Die Vorzüge des „beaten track“?

 

Die Ungewissheit und somit auch meine Aufregung halten sich irgendwie in Grenzen als ich am frühen Morgen mit dem Ziel „Bukarest“  in Richtung Busbahnhof in Russe aufbreche. Bukarest kenne ich schon, so glaube ich zumindest, und wenn ich auch noch nie per Bus dort angekommen bin erinnere ich mich an eine übersichtliche U-Bahn, die das Problem des innerstädtischen Transports schon irgendwie lösen wird. Klingt alles ziemlich einfach, irgendwie.

 

So alles in allem bin ich irgendwie beinahe froh Bulgarien nun erstmal hinter mir zu lassen, denn für einen „Urlaub“ waren die letzten Tage doch ziemlich anstrengend:
Dragostin, Busludscha und die kleinen Abstecher auf meinem Roadtrip sind zwar extrem spannend, sorgen für ordentlich Adrenalin und bringen am Ende auf eine schräge Art auch Glücksgefühle mit sich, zehren aber auf der anderen Seite auch ganz schön an den Kraftreserven.
All die Recherchen drum herum, die Vorbereitungen und nicht zuletzt die vielen Kilometer im Auto lassen kaum mehr genug Zeit für einen angemessenen Schlaf, und eigentlich habe ich doch gerade Urlaub. Vielleicht, so die fromme Hoffnung, ebbt mein Entdeckungsdrang in der einigermaßen gewohnten Umgebung Bukarests und einem anderen Land ein wenig ab. Ein paar Tage Entspannung stehen jetzt auf jeden Fall mal ganz oben auf der Liste, auf wenn ich mir jetzt schon sicher bin, früher oder später wieder mit viel Aufwand alten Steinen und moderigen Gemäuern in Bulgarien hinterher zu jagen.
Die Erfahrung des „Busses“ von Russe nach Bukarest schien mir da einen ganz guten Anfang zu machen. Für erschreckend viel Geld, zumindest wenn man von einem normalen Linienbus ausgeht, erstehe ich mir ein Ticket nach Bukarest. Ich hätte Glück gehabt, so sagt man mir währenddessen in unerwartet gutem englisch, denn es wäre noch genau ein Platz frei.

 

Ich wundere mich über die ganze Sache noch ein wenig (der Preis, die Sprachkenntnis und die Tatsache dass in einem ganzen Linienbus eine Stunde vor Abfahrt schon nur noch ein einziger Platz frei sein soll) als ich mein Ticket und das Restgeld in meinen Taschen verstaue, beschließe aber dass das wohl am Charakter der Grenzstadt liegen mag. Einfach nicht weiter wundern.
Zumindest das mit dem Glück ist schon mal offensichtlich: es dauert keine fünf Minuten bis die gesammelte Truppe an privaten Transportdienstleistern meine Witterung aufgenommen hat. „Nein, ich will wirklich kein Taxi nach Bukarest, werter Herr“ erkläre ich mich anfänglich noch möglichst freundlich, muss aber relativ bald erkennen dass der Pool an Leuten aus dem Taxigewerbe die wohl aus purer Verzweifelung alle ihr Glück Versuchen wollen beinahe unbegrenzt zu sein scheint und ändere relativ schnell meine Taktik: Kopfschütteln, mit dem Busticket winken und entschuldigend grinsen funktioniert auch… Naja, das mit dem freundlich nutzt sich irgendwann nach dem fünften mal auch ziemlich schnell ab, aber zumindest habe ich mich bemüht. Ein komischer Ort, dieses Russe

 

eine der etwas einfacheren Gassen in der Innenstadt von Bukarest

eine der etwas ,,einfacheren“ Gassen in der Innenstadt von Bukarest

Der Bus, so im Nachhinein betrachtet, war wenig verwunderlich und klärt auch so manche meiner anfänglichen Verwirrungen: Ein nagelneuer VW Bus, lackiert in schwarz Metallic, mit getönten Scheiben und auf Hochglanz poliert fährt in den Busbahnhof ein und hält direkt in der Parkbucht vor der Bank auf der ich sitze. Ein Anblick den ich mit meinem Bild von Bulgarien nicht so wirklich kombinieren kann, wohl aber mit den Fahrgästen die sich nun so alle einfinden: Ein kanadisches Pärchen im Rentenalter, von oben bis unten in brandneue Funktionskleidung gehüllt, inklusive  den obligatorischen Reißverschlusshosen, Treckin sandalen sowie den farblich passenden, brandneuen Rucksäcken auf dem Rücken und dem Reiseführer mit dem Zeigefinger zwischen den Seiten (vermutlich das Kapitel „Russe: getting there and away“) in der Hand…
Ich habe mich noch nicht fertig freuen können über soviel Klischee, als ums Eck plötzlich ein etwas untersetzter Asiate im Poloshirt mit Krokodil-Label schnauft und in Slippern seinen schwarzen Trolley übers schiefe Pflaster quält. Noch mehr Klischee, gar wunderbar!

Eine Klischee-Reisegruppe versammelt sich da, in die der komische Freak mit den ramponierten Jeans, durchgelaufenen Sneakern, dem karierten Schal und dem geschundenen Rucksack irgendwie dann doch auch ganz gut dazu passt. Beinahe besser als in die anderen Busse bis hierher, wie wunderbar!

Die einzigen die in diesem Bus nun wirklich auffallen, sind das ziemlich junge rumänische Pärchen ganz hinten und der Rumäne mitte dreißig auf dem Beifahrersitz. Tourismus nimmt manchmal schon merkwürdige Formen an.
Der große Vorteil an solchen… nennen wir es mal passender Touristensammeltaxis anstatt Bus… ist die Tatsache dass die wirklich exakt dort halten, wo ein Tourist das erwarten würde. Der Busbahnhof außerhalb der Stadt? Neeein, viel zu verwirrend, viel zu kompliziert und viel zu unsicher. So ein Touristensammeltaxi hält mitten im Stadtzentrum, direkt an der größten Kreuzung mit Einkaufszentrum, Park und zentraler U-Bahn Haltestelle. Natürlich zufällig auch direkt neben dem Taxistand, aber… wer lässt sich davon denn schon beeindrucken?

Ich für mich habe es spontan vorgezogen diese Ausgangslage bestmöglich zu nutzen: rein ins Einkaufszentrum, die praktische Plastikkarte geschwungen und nur etwas mehr als 15 Minuten später mit lokalem Geld, einer SIM-Karte für mobiles Internet, einer Flasche Limo und ein paar Keksen im Park gegenüber sitzen. Das ist mein persönlicher Rekord bislang, definitiv. Und genau in diesem Moment kommt so ganz langsam die Frage in mir auf:

Blick aus dem Hotelfenster in Bukarest

Im Hotel: bequemes Fensterbank-sitzen bei, ich geb es ja zu, mir nicht ganz unattraktiv erscheinender Aussicht

War es wirklich die richtige Entscheidung hier her, also irgendwie (sofern man das für Osteuropa so nennen kann) zurück auf den „beaten track“ zu kommen, oder fängt es mich mit der Einfachheit nicht jetzt schon an ein wenig zu langweilen?

 

Nunja… jetzt bin ich schon hier, muss mal dringend wieder Wäsche waschen und habe keinen Alternativplan in der Tasche. Also mal eben online ein Hotel buchen, zwei Nächte damits auch reicht Wäsche waschen zu lassen, beim Italiener ums Eck noch schnell einen Kaffee und dann per U-Bahn ins Hotel….

 

Ohje, die Entscheidung war wohl echt nicht die beste…

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: