Kommunikationsprobleme am Busbahnhof?

 

Nach Konstanza wollte ich, eigentlich. Ein Katzensprung im Grunde. Keine Strecke, die irgendwie sonderlich spektakulär sein sollte, könnte man meinen. Dass der Wochentag eine Rolle spielt? Nee, ein Sonntag ist in Osteuropa nicht so heilig wie in Deutschland, soviel steht fest. Also klingt das ganze ziemlich machbar: einmal per Stadtbus an den Busbahnhof, nach einem passenden Bus ausschau halten und am Abend in Konstanza sein. Theoretisch und meiner leicht naiven Vortellung nach zumindest.
Praktisch hat Varnas Busbahnhof aber irgendetwas gegen diesen Plan. Während sich die ganze Stadt ziemlich selbstbewusst und touristentauglich gibt, beinahe alles mindestens zweisparchig beschriftet ist und an jeder Ecke irgendwer in der Lage ist englisch oder deutsch mit einem zu kommunizieren, scheint der Busbahnhof eher eine kleine Enklave der eher russischen Dienstleistungsmentalität zu sein und macht einem das Reiseleben deutlich schwerer als denn nötig wäre.

 

der Busbahnhof in Varna Warna

der Busbahnhof in Varna

Dass das Gebäude selbst so scheint, als wäre es einst unter direkter Aufsicht der Sowjets selbst errichtet und seither nicht mehr renoviert worden, das spielt dabei noch nichtmal eine Rolle. Auf solche Dinge achte ich normalerweise schon gar nicht mehr so aufmerksam, die äußere Erscheinung sollte man in Bulgarien meist eher ausblenden, und sich viel mehr auf die „inneren Werte“ konzentrieren. Bislang lief das ganz gut. Ich habe viele freubdliche Menschen erlebt, die mit einer Eselsgeduld dem sprachlich eher unkompatiblen Touristen mit dem geoßen Rucksack mit einer ehrlichen Freude und eibem lächeln auf dem Gesicht helfen. Sei es mit den wildesten Gestikulationsarien, kleinen Zettelchen mit allerhand bulgarischen Satzteilen die ich durch kleine Durchreichen an Kassenfenstern geschoben habe wenn es anders nicht mehr funktionierte, freundliche Passanten die mir ein paar neue Zettelchen schreiben oder Leute die kurzerhand alles stehen und liegen ließen um mich zur richtigen Stelle zu begleiten und mir dort zu übersetzen so gut es ging, ich bin noch immer irgendwie vorwärts gekommen und hatte dabei ein breites grinsen vor lauter Freude an der allgemeinen Hilfsbereitschaft im Gesicht… doch dann kam Varnas Busbahnhof.

 

Ein kleiner Versuch am „normalen“ Ticketschalter für die vermutlich irgendwie regulären öffentlichen Busse war da noch ziemlich vielversprechend. Bustickets ins Ausland gibt es hier nicht, sondern nur draußen bei den privaten Busunternehmen. Ich solle durch die eibe Tür raus, dann links und da würde ich dann mein Ticket nach Konstanza bekommen. Diese Auskunft habe ich von der freundlichen Frau hinter der kleinen Durchreiche an dem großen Ticketfenster in drei bulgarisch/russischen Wörtern plus zwei englischen Wortfetzen bekommen (wohl der komplette gemeinsame Wortschatz den wir aufbringen konnten), unterstützt von ganz viel gestikulativer Morgengymnastik die wir beide dabei verwendet haben. Ich mag sowas, und es hat super funktioniert.

 

Dann kommen aber die privaten kleinen Glaskisten, in denen meist fürchterlich aufgetakelte Mädels sitzen die sich mehr für ihren Nagellack als für Service begeistern können. Ich versuche anhand der Schilder irgendwie zu erkennen, wer denn nach Rumänien fahren könnte, muss aber recht schnell aufgeben. Eine Auswahl der Worte „International“, „Exclusice“, „Lux“, „VIP“, „Tourist“, „Express“ und ganz viele bunte Logos sind überall zu entdecken, aber viel mehr dann leider doch auch nicht.

Ich versuche es also auf gut Glück beim ersten Büro. „excuse me, do you have busses to constanta?“ frage ich mit dem schon entschuldigenden lächeln auf dem Gesicht das ich mir angewohnt habe wann immer ich potentiell jemand mit englisch belästige der kein Wort versteht oder ich aus Unwissenheit an der total falschen Stelle mit dem falschen Anliegen auflaufe. „this greek company! niet romania!“ fährt mich die gute Frau darauf hin mit einem mächtig verärgerten Blick an. Ja, tut mir leid dass ich Dich während der Arbeitszeit von deinem Facebook-Chat abgehalten habe, bin ja schon wieder weg…

 

Das ganze zieht sich mehr oder minder ähnlich so durch all die kleinen Verkaufsbüros durch, bis ich an einem Bus tatsächlich ein „Constanta – Varna“ Schild hinter der Windschutzscheibe entdecke. Ich fühle mich fast schon beinahe am Ziel, auch wenn die Richtung offensichtlich die falsche ist. Aber rigendwann wird der Bus ja wohl auch die andere Richtung zurück fahren. Ich bemühe also die Dame im daneben gelegenen Verkaufsbüro, das glücklicherweise genau das gleiche Firmenlogo trägt wie der Bus selbst. „excuse me, do you have a bus to constanta?“ frage ich auch hier mit dem obligatorischen entschuldigenden Unterton. Die Olle würdigt mich noch nicht mal eines Blickes, sie ist gerade offensichtlich zu sehr mit Ihrem Mobiltelefon beschäftigt. Ihr Kopf zuckt kurz in einer ziemlich undefinierbaren, mir aber nicht ganz unbekannten Geste: schräg von links unten nach rechts oben. Was soll das bedeuten? Ich verstehe es nicht so ganz und warte noch kurz, aber mehr kommt nicht mehr von Ihrer Seite. „Ehm, sorry.. do you have…“ jetzt schlägt mir plötzlich ein extrem grimmiger Blick entgegen. „no, no have constanta“ ist die Antwort noch bevor ich meine Frage beenden konnte. Ich zeige auf den Bus mit dem gut sichtbaren „Constanta – Varna“ Schild. „oh, is this a different company?“ frage ich mal ganz naiv und unschuldig nach. Die Reaktion ist eindeutig: die Olle dreht sich um und begutachtet ihre künstlichen, quitschepink lackierten Fingernägel. Möglichst offensichtliche Ignoranz quasi.

 

Eine gute Stunde spiele ich das Spiel am Busbahnhof, ohne auf nur ein Stück weiter zu kommen als gekonnt ignoriert oder genervt angefahren zu werden. Entsprechend frustriert kehre ich zurück zur Frau am Ticketfenster, die irgendwie gemütlich und beinahe russisch wirkende Mutti mit der Dauerwelle, die die nicht in einem der schicken Glasbüros sitzt sondern ihren Arbeitsplatz mitten in dem sowjetisch anmutenden Stahlbetongebäude hinter einer Glasscheibe ihren Arbeitsplatz hat, die die mich schon von weitem ein wenig fragend und ein klein wenig bemitleidend anschaut, als ich mich Ihrem Schalter nähere.

Sie deutet mit dem Kopf auf die Ausgangstür und fragt „nje constanta?“. Ich verdrehe die Augen, mache eine wegwerfende Geste und wische mit dann den imaginären Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn.

Die Frau hinter dem Fenster lacht.

Ich fragen sie nach „Romania?“ und führe dabei die Fingerspitzen von Zeigefinger und Daumen bis auf einen kleinen Spalt zusammen, durch den ich dann demonstrativ durchschaue. Die Frau nickt, tippt dann kurz in Ihren Computer und meint „Russe?“. Ich werfe kurz einen Blick auf die Karte. Nun, eigentlich liegt das ein wenig in der falschen Richtung, aber was solls… nichts ist wirklich falsch, wenn ich ein Stück weiter und hier weg komme.

Auf einen kleinen Zettel malt die gute Frau nun „16:30“. Heute morgen habe ich noch irgendwie daran geglaubt um die Zeit in Konstanza zu sein, aber Varna hatte wohl andere Pläne für mich. Ich nicke und antworte „one biljet, please!“. So einfach kann Kommunikation sein, wenn man auf nette Leute trifft die sich nur ein ganz klein wenig trauen auch mal eher albern wirkende Gesten zu turnen.

Wirklich nicht schwierig, eigentlich.

 

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