keine Panik, ich bin ja schon so gut weg…

 

Manche Städte machen es einem ziemlich schwer, weg zu kommen. Varna zum Beispiel. Nicht weil es da besonders schön wäre, sondern einfach weil die Transportinfrastruktur ein einziger Albtraum für spontanes Verreisen darstellt. Dann gibt es wiederum Städte, in denen hat man das Gefühl dass die einzige Daseinsberechtigung die man als Tourist so hat das direkte Verlassen der Stadt, am besten ohne Umweg und mit keiner Minute Zeitverlust ist.
Russe ist definitiv so eine Stadt, in der man unmittelbar nach seiner Ankunft, selbst am frühen Abend, schon förmlich überfallen wird: „Bukarest, Bukarest!“ tönt es aus allen Richtungen sobald die Tür des Busses sich geöffnet hat. Es sind die lieben Taxifahrer, die hier Hoffnung auf das schnelle Touristengeld haben, wer auch sonst. Ein jeder will mich sofort und direkt nach Bukarest fahren. Aber eigentlich will ich doch gar nichts außer meine Ruhe, einmal kurz im Busbahnhof die Abfahrtszeiten für normale Busse morgen herausfinden und mir dann einen Platz zum schlafen suchen, der Transportstress in Varna war mir dann doch für den Tag schon genug. Vielleicht, wenn mich jemand ganz lieb gefragt hätte, dann wäre ich sogar auf das Experiment eingestiegen mich in die Stadt fahren zu lassen, aber nachdem sich sonst weit und breit keiner der Transportdienstleister zu was anderem als zu Bukarest-Sonderfahrt akquirieren ließ, versucht es der Taxifahrer-Mob nach kurzer Zeit eben mit Plan B: Wenn schon nicht ganz bis nach Bukarest, dann will ich doch zumindest bis an die „Granitza“, die an der Straße nach Bukarest natürlich. So muss zumindest deren Weltbild und/oder Resthoffnung auf immer noch eine ganze Stange Geld ihnen das wohl im Kopf vorgesagt haben. Dass jemand einfach eine Nacht in Russe bleiben mag, das scheint eben so wenig in die Gedankenwelt dieser Leute zu passen wie für mich die Idee, jetzt am Abend noch nach Bukarest zu hetzen. Wir werden wohl nie dicke Freunde werden, die Taxifahrer und ich. Zu groß und zu grundlegend sind einfach unsere Differenzen.

 

ein verlassenes Haus in Russe Rousse

ein verlassenes Haus. So langsam wiederholen sich meine Fotos…

Dabei wirkt Russe noch nicht mal allzu unangenehm für eine Stadt an einer Grenze. Nicht, dass es hier eine beachtliche Anzahl an „Sehenswürdigkeiten“ geben, oder ich mich gar für deren Existenz überhaupt interessieren würde. Ganz ohne imaginäre Checklisten für Dinge, die man ganz unbedingt gesehen haben sollte reist es sich manchmal auch ganz gut und ich beschäftige mich mit einem kleinen Spaziergang, einfach immer der Nase nach, oder im konkreten Fall auch mal den Ohren. In Russe ist gerade die akustische Hölle los, unzählige mit Trillerpfeifen bewaffnete und laut schreiende Halbstarke ziehen begleitet von Drucklufthörnern durch die Straßen. Was man im ersten Moment noch mit komischen Demonstrationen verwechseln könnte, stellt sich bald als die lokale Variante einer Abschlussparty der gerade die Examen bestandenen Studenten heraus und wird dadurch gleich deutlich ruhiger und sympatischer. Allgemein muss ich relativ häufig feststellen, dass das was im ersten Moment nach wütendem Mob aussieht, relativ häufig fröhliche Menschen bei irgendwelchen Partys, Filmaufnahmen oder Hochzeitsfeiern sind. Aber zu sehr sitzen mir selbst immer wieder die Vorurteile im Kopf, vielleicht ist es auch die doch tief irgendwo vergrabene Angst vor dem „bösen“ Ausland, die mir im ersten Moment den Teufel an die Wand malen… Völlig unnötig, versteht sich. Allermeistens zumindest, natürlich.

Ich glaube das Rathaus von Russe

Ich glaube das Rathaus von Russe. Zwar nicht „schön“, dafür aber „beeindruckend“


 

Zumindest einen halben Tag, das hat Russe schon verdient. heute möchte ich noch durch die Straßen spazieren, betrunkenen Studenten ausweichen, nach alten und zerfallenen Häusern suchen, oder… einfach sehen worüber ich stolpern mag. Morgen dann, wenn die frischen Ex-Studenten alle mit heiserer Stimme daheim ihren Rausch ausschlafen und es (wenn der Wetterbericht recht behält) wie aus Eimern schüttet, dann kann ich immer noch nach Bukarest aufbrechen, und dann bitteschön per Bus, nicht Taxi-Sondertransport.

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