Ostrava im Wandel von Schwerindustrie zu Tourismus?

 

Es war zugegeben ja nur ein Zufall, der hauptsächlich den östereichischen Fahrkartenautomaten und auch irgendwie meinem eigenen Unwillen geschuldet war, mehr als vier Stunden in irgendeinem Zug zu sitzen der mich nach Istrava getrieben hatte. Irgendwie traf damit allerdings trotzdem ziemlich zuverlässig meine Kragenweite, denn hätte ich mich vorab irgendwie belesen, so hätte ich wohl ohnehin hier mal halten und mir die Sache mal anschauen wollen, schon alleine wegen folgender zwei Zitate, die in der Kombination so besonders schön klingen:

„In der Zeit der Industrialisierung […] wurde [Ostrava] zu einem Zentrum der Schwerindustrie. […] die Stadt orientiert sich nun mehr in Richtung […] Tourismus“
(Wikitravel)

 

 

Ostrava gilt als Zentrum der Schwerindustrie im mährisch-schlesischen Landkreis und seiner polnischen Nachbarregion, der Woiwodschaft Schlesien, und als eine der schmutzigsten Städte der EU“
(Wikipedia)

 

Das gesammelte Wissen von Wikitravel und Wikipedia kurz aufs wesentliche zusammengefasst bedeutet das: eine Stadt, die das unfassbare Kunststück vollbringen will sich von dreckiger und lauter Industrie weg und hin zum allgemein verträglichen heiter-Sonnenschein-Tourismusziel zu mausern? Das klingt spannend; so spannend dass ich es kaum auslassen könnte.

 

Sozialistisch geprägte Industriestädte bestechen ja im allgemeinen erst mal durch eines: praktische Plattenbauten in ansprechenden Betonschattierungen als Arbeiterunterkünfte, vielleicht ein massiv praktisches Zentrum mit ein oder zwei brutalistischen Prunkbauten, einem massiven Schienennetz und natürlich (inzwischen) rostroten Industriekomplexen mit (eher wortwörtlich als im üblichen Sinne) herausragenden Schornsteinkonstrukten. Eine wahre Urlaubsidylle also, was man aber auch nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, genauer genommen bei so manch komisch veranlagtem Charakter wie mir auch ohne beißenden Sarkasmus von sich geben kann.

 

Zunächst wirkt dieses Städtchen aber auch auf mich als beinahe hartgesottenen Beton- und Stahlruinen-Freund wenig einladend, aber zuerst muss ich sie finden: Es ist schon eine gewisse Herausforderung auch den richtigen Bahnhof zu erwischen, denn Ostrava ist nicht unbedingt gleich Ostrava, und das nicht nur im Bummelbahnen sondern in meinem Fall in einem polnischen „Intercity“. Kurzum: von Süden (Wien) kommend erst beim zweiten mal „Ostrava“ aussteigen, denn sonst landet man, eben so wie ich, gefühlt in einer komplett falschen Stadt, noch knapp 7km von der richtigen entfernt, zu weit zu laufen, zu wenig verständliche Beschilderung (englisch ist hier Mangelware), nur ein einziger gut versteckter Geldautomat (um tschechisches Geld zu kaufen), der zu allem übel auch nur 500er als kleinste Scheine ausspuckt. Die Fahrkarte zum Hauptbahnhof Ostrava kostet 15 Geld, da ist das mir eigentlich eher aus Russland bekannte Augen-verdrehen-bis-man-nur-noch-weiß-sieht der ebenfalls nicht englisch sprechenden Fahrkartenverkäuferin auch schon garantiert. Nun, so ganz einfach ist das nicht, und auch die liebe Transportdienstleister-Bande (aka Taxifahrer) scheint das ganz genau zu wissen und umkreisen mich schon nach fünf Minuten wie Geier ein Stück Aas in einer verlassenen Wüste, die sich noch nicht ganz so 100% sicher sind, ob die erhoffte Beute denn nun wirklich schoin tot ist: immer schön vorsichtig, immer mit schönem Sicherheitsabstand, nicht aufdringlich, aber unablässig und ziemlich hoffnungsvoll. Nicht schön, aber gleich doppelt Ansporn, der mich zur Not auch zu einem ausgedehnte Ggpäckmarsch animiert hätte…

 

Aber: es ist möglich. Und es bietet ein gewisses Erfolgserlebnis, kann ja auch nie schaden.

 

ein Förderturm zwischen Plattenbauten

laut Wikipedia das ,,Museumsbergwerk Jindřich“
Ob DAS wohl jemand her locken könnte?

Im „richtigen“ Ostrava angekommen entspannt sich die Situation wieder ein Stück, zumndest am Bahnhof. Die halbe Stunde zu Fuß bis ins Zentrum zeigt aber dann doch schnell: das mit dem Tourismus sollte hier noch mal großflächig geübt werden, denn es ist zwar erheiternd, aber wenig einladend wenn man nichtsahnend mit seinen Rucksäcken an einem kleinen Park vorbei kommt, in dem vier vielleicht 15 jährige Jungs sitzen, deren Herkunft… nun, ich gönne es mir einfach mal den „ich war da und weiß von was ich rede“-Typ heraus hängen zu lassen und es direkt zu formulieren: mindestens Türkei, wenn nicht noch weiter in den Tiefen der muslimischen Ecke, vielleicht auch noch Marokko zu suchen ist, völlig erschreck ihr Gespräch unterbrechen, mich mit offenem Mund anstarren und plötzlich einer mit völliger Überzeugung feststellt: „Terorista!“. Auch das darauf folgende Getuschel, in dem immer wieder „terorista“ heraus zu hören war und das offensichtlich bemühte „wir wollen zwar keine Aufmerksamkeit, aber wegschauen können wir auch nicht“-Verhalten zeigen doch ganz deutlich, wer und was hier gerade Thema der Konversation geworden ist. Ja, ich habe vielleicht ein bisschen Bart im Gesicht. Aber ich war beim Friseur, vor ein paar Wochen, und sehe eigentlich verhältnismäßig ordentlich aus. Und die schweren Rucksäcke… nun, außer vielleicht ein paar benutzte Socken ist da auch nichts gefährliches drin zu finden.  Und überhaupt: woher die Vorurteile? Find ich nicht fair, ich hab denen gegenüber ja auch keine Vorurteile, rein auf ihrem Aussehen beruhend *hüstel* das sind lediglich alles Lebenserfahrungen, die denen wohl eher noch fehlen (man, bin ich stolz auf diese gekonnte Ausrede).

 

Aber gut, der Terrorist ist in der Stadt. Passt besser alle auf eure Kinder auf und bleibt mal besser zu Hause, oder…

 

Ostrava im Zentrum

oder vielleicht soll der schnieke herausgeputzte Stadtkern Besucher locken? Bis auf diese eine Fassadenfront siehts aber sonst auch nirgends hier so aus

überfahrt den Terroristen ganz einfach! Ja, denn genau so wäre es doch beinahe an einer (definitiv grünen) Fußgängerampel mit einem Taxi geschehen (nein, ich glaube nicht, dass da ein Zusammenhang besteht, auch wenn der Typ am Steuer so rein optisch schon beinahe als Vater in Frage kommen könnte, aber lassen wir die Spekulationen besser mal beiseite, denn es passt so lediglich geschmeidiger in den Text…). Ganz vorbildlich nutze ich gerne Fußgängerampeln, und achte zumindest bis ich lange genug beobachtet habe wie die Allgemeinheit denn so mit den Verkehrsregeln umgeht diese peinlich genau. Ich kann mir also nichts, so wirklich gar nichts vorwerfen, als ein etwas schäbig wirkendes, gelbes Taxi von links hinten abbiegend über die Kreuzung zu rasen versucht. Der gute Mann hat sich dann doch in letzter Sekunde noch zu einer Vollbremsung entschieden, während ich lieber schon mal in Sicherheit gehechtet bin, aber eine gefühlt ganz ordentliche Ladung mir nicht verständliche Beschimpfungen durchs geöffnete Beifahrerfenster hindurch musste ich mir dennoch anhören, zumindest seiner Meinung nach. Ich sah das geringfügig anders, und ließ den guten Mann an seiner Kreuzung mit seinen potentiellen Schimpfwörtern dann doch mal eher alleine.

 

Es reicht dann auch irgendwie fürs erste. Von einfachem Tourist zu (beinahe) überfahrenem (nicht-) Terrorist in nicht mal 20 Minuten, da soll mir erst mal einer nachmachen.

 

das neue Rathaus in Ostrava Tschechien

das ,,neue Rathaus“ in Ostrava. Nicht brutalistischer Prunkbau wie ich eigentlich irgendwie spekuliert hätte, und mit dem Bau von 1925 bis 1930 auch deutlich zu alt. Und dennoch passt es irgendwie ganz gut ins Schwerindustrie-Stadtbild, das ich mir so ausgemalt hatte.

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