Moldawien und die Stans…

 

Moldawien hat mich irgendwie schon lange mal gereizt, so richtig auf die Reihe gekriegt habe ich es aber bislang noch nie. „Republik Moldau“ klingt für mich ein wenig verträumt und melancholisch, doch außer diesen höchstwahrscheinlich falschen Assoziationen (Smetana, die Moldau… siehe hier) weiß ich fast nichts über dieses Land. Noch nicht mal Reiseführerwissen hätte ich anzubieten.

Bahngleis in Bukarest am Bahnhof

warten auf den Zug in Bukarest

Für mich war es bislang nur ein aus nicht erklärbaren Gründen irgendwie interessanter kleiner Fleck auf der Landkarte, gefühlt irgendwo mitten zwischen Osteuropa und Ostblock gelegen. Im Grunde ist es also höchste Zeit am Bahnhof von Bukarest einfach ein Ticket nach Kischinau zu kaufen und die Wissenslücke zu schließen.

 

Unbekannte Länder, irgendwie mag ich das. Ja, ich weiß aus eigener Erfahrung dass die zu erlebende Überraschung nicht immer gerade positiv ausfallen muss (Turkmenistan steht da auf meiner „scheiße-wo-bin-ich-hier-nur-gelandet“-Liste zum Beispiel ganz weit oben),  aber allein deswegen diesen Nervenkitzel aufgeben? Nein, zu schön ist dieses Erfolgserlebnis wenn man sich ganz ohne fremde Hilfe an einem unbekannten und neuen Ort ganz alleine soweit „integriert“ hat dass man zumindest was zu essen, trinken und eine Bleibe für die Nacht hat.

ein toller Nachtzug. Samt Teppich, Vorhängen und Eichenholzimitat.

ein toller Nachtzug. Samt Teppich, Vorhängen und Eichenholzimitat.

 

Schon der Nachtzug von Bukarest nach Kischinau gibt einem eine grobe Vorahnung was einen in diesem unbekannten Land so erwarten wird: Teppich mitsamt Schoner im Flur, akkurat in Falten gebügelte Vorhänge in floralen Mustern vor den Fenstern, Die mit Eichenholz-Look überzogenen Abteiltüren, die bunte Jugendzimmer-Bettwäsche auf den Pritschen, in jedem Abteil ein kleiner Topf samt Kunstblume… der moldawische Nachtzug hat Glück dass ich das überall präsente Logo „CFM“ (Calea Ferată din Moldova) zwar nicht ganz verstehe, aber dafür wenigstens dank dem „M“ am Schluss eindeutig Moldawien zuordnen kann; ich hätte diesen Zug sonst eindeutig anderen Ecken dieser Welt zugeordnet, ganz vorne weg Russland selbst.

Kunstblumen als Deko im Nachtzug

nun, die Deko im Abteil ist sicherlich lieb gemein, wenn auch… nun, etwas gewöhnungsbedürftig.

 

Mein Abteil teile ich mal wieder Multikulturell. Wie in Russland zufällig auch schon erlebt, scheint hier nach „Touristen“ und „Einheimische“ bei der Platzreservierung sortiert zu werden. Nicht dass es hier sooo viel zu sortieren gäbe, die Auswahl in diesem Zug ist deutlich überschaubar: Da wäre ich, ein Holländer und… nun, wohl weil sie beim „sortieren“ nicht so wirklich ins „Einheimische“-Muster gepasst haben: Ein Rumäne mit seiner moldawischen Frau, die sich nach ein wenig Smalltalk in der Runde kaum zurückhalten kann und allen ganz stolz einen rumänischen UND einen moldawischen Pass von Ihr zu präsentieren.

 

Der holländische Typ geht mir, um ganz ehrlich zu sein, ziemlich auf die Nerven, während das rumänisch-moldawische Pärchen eigentlich einen ziemlich sympatischen Eindruck macht. Die bedien können es einfach nicht so recht verstehen, was Touristen in eine Stadt wie Kischina treibt. Es sei doch nur hässlich da, es gäbe bei weitem nicht so viele Sehenswürdigkeiten wie in Bukarest und einkaufen könne man dort auch nicht meint vorallem Sie deutlich verdutzt. „Freiwillig tut sich das doch keiner an!“ wirft er hinterher. Nun, Sehenswürdigkeiten in Bukarest? Ich hätte dort nichts gefunden, das ich für mich ganz persönlich als „sehenswert“ irgendwo weit oben auf eine Prioritätenliste setzen würde, ich verzichte allerdings darauf derlei Themen anzuschneiden und überlasse dem Holländer das Feld. Was Ihm in meinen Augen an angemessenem Feingefühl und nötiger Distanz zu seinen Mitmenschen fehlt, macht Ihn nun allerdings ideal als Alleinunterhalter. Er zieht das komplette backpacker-Register von „Orte entdecken“ über „die Welt wirklich kennen lernen“ bis hin zu „aus anderen Kulturen lernen“. Ich weiss nicht so recht warum, ich ertrage dieses Gerede aber immer weniger.

 

Ich werde wohl alt. Obwohl ich knapp zehn Jahre jünger als der Holländer bin, wirkt er gerade so Reise-naiv. Ich habe schon so viele Leute erlebt, die seit kurzem mit Ihrem Rucksack durch die Welt (naja, hauptsächlich Südostasien und Indien) ziehen, voller Überzeugung „den alternativen Lebensentwurf“ mit Toleranz und Offenheit durch viel Reisen und andere Kulturen predigen; dann aber nach ein paar Wochen nach Hause zurück kehren, ein Haus auf dem Land samt Gartenzwerg kaufen, Kinder bekommen und plötzlich bei Wahlen ihre Stimme ganz weit rechts abgeben. Erzählt und gepredigt ist immer schnell, überzeugend und mit sich selbst ehrlich sind die wenigsten. Wenn man lange genug beobachtet, beginnt man wohl oder übel den Unterschied zu erkennen. Eine Lektion, die ich gerne einfach zurück geben und ungeschehen machen würde. Früher, so ganz naiv, sich überzeugen, begeistern und anstecken lassend, da reiste es sich manchmal eben doch leichter.

 

Aber zurück zum Zug. Ich nutze diesen Zeitpunkt als meine Chance die Müdigkeit vor zu schieben und mich in meinem Bettchen oben zu vergraben. Der Holländer wird das Pärchen nicht überzeugen, die wiederum werden nicht weniger seine Ambition verstehen, aber im,erhin werden sie sich eine Stunde nett unterhalten haben.

 

Kischinau

Kischinau bei bewölktem Himmel aus dem Hotelzimmerfenster

Kischinau begrüßt mich mit eher mäßigem Wetter. Was tun mit dem Tag?

Am nächsten Morgen klingen in meinem Kopf, kurz vor Ankunft in Kischinau, noch immer die Worte von dem Rumänen im Abteil nach… „Freiwillig tut sich das doch keiner an!“… aber was genau hat er damit gemeint? Die Mischung aus den sowjetisch praktischen Plattenbauten die draußen am Fenster vorbei ziehen und die akkurat in Falten gebügelten Blümchenvorhänge die den Block aus dem Fenster umrahmen lassen schlimme Befürchtungen in mir hoch steigen. Ich habe Erinnerungen an nicht ganz unähnlich wirkende Gegenden im Kopf, die schwer unter Korruption und einer (vorsichtig formuliert) tendentiell eher repressiven Politik leiden und in denen selbst das Touristenleben nicht als angenehm beschrieben werden kann. Hätte ich doch mehr lesen sollen? Wäre Reiseführerwissen nicht doch irgendwie positiv gewesen?

ein Hotelzimmer aus den alten Zeiten, vermutlich zur Blütezeit der Udssr gebaut.

ein Hotelzimmer aus den ,,alten Zeiten“, quasi Geschichte zum Erleben. Ja, ich mag sowas =)

 

Da das Wetter eher mäßig ist und kaum Leute auf der Straße zu sehen sind die irgendwie beobachtet werden könnten, beschließe ich meinen Tag zum größten Teil im Zimmer meines Hotels zu verbringen. Ich verdränge dass selbst der Stil dieses Hotels identisch mit dem meiner Unterkünfte in Turkmenistan ist, denn immerhin wirkt das Personal hier deutlich entspannter und freundlicher.

 

Irgendeine Logik in mir versichert mir zwar, dass alle meine Befürchtungen falsch sein müssen. Moldawien ist ein gutes Land, sonst hätte ich angesichts der relativen geografischen Nähe doch definitiv schon was davon gehört. Aber irgendwie bin ich doch noch übervorsichtig, auch wenn ich dafür wiederum kaum wirklich logische Erklärung finden kann.

Es wird wohl ein paar Tage dauern bis wir warm miteinander werden, Kischinau und ich, aber das wird dann bestimmt schon auch alles sein.

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