert irgendwer ALLE Wege in ein abgesperrtes Gebiet abgesperrt denk ich mir, aber ich gehe nicht auf seine Frage ein, entschuldige mich dagegen nochmals ganz förmlich für etwas, für das ich eigentlich gar kein Schuldgefühl aufbringen kann. Wo ich war und was ich gemacht habe will man nochmal ausgührlich wissen, und mit einem kritischen Blick auf meine Kamera wird noch hinzugefügt was ich Fotografiert hätte. Ich wiederhole die Geschichte. Stadt, Strand, Wanderweg, Absperrgitter. Und zeige fast alle Fotos auf meiner Kamera, springe aber gekonnt über Fotos des alten Bunkers in den ich am Wanderweg gerade noch gekrabbelt bin und die von den gefällten Bäumen, nicht weil ich denke dass irgendetwas davon „kritisch“ sein könnte, sondern viel mehr um mein Image nicht allzu sehr zu belasten. Ein wenig ratlos stehen wir beisammen, keiner weiß so recht wie weiter, und schlussendlich darfich einfach gehen, nachdem ich per Zimmerschlüssel mit Hotelaufschrift beweisen konnte dass ich wirklich hier ums Eck meine Unterkunft habe und meine Geschichte damit irgendwie halbwegs richtig sein könnte.

 

Die freundliche Dame im Hotel war natürlich die erste, die ich zu dieser iminösen Absperrung interviewt habe. Ein Erdrutsch, meint sie. Ja, laut Internet hat Varna Probleme mit Erdrutschen. Klingt auch plausibel wenn man den steilen Hügel betrachtet, auf dem die ganze Stadt mehr oder minder direkt am Meer liegt. Aber so recht glauben mag ich das nicht. Wer geht bei einem potentiell erdrutschgefährdeten Gebiet erst mal her und fällt jeden einzelnen Baum? Und wer sperrt derart massiv und mit so extremer Bewachung einen einfachen Erdrutsch ab? Und warum hat der ganze Hügel entlang des Wandertrampelpfades den ich hoch geklettert bin so gar nicht nach Erdrutsch ausgesehen? Und warum steht die Polizei selbst noch spät in der Nacht mit zwei Mann plus Auto an der Absperrung (ich hb extra nochmal nachgeschaut)? Und warum interessieren die Fotos, die ich eventuell hätte machen können?

 

Komisch. Alles sehr, sehr komisch. Vor allem hier in Bulgarien, wo so vieles unbewacht und unabgesperrt für jeden einfach zugänglich in der Gegend herum steht und langsam in sich zusammenfällt. Achso, Varna hat nicht viel mit Bulgarien zu tun, habe ich heute erst selbst festgestellt. Vielleicht liegt es ja auch einfach daran. Nein, bestimmt liegt es daran. Und trotzdem schau ich, dass ich morgen hier weg komm. Genug Bulgarien gehabt fürs erste.

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