der Zirkus in Kischinau

 

Ein Zirkus in Moldawien … nun, ich muss zugeben dass klingt erst mal nach „nichts besonderem“: Ein Zelt, ein paar Wohnwägen, rollende Tierkäfige und ein Kassenhäuschen, alles ziemlich provisorisch eben und weitestgehend ortsunabhängig, aber das ist weit gefehlt.

 

Für ein besseres Verständnis der Überschrift braucht es erst mal ein kleines Zitat zur Geschichte von Moldawien: „Die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik […] war von 1940 bis 1991 eine Unionsrepublik der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.“ bringt es wikipedia eigentlich gar wunderbar auf den Punkt. Auch wenn es sich heute nicht mehr unbedingt so anfühlt (Moldawiens ethnische Ursprünge liegen doch irgendwie eher in einer anderen, weniger russischen, Richtung), Moldawien war Teil der UdSSR und Kischinau auch schon damals die Hauptstadt.

Zirkus in der UdSSR, ich glaube so ganz werde ich das leider nie nachfühlen können… Google erzählt mir dass Zirkus verstaatlich war, Absolventen der Moskauer Zirkus Schule einen ähnlichen Stellenwert wie Universitätsabsolventen genossen, Artisten bei der Vergabe von Wohnungen und anderen Luxusgütern Vorrang genossen und bei besonderen Verdiensten mit dem Ehrentitel „Volkskünstler der UdSSR“ dekoriert wurden. Ein Zirkus war eine feste Institution in jeder größeren Stadt, meist ein pompöses Gebäude aus Stein und Beton und wurde wie ein Theater das ganze Jahr über bespielt. Mag sein, dass es etwas mit dem uralten Grundsatz von „Brot und Spiele“ zu tun hat, aber darüber mag ich eigentlich nicht mal spekulieren. Fakt ist jedenfalls: Zirkus, das war ein Highlight für die ganze Familie, eine staatlich organisierte und geförderte Unterhaltung und weit entfernt von provisorischen Zelten und Kassenhäuschen auf Rädern.

 

Der Staatszirkus in Kischinau wurde 1981 gebaut, also noch zur Zeit der Moldauischen Sozialistische Sowjetrepublik innerhalb der UdSSR. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde er zwar weiter betrieben, allerdings fehlte der große Zirkus-Budget-Topf der UdSSR. Es konnten immer weniger Vorstellungen geboten werden, Reparaturen wurden mangels Geld nicht durchgeführt und 2004 musste der Betrieb vorerst wegen den nötigen Renovationen eingestellt werden.

 


 

ein verlassenes Hotel mitten in Kischinau

ein verlassenes Hotel mitten in Kischinau

Ich bin gestern mehr oder minder zufällig über einen Blogeintrag gestolpert, der tatsächlich (relativ aktuelle) Bilder aus dem inneren dieses Zirkus zeigt und behauptet, dass man da schon irgendwie rein kommt wenn man will… Und? ja, mich hat natürlich irgendwie die Neugierde gepackt.

 

Plattenbau neben sowjetischem Hochhaus und zerfallende Skulptur in Kischinau, Moldawien

in der Innenstadt: Plattenbau neben sowjetischem Hochhaus und eine zerfallende Skulptur obendrauf…

komplett dunkle und leicht beängstigende Unterführung in Kischinau Moldawien

Unterführungen sind hier nicht selten stockdunkel und irgendwie doch ein wenig beängstigend

Es war so ein nervöses Gefühl, irgendwo zwischen Neugierde, hoffnungsvoller Vorfreude und einer nicht ganz unerheblichen Portion ängstlicher Nervosität gestern Abend nach dieser Entdeckung. Ich bin noch immer noch so sonderlich lange hier in Moldawien, und trotz einiger Zeit die ich damit verbracht habe Menschen, Kreuzungen, Verkehr und die Umgebung zu beobachten kann ich noch immer nicht so ganz sicher sagen woran ich hier mit diesem Land geraten bin. Ich konnte zwar keine Polizisten versteckt in Büschen am Straßenrand ausmachen wie ich das in anderen Teilen der ehemaligen UdSSR schon erleben durfte, habe auch keine auffälligen bewaffneten Militärs irgendwelche unscheinbar wirkenden Gebäude bewachen sehen, konnte an den Autos auf den Straßen nichts sonderlich verdächtiges erkennen wie zum beispiel eine erhöhte Anzahl an stark getönten, gepanzerten und/oder überteuerten Vehikeln im Vergleich zum übrigen Verkehr… aber so ganz sicher bin ich mir noch immer nicht.

 

Es ist nicht so, dass ich mich hier unwohl fühlen würde… die gefühlt arrogante Distanz, der regelrechte Unwille zu lächeln, der Service-Unmut oder das überhebliche Von-oben-Herab anderer Ecken der ehemaligen UdSSR haben sie sich hier entweder niemals angewohnt oder es erfolgreich über die Jahre verlernt und hinter sich gelassen. Alles wirkt sehr freundlich, die Sonne scheint, die Läute lächeln; so ganz geheuer ist mir das aber trotzdem noch nicht.

Hauptverkehrsstraße mit Bahngleis in Kischinau Moldawien

,,Innenstadtautobahn“ auf moldawisch… ;-)

Jedenfalls nicht so geheuer, als dass ich mal eben ohne weiteres in einen alten Zirkus einsteigen würde, obwohl ich mich doch irgendwie schon gut genug kenne um zu wissen, dass ich es mir am Ende trotz allem nicht verkneifen können würde. Auf der anderen Seite: mich ganz weit fern davon zu halten und doch so nahe dran zu sein, das würde ich mir nicht verzeihen können. Ich muss da einfach mal vorbei schauen, und noch kann ich mir ganz gut einreden dass es mir völlig reicht „mal eben kurz an der Straße daran vorbei zu gehen“…

 

Überraschung: der Zirkus hat wieder geöffnet

der verlassene Zirkus in Kischinau mit Werbeplakaten

ein verlassener Zirkus mit Werbeplakaten? Da stimmt doch was nicht…

Ich muss gestehen: es hat eine Weile gedauert bis ich das so realisiert habe, schließlich habe ich damit überhaupt nicht gerechnet. Als ich mich dem Zirkus genähert habe, war ich zunächst ein wenig enttäuscht dass jemand an die mit Marmor verkleidete Front weiß-orange Werbeplakate geschraubt hat. Einfach Schade so ein Haus auf der einen Seite zerfallen zu lassen und auf der anderen trotzdem als vermeintlich billige Werbetafel zu nutzen. Ein paar Schritte weiter erkannte ich dann erst die Schilder weiter unten, die mit ihrem „Circuli“ und „Casa“-Pfeil zwar eigentlich unmissverständlich, in Kombination mit den komplett eingedreckten Fensterscheiben ringsherum und ein paar Löchern in den selbigen dann eben doch irgendwie verwirrend waren. Es wirkte so als hätte irgendjemand den Zirkus wiederbelebt, ohne auch nur einmal einen Putzlappen in die Hand zu nehmen oder den Hof zu kehren.

 

dreckige fenster, bröckelnde Fassade: der Zirkus in Kischinau

ich kann mir nicht helfen, in Kombination mit den Werbeschildern finde ich den Zustand des Zirkus noch nicht wirklich schlüssig…

Ich weiß, andere Länder, andere Sitten… aber so recht Sinn ergab das einfach nicht.  Was und warum ist hier genau los? Um das heraus zu finden beschloss ich der kleinen Seitenstraße, immer entlang entlang den „Casa“-Schildern zu folgen, solange bis ich an der Rückseite des Zirkus an einem unscheinbaren Anbau über eine provisorisch erstellte Treppe mit Rollstuhlfahrerrampe durch eine nagelneue Glastür hindurch ging und mich vor einem verglasten Ticketschalter fand, aus dem mich eine ältere Dame erwartungsvoll und bis über beide Ohren grinsend anstarrte. „Ehm… hello… is this circus back in business?“ versuche ich mich langsam an eine Aufklärung heranzutasten. Die Ältere Dame grinst jetzt nicht mehr ganz so dolle, und ihr Blick wirkt irgendwie leicht entgeistert und deutlich überrascht. Nun, ganz eindeutig: die Dame versteht kein einziges Wort englisch, wie könnte es auch anders sein. Während Sie nun zum Hörer greift und mit irgendjemandem telefoniert, studiere ich den Aushang rund im den Ticketschalter: Ein Bestuhlungsplan ist auf einem der in Klarsichtfolie an die Scheiben rechts von der Durchreiche geklebten Blätter deutlich zu erkennen, weiter unten scheint sich eine Art Preisliste zu befinden, „Sâmbătă“ und „Duminică“ stechen in großen Buchstaben deutlich hervor. Auch wenn ich den ganzen Rest nicht verstehe, „Samstag“ und „Sonntag“ klingt gut. Heute ist freitag, und morgen habe ich sowieso noch nichts vor.

Die Dame ist inzwischen fertig mit telefonieren, also versuche ich einen neuen Anlauf: „odin bilet?“ krame ich in äußerst holperiger Aussprache zwei russische Wörter hervor und die Dame bricht beinahe in schallendem Gelächter aus. Ob das nun wirklich als „Ein Ticket“ ankam oder nicht, das weiß ich nicht, aber das Eis war gebrochen. Unter Zuhilfenahme einer Bestuhulngsplankopie, eines Kalenders der lokalen Bank sowie eines Stück Schmierpapier samt Kugelschreiber haben wir gemeinsam solange einen deal ausgehandelt, bis wir beide irgendwann der Meinung waren irgendwie der gleichen Meinung zu sein: am morgigen Samstag, Platz Nummer 5, um 12:00 Uhr mittags für 250 Lei. Ich hatte gerade brav bezahlt und im  Gegenzug von der stolz wie Honigkuchenpferd grinsenden Dame ein Ticket erhalten, als hinter mir eine Tür aufgeht und mich jemand von hinten fragt „hello, may i help you?“.

 

Ticket für den Zirkus in Kischinau, Moldawien

ein Ticket. Für den Zirkus in Kischinau. Der von dem ich dachte, er sei leer und verlassen. Der, von dem ich mir immer noch nicht sicher bin ob es denn tatsächlich anders ist.

Ich war ein wenig verwirrt, aber so wirklich schlimm war das nicht: Die Ticket-Verkaufsdame musste derart dringend damit angeben dass sie erfolgreich diesem komischen Engländer gerade erfolgreich ein Ticket verkauft hat, dass ich ohnehin nicht zu Wort gekommen wäre. Ich lasse die beiden in Ruhe ausreden während ich mein Ticket im Rucksack verstaue und warte bis der auffällig trainierte Schrank von Mann Anfang vierzig mich anschließend leicht verwirrt anstarrt. „i’ve just bought a ticket for the show tomorrow“ bestätige ich dem Mann nochmal, was er ohnehin schon in anderer Sprache kurz zuvor gehört haben durfte. Wo ich denn herkomme, wollte er von mir wissen… ich bin ehrlich und erzähle es Ihm, will aber im Gegenzug von Ihm erfahren ob er Artist hier im Zirkus ist. Er lacht ein wenig, „no, i am the director of this circus“ ist die Antwort.

Wir verabschieden uns förmlich per Handschlag voneinander; er wohl etwas unsicher was ich in seinem Zirkus will, ich ein wenig unsicher was mich in seinem Zirkus erwarten wird. Wir werden es morgen aber sicherlich gemeinsam herausfinden.

 

to see a path or map at this place, JavaScript needs to be enabled.
Wie hat Dir dieser Eintrag gefallen?
Die Daten zu diesem Eintrag: