nächster Halt: Warszawa Centralna

 

Irgendwann war ich schon mal in Warschau, aber so wirklich erwähnenswert ist das an sich glaube ich eher nicht: Ich bin einem Schlafwagen von Basel nach Moskau am frühen morgen ziemlich bedeppert aufgewacht, weil der Zug angehalten hatte. Weil es schon hell war und irgendwie Trubel im Abteil, bin ich noch im Halbschlaf aus dem Waggon getorkelt, ein paar Schritte an der frischen Luft auf- und ab gehen. Das erste das ich wahr genommen habe, war ein eher maroder Bahnsteig, aber ich werde auf dieser Reise noch wesentlich maroderere Bahnsteige sehen, ein paar uneinladend wirkende, wenn nicht gar schon leicht schäbige, graue Häuser in der Kulisse, einen eher maroden Bahnhof und ziemlich mieses Ekelwetter mit grauem Himmel und kaltem Wind. Es wirke nicht besonders einladend, und ich zog dann doch das Bett im warmen und mit dem Luxus des eigenen Abteils wieder vor und verschwand nach drinnen.

pinker Wohnblock mit Balkonen in Warschau

idyllisch, dieses Warschau

 

Das sind auch schon alle Erfahrungen, die ich bislang mit Warschau und Polen im allgemeinen gesammelt hatte. In Summe eigentlich nichts erwähnenswertes, und so wirklich lasse ich mich daher auch nicht durch diese grauen Erinnerungen beeinflussen, als mein heutiger Zug (von Ostrava kommend, und ein polnischer Zug) in Richtung Warschau rollt. Draußen ist es schon dunkel, und weil ich das bereits vorher wusste habe ich schlauer Fuchs mich schon heute Vormittag um eine Bleibe gekümmert und mir auf einer Offline-Karte auf dem mobilen Kommunikationsgerät deren Position markiert. Es sah so ziemlich nach Zentrum aus, so Zentrum ich mir eben leisten konnte und wollte, ohne Abstriche an den noch immer vorhandenen Ansprüchen an eine Unterkunft machen zu müssen.

Skyline Warschau

die ,,Warschauer Sykline“

 

Nun, eigentlich war alles so dermaßen durchstrukturiert und geplant, dass es mir beinahe schon unwohl wurde bei dem Gedanken daran. Nun bin ich allerdings in einer Kategorie Zug gereist, der ich trotz allgemeiner Zug-Präferenz eher mit Vorbehalten begegne: Ein Zug, in dessen Innenraum absolut kein GPS-Empfang möglich ist. Das sorgt dafür, dass während der Fahrt die sonst so tolle Offline-Karte eher nicht zu gebrauchen ist. Das ist der Grund, warum in meinem Blog gelegentlich diese kilometerlangen, rot gestrichelten Linien auf den Karten entstehen. Alles in allem ist es jedes mal für mich eine unangenehme Überraschung, die ich vor allem wegen den „kaputten“ Karten nicht ausstehen kann – ich mag meine Karten, und ich habe Freude daran, Freude die ich mir eben nicht gerne nehmen lasse. Woran das genau liegt, das habe ich noch nicht herausgefunden. Eine Zeit lang dachte ich, das liegt am Alter des Zuges, denn in richtig alten Zügen hatte ich das Problem nie. Allerdings gibt es ach hochmoderne Züge, in denen ich GPS-Empfang hatte. Nächste Theorie: elektrifizierte Strecken „blockieren“ GPS, aber auch das hat sich nicht so recht bewahrheitet. Auch die Position der Klimaanlage auf dem Dach habe ich schon beobachtet, konnte aber noch keinen wirklichen Zusammenhang feststellen.

[Nun, ein kleines Update: Tante Google hilft mal wieder gerne weiter und meint es würde wahrscheinlich an metallbedampften Scheiben liegen, die die Hitzestrahlung der Sonne besser reflektieren. Ergo: ich sollte Züge mit Klimaanlage meiden, ist besser für die Karten und ohnehin angenehmer für die Schleimhäute, aber wo kann man sich das schon noch aussuchen?]

Jesus Statue in Warschau

mein ich das nur, oder hat dem jemand eine Rockstar-Pose verpasst?

 

Aber eigentlich sollte es doch hier um Warschau gehen, und ich drifte mal wieder in eher belanglose Banalitäten ab… Was ich eigentlich sagen wollte, ich fühle mich unschuldig, für ein erneutes Zug- und Bahnhofsversagen, das ich mal wieder produziert hatte. Noch immer im Hinterkopf, dass ich in Ostrava eine Station zu früh ausgestiegen bin, was mich in Summe gut Zeit, viel Gestikulation mit augenverdehenden Ticketverkaufsdamen und ein klein wenig Verzweiflung gekostet hatte, war ich dieses mal besser informiert und wusste zumindest dass in Warschau ungefähr die gleiche Falle auf mich lauern würde: Es wird zwei Warschau-Bahnhöfe geben, der erste nennt sich „Warszawa Zachodnia“ und erst der zweite ist dann „Warszawa Centralna“. Mein Hotel lag so grob im Zentrum, also steige ich brav und ganz stolz auch erst im Zentrum aus, klar. Wo das so genau ist, nun, das hab ich dank GPS-Mangel im Zug ja nicht erahnen können. Dass ich über eine halbe Stunde zu Fuß zum Hotel brauche, das hat mich dann ja schon ein wenig verwundert, aber auch nicht wirklich schockiert. Erst die Erkentniss am Abend, als ich dann noch eine kleine Erkundungsrunde wegen mangelnder Müdigkeit ums Hotel gedreht und quasi 100m hinter dem Hotel eben diesen Bahnhof, den ich bewusst und vor ein paar Stunden noch ganz stolz nicht ausgiestiegen bin: Warszawa Zachodnia. Eigentlich wollte ich diese beinahe-Peinlichkeit ja für mich behalten, aber nachdem ich quasi vorhin ewig lang eingeleitet habe dass es nicht meine Schuld ist, musste ich das doch irgendwie los werden =).

 


 

überfüllte Fußgängerzone in Warschau

Leute, viele Leute, viel zu viele Leute… und Luftballons.

Ein wenig hat man mich ja vorgewarnt, die Polen seien auch nicht „viel besser als die Russen“ und ich solle „auf mich aufpassen“. Was auch immer das bedeuten sollte, zumindest irgendwie einschüchternd klingt es ja zunächst schon ein mal und ich hatte es heute mehrfach im Hinterkopf, als ich so durch die Innenstadt geschlichen bin. Es scheint irgendein Kultur-mäßiges Straßenfest zu sein, an jeder Ecke spielt Musik, Luftballonverkäufer sind unterwegs, Stände wurden in der Fußgängerzone aufgebaut und es tummeln sich für meinen Geschmack einfach nur noch unangenehm viele Leute auf eher relativ wenig Platz. Grund genug also, auf seine sieben Sachen aufzupassen.

Kulturpalast Warschau

der Kulturpalast. Wer hätts gedacht: damals ein Geschenk der Sowjetunion an Polen und trug gar den Namen von Stalin. Heute natürlich nicht mehr, aber die Polen scheinen den trotzdem nicht sooo gerne zu mögen

Genau in dem Moment als ich meine Kamera herausgekramt  um von all den Menschen ein (Beweis-)Foto zu machen und meinen Rucksack wieder auf dem Rücken hatte, kommt ein etwas älterer Herr aus bestimmt fünf Metern ziemlich zügig auf mich zu. Er tippt mir auf die Schulter und deutet ganz hektisch auf meinen Rucksack. Was er da sagt, das verstehe ich natürlich nicht, rechne aber so ganz spontan dann doch eher mit etwas schlimmeren. Hat mir jetzt die letzten zwei Minuten Unachtsamkeit jemand den Rucksack geräumt, oder versucht der Typ während er mich jetzt ein wenig ablenkt den Geldbeutel aus der Tasche zu zaubern? Ich war mir nicht so ganz sicher, und habe mich daher mehr auf Rucksack und Geldbeutel konzentriert, als auf den guten Mann selbst zu achten. Er wird ein wenig energischer, verkürzt jetzt seine Aussage auf „Plastik!“ und deutet weiter abwechselnd auf Rucksack und Pflastersteine, und so langsam dämmert es nun auch mir: ich habe (mal wieder) dieses kleine Plastik-Durchkuck-Teil am Sucher meiner Kamera verloren. Der nette Herr hat das über mehrere Meter bemerkt, und macht sich die Mühe mir das persönlich mitzuteilen, während ich Ihm gedanklich schon alles mögliche unterstelle. Ich schäme mich, und weiß nicht wie und ob und was alles der Mann in meinem Gesicht ablesen konnte. Blöderweise habe ich das mit dem Pokerface nicht so drauf, und man kann doch ziemlich viel direkt im Gesicht lesen. Ich hoffe er hat das nicht getan, und wenn doch dann wenigstens auch bemerkt, dass ich wohl ein klein wenig rot wurde. Oder zumindest verstanden dass ich wirklich ehrlich dankbar war.

Ein netter Mann, dieser ältere polnische Herr. Die Russen meistens übrigens auch.

 


 

Und weil es gestern so gut geklappt hat, heute nochmals Bild mit Ton:

Fußgängerunterführung, Straßenbahn, Kulturpalast, Innenstadtautobahn… das volle Programm eben, und mit Musik. =)

Fußgängerunterführung, Straßenbahn, Kulturpalast, Innenstadtautobahn... das volle Programm

 


 

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