die verlassenen Stahlwerke von Vítkovice (Witkowitzer Eisenwerke)

 

Dass Ostrava in der Vergangenheit geprägt wurde von Schwerindustrie, soweit war ich gestern mit meinem Wissensstand ja schon. Ein paar abendliche Stunden im Internet später (was besseres hätte ich hier ja ohnehin nicht zu tun), bin ich ein klein wenig weiter:

Gegründet wurden die Witkowitzer Eisenwerke (tschechisch: Vítkovické železárny) bereits 1828 als das Eisenwerk Rudolfshütte. Die Besonderhit hier war wohl, dass ab 183x direkt in der Umgebung die Kohle abgebaut wurde und das Werk um eine eigene Kokerei erweitert wurde, so dass es unabhängig von Kohleanlieferungen funktionieren konnte. Witkowitz wuchs dementsprechend schnell und „in effizienter Bauweise“,  um Platz für die bis 1921 über 22.000 Arbeiter zu schaffen. Es gab da dann noch die Phase, in der die Eisenwerke in die „Reichswerke Hermann Göring“  eingegliedert wurden und Munition sowie Teile für die V2 produzierten, bevor es nach 1945 in tschechischen Staatsbesitz überging… 1994 wurde die Kohleförderung und 1998 dann die Rohstahlproduktion eingestellt. Alles in allem klingt das turbulent, es klingt alt, es klingt nach Geschichte und es klingt mächtig groß. Und das beste daran: Man darf heute ein ganzes, stillgelegtes Stück besuchen, das 2002 gar als nationalen Kulturdenkmal definiert wurde.

(wenn das alles genauer interessiert, die hier rudimentär zusammengefassten Daten habe ich hier und hier her, und da gibt es sogar auch noch mehr davon =) )

Zebrastreifen in Ostrava mit Straßenbahn Warnhinweis

POZOR TRAM – unerwegs besser auf Straßenbahnen achten, vorallem am Zebrastreifen =)

 

Man mag es schon erahnen: Das gefällt mir. Das gefällt mir sehr gut, und auch wenn man sich sicherlich nicht völlig austoben und überall erkunden gehen kann (keine Frage, viel zu gefährlich), sehen die Bilder aus dem Internet schon deutlich vielversprechend aus. Ein guter Grund für einen ausgedehnten Spaziergang, ein gutes Stück südlich vom Zentrum danach zu suchen.

 

Ja, es ist sicherlich kein einfaches Unterfangen: einen verlassenen Industrie-Koloss ganz offiziell und ohne Verbote dem allgemeinen Tourismus zu öffnen, selbst Familien mit Kindern irgendwie zugänglich zu machen, in Stand zu halten, das ganze zu finanzieren und das alles, ohne den Charakter (die gute alte „Patina“ solcher Orte, mal wieder) zu zerstören. Ich bin ja nur vorsichtig optimistisch als ich mich auf den Weg mache, aber allein aus der logischen Überlegung heraus dass es wohl unmöglich ist ein komplettes Industriegebäude auf Hochglanz zu polieren doch hoffnungsvoll.

 

Nun, kurzum: enttäuschend ist das Ergebnis auf keinen Fall. Es wurde zwar ein Gastank völlig entkernt und zur Veranstaltungshalle umfunktioniert, aber auch wenn man Eingänge, Glastüren und Notausgänge erkennt, wo sie ein Gastank mit Sicherheit in der Form nicht haben würde, es fügt sich doch noch ganz angenehm ins Gesamtbild ein und stört nicht weiter. Ansonsten wurden mehr oder minder Schneisen durch die Gebäude mittels Bauzaun gezogen, diese wohl eingeebnet und mit Kies ausgelegt, und nun tummeln sich hier Spaziergänger mit Kinderwägen und Hunden, wie man das üblicherweise in Parks erwarten würde, unter rostigen alten Stahlkonstruktionen. Ein an sich schon absurder Anblick, der dann aber um die nächste Ecke durch einen Hochzeitsfotografen mitsamt Braut in weißem Kleid und Bräutigam in schickem Anzug doch noch mal getoppt wurde.

 

Und ja, so manchmal habe ich mir den Bauzaun weg gewünscht, wäre gerne eine Treppe hoch gehuscht und hätte gerne um die ein- oder andere Ecke geschaut, aber das ist hier nun mal nicht drin. Dafür ist es höchst legitim hier zu sein, muss keine Panik vor scharfen Hunden oder schlecht gelaunten Securitys haben und kann ich aller Ruhe und mit normalem Puls so lange bleiben wie man mag.

Ach, und die Sache mit der Finanzierung die ich vorhin angeschnitten hatte… zumindest gibt es Führungen, und irgendwer hat oben auf einen alten Turm eine Aussichtsplattform samt Cafe in Glas gebaut. Versaut zwar so manches Bild von unten, wenn man aber gewillt ist den Geldbeutel zu zücken und zufällig das Glück hat dass die mal nicht überfüllt sind (bzw. reserviert hat, wie man mir wärmstens ans Herz legt), hat dafür sicherlich eine schöne Aussicht von oben.

 

Alles in allem: gefällt, aber macht auch Lust auf mehr. Ich bin wegen zweiterem und der Zet die ich insgesamt noch unterwegs sein werde beinahe ein wenig besorgt, aber auch schon voller Vorfreude =)

Und nun: ein „paar Bilder“, einfach so und ohne weitern Text.

 

 

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