dort wo einem Grenzbeamte bei der Einreise einfach nur „viel Glück“ wünschen…

 

Nun, irgendwie ließ ich mich nicht von der Idee abbringen von Kischinau nach Tiraspol zu fahren. Per Zug, weil Grenzen im Zug in der Regel deutlich einfacher funktionieren.
Ja, irgendwie waren jetzt nur zwei relativ kurze Sätze, und schon ist es irgendwie komisch. Beide Städte sollten innerhalb Moldawiens liegen, eigentlich, und trotzdem rede ich von Grenzen… Um eins vorne weg zu nehmen, seit ich hier angekommen bin kommen mir so einige Fragen, für die ich selbst noch keine Erklärung habe. Aber ich versuchs mal, mit der Gefahr auf Unvollständigkeit und vielleicht mangelhafte „political correctness“, wie immer halt, ganz schnell und grob zu umreißen.

 

Transnistrien, ein Land das es eigentlich gar nicht gibt und doch existiert.

Es war irgendwann Anfang der 1990er, als die UdSSR zerfiel und so manch Staat seine Unabhängigkeit ausgerufen hat. Viele davon kenne ich schon aus eigener Erfahrung, kurzum so alles was sich in meinem Blog mit einen „stan“ im Namen findet fällt in diese Kategorie. Auch Moldawien ist eines der Länder, allerdings war wohl Moldawien sich nicht ganz so schlüssig in welche Richtung es sich orientieren mag, gelinde formuliert. Es gab da den sich tendenziell eher in Richtung Rumänien orientierenden (größeren) Teil im Westen des Landes, und einen (kleineren) sich eher in Richtung Russland orientierenden Teil östlich des Flusses Dnister. Da es anscheinend keine vernünftige Lösung für die Differenzen (und den Bürgerkrieg) gab, rief dieser östlich der Dnister gelegene Teil 1992 seine eigene Unabhängigkeit aus und nannte sich „Pridnestrowische Moldauische Republik“, auch schlicht und kurz wegen der Lage hinter dem Fluss Dnister „Transnistrien“ genannt.

 

Das große Problem dieses Flecken Erdes liegt, neben der Sache dass die UdSSR aufgehört hat zu existieren und das hier als eher tragisch empfunden oder nicht teilweise gar gänzlich verdrängt wird darin, dass niemand dessen Unabhängigkeit anerkennt. Seit nun schon mehr als 24 Jahren tut Transnistiren außerhalb des Einflusses Moldawiens (zu dem es eigentlich offiziell gehören sollte) so, als wäre es ein eigenes Land mit allem was eben so dazu gehört: eigenes Geld das sich Eubel nennt und auf der ganzen Welt keiner will, eigene Pässe die nicht mal gut genug sind um in ein Nachbarland zu reisen weil sie keiner anerkennt, einer Regierung die in von keinem Land anerkannten Wahlen ermittelt wird, einem Präsidenten der folglich irgendwie keiner ist und allem anderen was man halt sonst so von einem Land irgendwie erwartet: Polizei, Militär, einen Geheimdienst der sich KGB nennt und eben die Grenzen die irgendwie eigentlich keine sind.

 

Der Einreiseplan

2015-05-30 18.47.07 fix(2)Und genau deswegen reise ich per moldawischem Zug ein, einer der Kischinau mit Odessa in der Ukraine verbindet. Unnötig zu erklären, dass ein moldawischer Zug nicht irgendwo mitten in Moldawien anhält, weil irgendwer da eine (provokativ formuliert) imaginäre Grenze gezogen hat. Die einzige von diesem Zug anerkannte Grenze ist die ein paar Kilometer später, dort wo die Ukraine dann eben anfängt.

Ein guter Plan soweit, denn einmal mitten in Tiraspol ausgestiegen erfolgen zwar auch in gewisser Weise die „Grenzformalitäten“ am Bahnhof, aber meine Verhandlungsbasis bei den gerüchteweise nicht ganz offiziell (also nicht mal transnistrisch offiziell) gelegentlich erhobenen „Einreisegebühren“ ist ein deutliche besserer: Der Zug fährt auch ohne mich weiter, ich steh dann am Bahnhof und mich dann wieder los zu werden, das müssen die gerüchteweise korrupten Grenzer Transnistriens erst mal schaffen. Die andere Möglichkeit wäre an einer Straße per Kleinbus, randvoll mit über den komplizierten Touristen genervten Moldawiern, mit sicherlich ungeduldig hupendem Fahrer und womöglich schon zufrieden vor sich hin grinsenden Grenzer mir gegenüber, sicherlich der deutlich weniger angenehme „Grenzübertritt“.

 

Soweit alles durchdacht und beinahe schon geplant, den Geldbeutel „bestechungssicher“ präpariert indem nur marginale Geldbeträge in allen möglichen exotischen Währungen darin zu finden sind, das richtige Bargeld gut versteck und den Rucksack „grenztauglich“ umgepackt (seit Türkmenistan weiß ich: ganz oben immer die benutze Unterwäsche) steige ich also relativ früh morgens in Kischinau ein einen Zug, der mich schon wieder extrem an die transsibirische Eisenbahn erinnert: Dieses mal stimmt nicht nur Form und Aufbau der Waggons, sondern auch die grüne Farbe mit der er gestrichen wurde passt exakt zu diesen russisch/chinesischen Schlafwägen mit denen ich irgendwann man nach Ulan Bator gefahren bin; nur dass mich dieses mal eben im inneren keine bequemen Betten erwarten, sondern relativ einfach gehaltene Holzklasse aber dafür mit einer voll ausgestatteten Bar am Ende jedes Waggons.img_3975.jpeg

 

Der Zugbegleiter meines Waggons ist sich bei seiner Fahrkartenkontrolle nicht so ganz schlüssig ob ich wirklich das richtige Ticket erstanden habe, oder aber er kann sich einfach nicht so richtig vorstellen dass da tatsächlich einer der kein russisch spricht mit seinem Rucksack in Tiraspol aussteigen mag; jedenfalls ist sein Blick mehr als erstaunt und er muss doch mehrfach nachfragen: „Tiraspol?“. Ich antworte gefühlte fünf mal, einmal nur mit „da!“, dann wieder mit einem Nicken und „Tiraspol“, manchmal mit einer Kombination aus beidem bis er irgendwann, nicht wirklich zufrieden aber immerhin überzeugt wirkend, von mir ablässt und sich um die Tickets der anderen Leute kümmert.

 

Die Einreiserealität

Die Fahrt gestaltete sich wie vermutet unspannend, dass aber meine Ankunft in Tiraspol derart glatt laufen wird, damit hatte ich nicht gerechnet: Zuerst habe ich ihn ja übersehen, den kleinen Schalter in der Bahnhofshalle. Mag sein dass eines der vielen russischen Hinweisschilder mich eigentlich hätte aufmerksam machen sollen, aber von nicht-russisch-sprechende Touristen (mit denen hier am Bahnhof wohl kaum einer rechnet) kann das dann eben doch mal schnell übersehen werden. Vor dem Bahnhof werde ich dann aber nur kurz später von einem freundlichen Uniformierten angesprochen. Er fragt nach irgendwelchen „Dokumenti“ und redet von „Migration“ was er sehen will, was ich aber leider alles nicht wirklich verstehe. Ich biete Ihm meinen Reisepass an, den er nicht will und das Zugticket hierher, das ihn auch nicht wirklich interessiert, glaube aber ich konnte ihm vermitteln dass ich gerade erst angekommen bin. Frisch angekommen und offensichtlich ebenso verwirrt wie naiv.

Mit viel Geduld konnte er mir dann vermitteln, dass ich drinnen im Bahnhof  irgendein „Migration Dokument“ abholen muss, aber ich könne noch in Ruhe fertig rauchen, sei gar kein Problem. Und so verschwand er wieder, nicht komplett außer Sichtweite, aber mich auch nicht absonderlich kritisch beobachtend. Ja, er  war wirklich freundlich.

 

Drin im Bahnhof finde ich dann tatsächlich den von mir übersehenen Schalter, ein mit extrem viel Text auf gefühlten 30 DIN-A4 Seiten in Klarsichtfolie vollkommen zutapeziertes Fenster mit einer kleinen Durchreiche. Ein ziemlich gut englisch sprechender Grenzer gibt mir ein Formular (fast wie an „normalen“ Grenzen) zum Ausfüllen, schreibt als ich fertig bin meinen Namen noch in kyrillischen Buchstaben daneben und erklärt mir noch dass ich mich registrieren lassen muss, wenn ich länger als 24 Stunden im Land bleiben will. Er schreibt mir in bester Laune sogar die dazu Adresse der passenden Behörde dazu auf, erklärt mir wo es in Richtung Zentrum geht und gibt mir vorsichts- oder auch nur ordnungshalber einen kleinen Zettel mit den wichtigsten Regeln für Touristen in englisch mit.

Schon wieder ein netter Kerl, freundlich und aufmerksam, und wollte weder Geld noch durch meine getragene Unterwäsche wühlen. Ich freu mich darüber, aber als Verabschiedung von einem Grenzbeamten bei der Einreise ein „good luck, Benjamin!“ zu hören, das hat dann doch irgendwie meine Gesichtszüge kurz erstarren lassen.

 

Viel Glück?

Glück ist ja gut, aber was meint der damit?

Ne, also Glück hat mir bei der Einreise an einer Grenze noch niemand gewunschen.

 

Nun, in so einem nicht existenten Land, auch wenn es erst mal ganz freundlich daher kommt, gibt es so ein paar kleine Eigenheiten mit denen man irgendwie umgehen muss: Nehmen wir zum Beispiel das Auswärtige Amt das direkt und wenig freundlich ankündigt dass innerhalb Transnistriens keine konsularische Betreuung erfolgen kann. So manche Reisekrankenversicherung schließt wohl ein paar Reiseziele aus in denen sie für Behandlungskosten aufkommen mag, darunter ganz gerne auch mal Transnistrien. Mein Telefon, bestückt mit einer deutschen SIM mit dem großen „T“ hat bislang noch überall funktioniert, aber für Transnistrien gibt es wohl keinerlei Roaming-Abkommen und so lese ich nur noch „kein Empfang“ auf dem Display.

So gesehen… ein wenig Glück kann nie schaden, auch wenn ich nicht das Gefühl habe vor irgendetwas wirklich Angst haben zu müssen.

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