taktischer Ortswechsel vor dem Grenzübertritt ins Baltikum

 

So wirklich aufgefallen ist mir ja zugegebenermaßen nie, dass dieses Baltikum schon ziemlich abgetrennt von für mich Visumfreiem Schengen-Gebiet irgendwo da rechts oben auf der Landkarte nur über einen ziemlich beachtlich schmalen Streifen Land zwischen Kaliningrad (eine Exklave von Russland) und Weißrussland  am Rest der EU hängt.

Klar, da gibts weiter oben noch Finnland und Schweden, aber da ist nun mal beachtlich Wasser dazwischen, und so ist dieser grob 65 Kilometer breite Flaschenhals zwischen Kaliningrad und Weißrussland der einzige Landweg ohne Visumpflicht, oder anders: der einzige Weg nicht durch Russland oder das Staatsgebiet seines engen Verwandten zu müssen. 65 Kilometer, das ist nur ein klein wenig mehr als die Entfernung zwischen München und Augsburg; oder ein Stück weniger als der Abstand zwischen Frankfurt und Mannheim. Lediglich ein wenig mehr als gerade-noch-so-wahrnehmbar in europäischen Maßstäben, Global betrachtet eher schon ein Hauch von gar nix mehr.

 

Warum ich das hier so lang und so breit ausführe? Nun, einfach nur der Erstaunlichkeit wegen, der Erstaunlichkeit wie schlecht ein eigentlich normalerweise nicht ganz Kartenunbewanderter EU-Bürger doch tatsächlich über die EU-Außengrenzen bescheid wissen kann (an der Stelle jetzt gerne auch unten mal die Karte nutzen und sich das selbst genauer anschauen).

 

Also lautet meine derzeitige Aufgabe: Treffe dieses Nadelöhr, oder erlebe extrem wenig erfreute und mutmaßlich eher schlecht gelaunte Grenzer die mich gut und gerne mitten im Nichts stehen lassen und mich dazu zwingen meinem Bus oder Zug oder was-auch-immer hinterher zu winken. Ist ja nicht deren Problem wie ich zurück komme.

Ich habe da irgendwie immer noch so eine Szene aus der transsibirischen Eisenbahn im Kopf und muss bei Grenzen nicht selten daran denken… Nicht ganz unpraktisch wurde bei der Fahrgastaufteilung alles, was irgendwie Tourist und weder russisch noch chinesisch zu sein scheint in einen Waggon zusammengepfercht, wozu man nun stehen kann wie man will – es hatte eindeutige Vorteile, aber auch gewisse Nachteile – jedenfalls tauchte an irgendeinem Bahnhof mitten in Sibirien ein neuer Fahrgast in diesem Waggon auf: eine Frau geschätzt Mitte vierzig, die mit ihren Jogginghosen, Adiletten, dem bunten Koffer und dem nicht vorhandenen englischen Wortschatz in dem Waggon zwischen all den Rucksäcken und Flipflops irgendwie ein wenig verloren wirkte, und im Waggon erst nach einiger Zeit über verschiedene, bröckchenweise übersetzte Wortfetzen und viel Gestenkommunikation heraus kam, dass die aus der Ukraine stammende Frau wohl irgendwo Arbeit suchen will. Wo und was? das blieb uns bis zum Ende ein Geheimnis. Ja, man bemühte sich um Integration der eher russischen Dame in den eher internationalen Backpacker-Waggon und war gar nicht mal so unerfolgreich damit, aber irgendwann kam die mongolische Grenze. Die Grenze, an der ein wenig Unmut unter den Grenzern aufkam, ein wenig Hektik im Waggon und der Zug dann weiterfuhr, während diese Frau (offensichtlich ohne Visum für die Mongolei, vielleicht im Glauben den Zug um die Mongolei herum gebucht zu haben oder einfach doch nur Naivität?)  neben Ihren Koffern noch am Bahnsteig im Nirgendwo zwischen Russland und der Mongolei stand. Da kennen die alle nix, was ja auf irgendeine Art und Weise auch ziemlich verständlich ist.
Aber wo war ich eigentlich stehen geblieben, vor ich in meine Reiseerinnerungen abgedriftet bin und mir Grenzerlebnisse im Kopf ausgemalt habe, die ich eigentlich zu vermeiden versuche? Ach ja, eigentlich gings um die Schwierigkeiten beim Landweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Polen nach Litauen. Weiter im Text.

 

Ganz so einfach scheint das hier mit den Grenzen im allgemeinen nämlich auch nicht zu sein. Jeglicher Zug von Polen in Richtung Baltikum fährt nach meinen Recherchen entweder  einen Bogen durch Weißrussland oder aber einmal quer durch Kaliningrad. Visumstechnisch zwar ein nicht unerheblicher Unterschied ist der Unterschied in meinem Falle gerade eher marginal – beides gleich blöd. Ich bin aber erstmal richtig froh dass es so etwas wie Karten für Zugverbindungen gibt, denn so ganz deutlich steht das mit dem „Ausflug ins Visumland“ nirgends, es wird wohl erwartet dass man das irgendwie weiß, nehme ich an (fiese Falle, eigentlich).

 

Ein Bus scheint schon eher das Verkehrsmittel der Visumfreiem Schengen-Reise zu sein, und während ich noch immer vor den prognostizierten Reisezeiten zurückschrecke (irgendwas zwischen neun und zehneinhalb Stunden, inclusive ggf. Umsteigen), frage ich mich doch wer denn überhaupt einen Zug Polen-Weißrussland-Litauen fahren könnte, ohne sich den vollen Visum-Stress zu geben. Dürfen Polen ohne Visum durch Weißrussland oder Kaliningrad? Und/oder dürfen Litauer das? Irgendwie würde der Zug sonst ja keinen Sinn machen, und einfach nur der Einfachheit der Fortbewegung wegen bin ich spontan ein wenig neidisch, ohne denn genau zu wissen auf wen.
Für mich am sinnvollsten erschien angesichts der horrenden Fahrtdauer dann doch eher noch ein Zwischenhalt, zumal man für die meisten Verbindungen ja ohnehin umsteigen müsste. Vier oder fünf Stunden Bus sind vertretbar, eine weitere Nacht irgendwo in Polen sicherlich nicht das schlechteste was ich tun könnte, und so fiel ganz spontan die Wahl eben auf Bialystok. Weiterer Vorteil: bis dahin komm ich auch per Zug, bedeutet die ungeliebten Busse bleiben mir noch ein weiteres mal erspart.

 

 

das Zentrum von Bialystok

das Zentrum von Bialystok am frühen Abend – irgendwas scheint hier gerade los zu sein, ums Eck steht eine Bühne, es sind massenhaft Leute unterwegs und es scheint eine komische Party in Gange zu sein…
Nun, ich bin müde, schau mir das also lieber morgen erst genauer an =)

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