eine an Kinder gerichtete Zirkusvorstellung in Moldawien, und ich mitten drin…

 

Heute also ist es soweit, ich gehe freiwillig in den Zirkus, und das ganz alleine und ohne dass irgendwelche äußeren Umstände mich mehr oder minder dazu zwingen würden. Ich mag Zirkus eigentlich nicht so gerne, und während ich es zwar als Kinde standesgemäß irgendwie aufregend und spannend fand, war ich mir aber auch schon immer sicher dass es nicht gut sein kann wenn dort Tiger durch Reifen springen und Elefanten auf Hockern balancieren.

 

Ich bin aber tatsächlich ein wenig aufgeregt, denn ich weiß noch immer  nicht so recht was dort auf mich wartet. Insgeheim hoffe ich auf eine riesige Manege, so wie ich sie von den Bildern aus dem Internet kenne mit Platz für bis zu 1900 Personen, alles leicht abgenutzt und mit eben soviel Patina wie russisch inspiriertem Pragmatismus mittendrin doch noch eine Aufführung trotz dem alternden und renovierungsbedürftigem Gebäude zu geben. Vielleicht einmal auf dem Weg zur Toilette verlaufen, durch die staubigen Flure schleichen, über die breiten Marmortreppen vorbei an den prunkvollen Skulpturen aus den alten Tagen oder so… ja, das wäre toll. Dass es nicht so kommen wird, das ahne ich ja schon irgendwie. Der Bestuhlungsplan auf dem ich bei der freundlichen Kassendame meinen Sitzplatz kommuniziert habe, der sprach ganz deutlich was anderes als 1900 Sitzplätze.

Blick über den Rangierbahnhof Kischinau

auf dem Weg von der Innenstadt zum Zirkus kommt man zwangsläufig über diese gar wunderbare Brücke mit irgendwie ganz toller Aussicht =)

 

Es scheint also alles kleiner zu sein.

Aber warum? Und wie?

 

Im Grunde kann es, ganz egal wie es nun schlussendlich aussehen wird, eigentlich nur positiv ausgehen; so rede ich mir vorsichtshalber schon vorher ein. Wer kann schon von sich behaupten in Moldawien in einer Zirkusvorstellung gewesen zu sein ohne auch nur ein Wort verstanden zu haben? Ein Land das kaum einer kennt, ein Zirkus von dem die Welt glaubt er sein verlassen und würde langsam zerfallen, und ich mittendrin in einer osteuropäischen (und vermeintlich super kitschigen) Zirkusvorstellung? Das allein hört sich schon sehr gut an, nach schrulligem Reiseerlebnis mit schrägem Erheiterungsfaktor. Eine Geschichte die ich sicher gerne mit mir herumtragen und gelegentlich mal mit einem zufriedenen grinsen im Gesicht erzählen können würde. Ich mag sowas ja schon ziemlich gerne.

 

warten auf Einlass…

Ja, es wird sich sicherlich lohnen, auch wenn ich zunächst vom Publikum das ich am Eingang antreffe ein wenig überrascht bin. Aber mal ehrlich… was habe ich auch erwartet? Eine Vorstellung Samstag Mittag um zwölf. Völlig logisch eigentlich, dass ich umringt bin von vielen völlig überdrehten Miniaturgestalten, die laut jauchzend und vor Aufregung schreiend im Kreis rennen und sich kaum unter Kontrolle haben. Nir gelegentlich mal, und in dem Trubel kaum auffalend, findet sich mal eine Mutti oder ein Papa oder eine Kombination aus beiden die versuchen mit frischem Popcorn als Bestechungsmittel den Nachwuchs zur Ruhe zu bringen. Ein Zirkus am Samstag Mittag eben, und so langsam verstehe ich auch die Verwunderung des Zirkusdirektors über meine Anwesenheit ein wenig.

der frisch mit bunten Motiven bemalte Hinterhof des Zirkus in Kischinau

zwischen Kassenhäuschen und Zirkus: scheint nicht der ursprünglich geplante Zugang zu sein; also doch ein wenig pragamtische Ruinennutzung?

 

Aber zunächst warten auf Einlass, ein wenig verunsichert. Ja, auch (oder gerade als) 1,90 Meter Typ irgendwo am äußeren Rand Europas, eher unfreiwillig inmitten einer Horde Kinder im Grundschulalter und unablässig und argwöhnisch begutachtet von Müttern mit denen man einen gemeinsamen Wortschatz von vielleicht fünf Wörtern teilt und sich niemals erklären können wird, da kann man schon mal etwas verunsichert sein, zumal die vereinzelt anwesenden Gatten dieser vermeintlich besorgten Mütter tendenziell eher  das Format einer schwedischen Schrankwand aufweisen. Der Raum fühlt sich an wie ein verwinkelter Schuhkarton und ich versuche irgendwie meinen Weg hierher über den gefühlten Hinterhof mit den bunt bemalten Wänden, vermutlich die von irgendwelchen Lagerhallen, in Distanz und Himmelsrichtungen zu rekonstruieren. Ich bin mir nicht vollständig sicher ob ich mich schon im Inneren des eigentlichen Zirkusgebäudes befinde. Ich sehe einfach nur in einem nahezu fensterlosen und L-förmigen Raum aus Trockenbauwänden, in dem Zirkusangestellte mit dem Verkauf von Zuckerwatte, Popcorn, Cola und Clown-puppen aus vermeintlich chinesischer Massenproduktion versuchen die überdrehten minderjährigen Gäste zu beruhigen und das Geld aus den Taschen ihrer Eltern zu ziehen. Ob hier irgendwer mitten in der alten Zirkus einen neuen Raum gebaut hat, ein Stück ehemaliger Anlieferungsflur mit Rigipsplatten ausgekleidet wurde oder sich das alles noch außerhalb des Zirkusgebäudes befindet, ich kann es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sicher sagen.

 

… und wohl doch irgendwie ein klein wenig enttäuscht sein.

Der gefühlte „Einlass“ war da auch nur eine eher kurze Abwechslung: man wird in einen angrenzenden, eher kleinen Raum geführt, einer der Kategorie „quadratisch, praktisch, schwarz gestrichen und aus Trockenbauwänden“, der Ort des Zirkusgeschens sein soll. Also keine durch schiere Größe beeindruckende Manege und keine 1900 Sitzplätze, sondern alles irgendwie neu, wenn auch pragmatisch und improvisiert, aber komplett ohne die erhoffte historisch melancholische Sowjet-Patina.

Ich werde professionell freundlich grinsend zu meinem Platz geführt, eine aus Holzplatten zusammen gezimmerte und mit Teppichboden verkleidete, gefühlte 40cm hohe Sitzbank, die voll und ganz auf die Abmessungen von Kindern im Grundschulalter abgestimmt ist. Ich bin froh irgendwie intuitiv beim Ticketkauf einen Platz in der hintersten Reihe ganz im Eck ausgesucht zu haben, nicht nur weil ich so kein schlechtes Gewissen habe irgendwem die Sicht zu versperren sondern auch weil jetzt ein paar Clowns und Fotografen das Publikum stürmen. Die nächste Runde Kommerz: (Amateur-)Fotos sind strengstens verboten, und während man nun von „professionellen“ Fotografen mit auffällig voluminösen Spiegelreflexkameras die Erinnerungsfotos des Nachwuchses mit den Clowns an die Eltern verkaufen lässt, achtet die Security auf Einhaltung des sonst rigorosen Fotoverbotes.

ein heimliches Foto der neuen Manege im Zirkus Kischinau

ein heimliches Foto der Manege. Mehr war dank Fotoverbot leider nicht drin.

 

Das ist mitunter der Grund warum dieser Eintrag so ziemlich ohne tatsächliche Zirkus-Fotos daher kommt: ich durfte nicht und konnte nur ein einziges unauffällig ergattern. Es reicht allerdings, einen kleinen Eindruck der „Zirkus-Box“ aus Trockenbauwänden samt Manege zu bekommen.

Nun, ich habe mir eingeredet es würde alles gut werden. Und ja, es wurde auch irgendwie alles gut. Ich habe eine Zirkusvorstellung erlebt, die (bis auf ein paar dressierte Hunde und ein paar Hauskatzen) ohne Darbietungen von Tieren auskam. Dass ich kein Wort deren Sprache verstehe, das ist bei Clowns in der Regel zum Glück kein großer Nachteil, und auch Akrobatik kommt ganz wunderbar ohne Sprache aus. In Summe eine wirklich angenehme Vorstellung mit der klischeetechnisch dem russischen Zirkus zugeschriebenen Perfektion, wenn auch hier in dieser Trockenbau-Box absolut gar nichts an die Geschichte dieses Hauses erinnert. Wenn ich eine Zirkusvorstellung bewerten müsste, dann würde ich als eigentlich-nicht-gerade-Zirkusfreund sagen es war super. Ich habe es irgendwie sogar genossen eingefaltet auf einem Kinderhocker sitzend Clowns beim blödeln zuzusehen, es fällt mir auch nicht gerade leicht die Situation irgendwie in Worte zu fassen… „Surreal“ müsste in dieser Beschreibung ganz weit vorne stehen, „Überraschung über den tatsächlich geöffneten Zirkus“ muss auch mit rein, „ein Publikum das Zirkus regelrecht zelebriert“ in Kombination mit „ansteckend“ über alles drüber, „mal was neues“ am Rande mit eingebaut und „Kindheitserinnerungen“ irgendwo dazwischen. Ich schaffe es aber nicht und belasse es jetzt einfach dabei.

 

nichts zu machen.

 

Wahlplakate in Kischinau

Wahlplakate in Kischinau. Hat zwar nichts mit Zirkus zu tun, wollte ich aber trotzdem hier mit drin haben =)

Von diesem Zirkus den ich auf Bildern im Internet gesehen habe, in dem sich irgendwie dann doch all das abgespielt hat ohne dass es offensichtlich zu erkennen gewesen wäre, von dem sehe ich allerdings wirklich gar nichts. Keine prunkvollen Skulpturen, keine Marmorböden, keine inzwischen beinahe antiken Garderoben. Da half auch kein „tschuldigung, ich müsste mal ganz dringend auf Toilette“ mitten in der Forstellung mit der Hoffnung irgendwo eine offene Türe zu finden und auch nicht dass der liebe Herr Direktor nach der Vorstellung ganz interessiert an der Meinung seines „besonderen Gastes“ zur Vorstellung gewesen schien. Auf jede kleine Anspielung erhielt ich nur ein wissendes Grinsen und ein dezentes Kopfschütteln als Antwort.

 

Ist wohl nichts zu machen. Vielleicht auch besser so.

 

Bahnhofsvorplatz in Kischinau

ja, im Anschluss war ich noch am Bahnhof, mir ein Ticket für den morgigen Tag erstehen. Ich habe da schon länger so ein Ziel im Kopf, das ich mir nicht entgehen lassen kann, komme was da wolle… ;)

 

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