zu Besuch beim KGB

 

Nicht weit entfernt von Kaunas in einem kleinen und unscheinbaren Dörfchen, ganz idyllisch im Wald und neben einem See gelegen, liegt mein heutiges Ziel. Ein Ziel mit einer ebenso schauderlichen als auch irgendwie spannenden Geschichte, die irgendwann im 19ten Jahrhundert begann. Damals lag dieser Fleck gerade noch so in Ostpreußen, und ein vermeintlich eher wohlhabender Mann hat sich hier ein Herrenhaus gegönnt. Die Lage ist wirklich recht schön, und es fällt einem nicht schwer sich hier ein feudales Anwesen vorzustellen.

 

die Alle zur geheimen KGB-Stadt

heute eine ziemlich dichte Allee, der man so kaum ansieht dass links und rechts nichts ist außer Wasser…

Ein einziger Weg führt dort hin, ein Weg der als lange Allee in einer fast geraden Linie mitten durch einen nicht unbeachtlichen See führt. Diese Alle läuft oben auf einer Art Damm entlang, der gerade breit genug für eine Straße und ein wenig Grünstreifen mit Bäumen links und rechts ist, bevor er ziemlich steil ins Wasser abfällt. Obwohl es keine Insel ist, existiert kein anderer vernünftiger Weg: Das heutige Dorf liegt mit der einen Seite an besagtem See, und auf der anderen grenzt es an einen dichten Wald ohne nennenswerte Straßen oder vernünftige Wege.

Blick auf die geheime KGB-Stadt vom anderen Seeufer

da zwischen den Bäumen, dort wo man kaum was erkennt, da spielte sich all dies ab…

Selbst das Dorf an sich ist ziemlich zugewachsen mit Bäumen, und so sieht man von der anderen Seite des Sees nicht viel mehr als vereinzelt ein unscheinbares Dach durch die Wipfel ragen… Dächer von Gebäuden, die auf den ersten Blick kaum unscheinbarer sein könnten: eine kleine Siedlung von Waldarbeitern vielleicht, bestehend aus fünf bis zehn Häusern oder möglicherweise auch ein paar Fischer, die von den vermeintlich wenigen Fischen im See ihr karges Dasein fristen. Nichts spannendes; aber das eben nur auf den ersten Blick. Man ist hier ziemlich ungestört, man hat seine Ruhe und ist unter sich, und falls jemals Besuch kommen sollte, so sieht man den schon von weitem auf der Allee herannahen.

 

Irgendwann kam dann der erste Weltkrieg, dann der zweite – und während ich nicht herausfinden konnte was mit dem ehemaligen Besitzer passiert ist, sind die Ereignisse ab 1944 ein wenig besser dokumentiert. Das Herrenhaus hat wohl all die wilden Zeiten überlebt – oder zumindest ein Gebäude davon, immerhin dürfte der Standort wenig offensichtlich und obendrauf taktisch eher wenig relevant gewesen sein. Ab 1944 hat alleridngs jemand ganz anderes Interesse an diesem zentralen aber doch auch abgeschiedenen Flecken Erde bekommen. Zunächst wurde die komplette Gegend geräumt, die Bewohner vertrieben und das Gelände mit Stacheldraht gesichert. Deutsche Kriegsgefangene bauten nun eine Kaserne, einen Offiziersclub und ein paar weitere Gebäude. Der Ort wurde (was das Internet so erzählt) mit aller nötigen Infrastruktur weiter ausgebaut um weitestgehend autark existieren zu können: Krankenhaus, Kindergarten, Schule und Wohngebäude. 1958 wurde dann der Ort dann offiziell zur Stadt ernannt.

 

ehemaliger und nun verlassener Wachposten am Ortseingang

keine Militärbasis ohne Checkpoint, kein geheimes KGB-Dorf ohne Kontrollstation am Eingang – macht durchaus Sinn.

vermutlich das ehemalige Verwaltungsgebäude

direkt am Ortseingang fährt man frontal auf dieses Gebäude zu. Zu was das mal gut war könnt ich heute maximal spekulieren – die Verwaltung vielleicht?

Und wozu das alles? Nun, ich werde es wohl in der Überschrift schon ein wenig verraten haben: laut Wikipedia arbeiteten hier ein paar tausend Soldaten und Übersetzer rund um die KGB Abhörstation, mit der es möglich gewesen sein soll abgehende Funkmeldungen über ganz Europa hinweg abzuhören. Deswegen der Stacheldraht, deswegen die abgeriegelte Stadt, deswegen all dieser Aufwand. Ob diese Stadt wie manch andere dieser Kategorie als „Geheim“ eingestuft war, das vermag ich gerade nicht herauszufinden, aber zumindest kann man sich sicher sein, dass hier keiner ohne Genehmigung versuchen brauchte einfach so aufzukreuzen, erst recht nicht mit Kamera, Teleobjektiv, Mikrofon, Audiorecorder und Mobiltelefon in der Tasche wie ich heute.

Aber 1993 war Rückzug angesagt: die Udssr zerfallen, Lithauen unabhängig, der kalte Krieg vorbei. Manche Quellen behaupten der Geheimdienst wäre an einen neuen, unbekannten Ort umgezogen; andere sprechen von einem Rückzug und Auflösung… im Grunde ist das sicherlich nur haarspalterei, denn in Rente werden die nicht direkt alle gegangen sein…

 

Wohnhäuser im ehemaligen KGB-Ort

ein Teil der Wohnhäuser, heute für ganz normale Leute…

Der Ort wurde 1995 wieder von „Stadt“ zu „Dorf“ korrigiert und als ganz normale, zivile Siedlung verwendet – zumindest zum größten Teil. Ein paar der alten von den Kriegsgefangenen errichteten Gebäude sollen noch stehen und einfach langsam vor sich hin verrotten (Bilder des Offiziersclub mit eingestürztem Dach machen das auch ziemlich glaubwürdig), ein Teil der Kaserne wurde nach fast 10 Jahren ohne Benutzung zu einer Einrichtung zum Drogenentzug umgenutzt, aber wegen all dem bin ich eigentlich gar nicht hier, denn irgendwo dazwischen steht noch immer das Technologiezentrum, hinter einer mit Grünzeug überwucherten Mauer und wenn auch heute ohne die beachtliche Parabolantenne auf dem Dach, aber noch immer eingezäunt hinter Stacheldraht. Klingt spannend? Definitiv!

 

auf dem Weg zum Technologiezentrum

da steht es, einsam und fast verlassen...

da steht es, einsam und fast verlassen…

Das Technologiezentrum zu finden, das war dank Satellitenaufnahmen von Tante Google kaum ein Problem. Ich parke das Auto (rein vorsichtshalber) zwischen irgendwelchen anderen bei den Wohngebäuden und mache mich die letzten Meter, einen Kiesweg mal wieder eine Allee entlang, zu Fuß auf den Weg. Ich finde das weitaus unauffälliger als das Auto direkt „vor der Haustüre“ eines verlassenen und mit Stacheldraht eingezäunten Gebäudes zu parken, auch wenn es bedeutet dass ich auf dem Weg dort hin erst mal höhere Chancen habe gesehen zu werden. Ein Fußgänger fällt hier definitiv mehr auf als ein Auto, und ist dazu noch länger unterwegs weil natürlich langsamer, aber ich bilde mir noch immer ein, so im Falle eines Falles dann doch die Ausreden besser argumentieren zu können (ich wollt doch nur spazieren gehen, und dann waren da… ehm… Pilze, und dann bin ich denen nach und hab mich verlaufen, und dann war ich plötzlich dort und hab den Rückweg nicht mehr gefunden, also bin ich da lang und plötzlich hier gelandet, aber ich wollte das gar nicht und überhaupt… was ist das hier?).

Aber ganz ehrlich: ich würds mir selber nicht glauben, und dieses Technologiezentrum zu übersehen ist so leicht jetzt mal auch wieder nicht. Hinter einer etwas zugewucherten Backsteinmauer mit Stacheldraht-Umrandung steht es, wohl von außen kaum verändert. Auf der Fassade hat irgendwann mal jemand einen in großen Buchstaben akkurat an die Hauswand gepinselten Schriftzug überstrichen, doch die dazu genutzte Farbe scheint in Ihrer Haltbarkeit nicht an die des Schriftzuges heranzureichen. Es ist nicht sonderlich schwer, darunter „РЕШЕНИЯ XXVII СЪЕЗД КПСС-В ЖИЗНЬ“ lesen zu können, was laut schneller Online-Übersetzung soviel bedeutet wie „Lösungen XXVII Parteitag der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) im Leben“.

das verlassene KGB Technologiezentrum bei Kaunas

…das ehemals streng geheime KGB Technologiezentrum

 

Später wird mir dann erklärt, dass damals auf Gebäude gerne geschrieben wurde wer und wann dessen Bau beschlossen hat. Also würde ich für mich die Übersetzung, ohne der Sprache mächtig zu sein, infach aufgrund der Erklärung dazu korrigiern in „Beschluss des 23. Parteitages seit Bestehen der [und durch die] KPdSU“. Nun, nochmal ein wenig weiter recherchiert komme ich darauf, dass dieser Parteitag vom 25. Februar bis 6. März 1986 stattfand, der Hauptinhalt die „Einführung der Parteireformen von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umstrukturierung) durch Gorbatschow“ waren und es sogar der vorletzte Parteitag der KPdSU vor deren Auflösung war. Ich habe also ein Datum, auch wenn es mich gerade wo ich im Nachhinein die Recherche betreibe doch deutlich überrascht. Ich hätte darauf getippt, dass es deutlich früher gewesen sein muss.

 

die ehemalige KGB Kaserne bei Kaunas

die direkte Nachbarschaft: früher vermutlich Kaserne, heute Drogenentzugseinrichtung

Nun gut, das haus gefunden und die erste vorsichtige Erkundung der Umgebung sagt mir, dass diese Entziehungseinrichtung doch deutlich näher an diesem Gebäude steht, als es auf den (durch meine Hoffnugen vielleicht beeinflussten) Satellitenbildern den Anschein gemacht hätte. Streng genommen ist es eigentlich nur ein Steinwurf entfernt, im direkten Sichtfeld und sogar hinter der gleichen Backsteinmauer mit dem selben Stacheldraht zu finden. Und es ist nicht so als wäre dort keiner, ich sehe zwar nicht über die Mauer, kann aber deutlich hören dass dort ein paar Leute reden und vermeintlich Fußball spielen. Einziger Lichtblick: das fehlende und durch provisorischen Stacheldraht ersetzte Tor ermöglicht einen kurzen Weg in das Gebäude, die Vordere Tür scheint sogar offen zu stehen.

 

im Technologiezentrum

KGB Technologiezentrum EIngangsalle

Die ,,EInganshalle“. Offensichtlich fühlen sich hier SoftAir-Anhänger ziemlich wohl. Schade nur, dass sie überall ihre Altreifen verteilen mussten.

KGB Technologiezentrum - ein Büroraum?

einmal nach rechts abgebogen findet sich ein Raum mit eher verwittertem Fußboden. Vielleicht ein Büro, vielleicht auch nicht.. schwer zu sagen heute.

Rostiger, alter Stacheldraht ist super. Irgendwann rosten die Spitzen einfach ab und hinterlassen maximal ein paar rostrote Streifen auf der Jeans. Ich habe es ein wenig eilig, denn ich weiß nicht wer und ob und wann mich beobachten könnte. Auf der Straße war niemand, aber wer weiß schon über die Nachbarn bescheid. Kaum durch den so alten wie rostigen Stacheldraht der die Lücke eines ehemaligen Tors in der Mauer um das Gelände „verschließen“ sollte gekrochen, gehe ich in großen Schritten ohne mich weiter um zu sehen direkt ins Gebäude. Es ist ein wenig schade, aber den Weg aufs Dach muss ich mir wegen der Gefahr von irgendwem gesehen zu werden ersparen, aber zumindest im Gebäude fühle ich mich so weit vor Blicken sicher, dass ich mich mal in Ruhe umsehen kann. seit knapp 23 Jahren steht dieses Haus nun wohl leer. 23 Jahre, in denen wohl zuerst irgendwann die Fenster kaputt gehen (sofern sie nicht schon irgendwer mutwillig einwirft) und sich dann die langen und kalten Winter in Litauen so richtig ausgiebig durch Böden,. Wände und Decken arbeiten können. Klar, dass da irgendwie nicht mehr viel mehr übrig bleibt als karger kalter Beton und ein wenig rostiger Stahl.

verlassenes KGB Technologiezentrum

so ziemlich der größte Raum im ganzen Haus, abgesehen vom Keller.

verlassener Technikraum

hier stand wohl ziemlich schweres Gerät. Sieht mir nach Generatoren aus

das Obergeschoss

der Raum direkt unter der Empfangsantenne

der Raum direkt unter der Empfangsantenne mit massiven Kabelschächten im Boden

die Treppe aufs Dach

hier würde es nach oben gehen, über eine Außentreppe aufs Dach. Schon verlockend, aber ich verkneife es mir dennoch.

das Obergeschoss ist ziemlich überschaubar bei einem einstöckigen Gebäude, aber zumindest unter der ehemaligen Parabolantenne findet sich doch ein zweiter Stock mit einem ziemlich hohen Raum, der innen den „Sockel“ der Antenne mit ausfüllt. Die Sessel standen hier bestimmt nicht schon immer, vielmehr kann ich mir regelrecht vorstellen wie hier wirklich Leute an monströsen Spezialgeräten sitzen, mit Kopfhörern nach irgendwelchen Informationen suchen während sie über allerhand Drehregler und Knöpfchen irgendwelche anderen Frequenzen suchen oder so, während ihre Vorgesetzten hinter ihnen nervös auf den Fingernägeln kauen auf und ab gehen und dringend irgendetwas hören wollen.

 

Ganz klar, hier ist nirgends mehr irgendetwas technisches zu finden. Der KGB ist hier geregelt ausgezogen, sprich hatte alle Zeit der Welt die Umzugskartons zu packen, den Flur zu fegen, alle Fingerabdrücke weg zu wischen, den Krempel aus dem Keller auf den Flohmarkt zu bringen… was auch immer denn nötig gewesen sein mag. Und wenn die irgendetwas hätten liegen lassen, dann wären schon längst andere mit ziemlich großem Interesse daran hier gewesen. Klar.

 

und wieder zurück nach unten…

Raum im Erdgeschoss der alten KGB Abhöranlage

ein weiterer schwer mitgenommener Raum im Erdgeschoss. Ich würd ja auch Toiletten tippen, aber warum dann der Holzboden?

vermeintliches verlassenes KGB Chefbüro

vielleicht liegt es nur am relativ gut erhaltenen Fußboden, vielleicht auch an der Holzvertäfelung aller Wände… irgendwas hat mir ganz deutlich gesagt, dass das hier das Chefbüro war, ohne Zweifel =)

klar, ein Umweg über das Untergeschoss musste natürlich schon sein. Allerdings war dort wirklich gar nichts, aber so wirklich gar nichts zu finden. Ein Raum, so groß wie das gesamte Gebäude, darin zwei oder drei gemauerte, frei stehende kleine Räumchen von denen jeweils mindestens eine Seitenwand eingerissen wurde, und ansonsten nur ganz viele Pfeiler die das Gebäude darüber tragen. Oh, und ganz viel Wasser, das von der Decke tropft. Ein Haus wie dieses kommt niemals aus ohne Wasser, das von der Decke tropft und komische Geräusche verursacht. Mehr war da nicht.

 

Ein kurze Erkundung durchs Erdgeschoss weiter lieferte noch ein paar andere, inzwischen eher nicht mehr deutbare Räume; aber im Haus selbst hatte ich damit schon alles gesehen. Wenn die Nachbarn nicht wären, dann würde ich an der Stelle auch gerne noch eine Runde ums Haus drehen, da sieht man manchmal doch mehr oder andere Dinge als von innen, aber auch das ist wohl keine gute Idee. Ob die mich dann beschimpfen, verjagen, die Hunde auf mich hetzen oder am Ende gar für einen geflohenen Drogenabhängigen halten und „zurück “ bringen… ich will es besser nicht heraus finden müssen, und mach mich eben so schnell wie ich herein kam wieder auf den Weg nach draußen.

 

Obwohl… nun, so im hohen Gras versteckt… ein Fischaugen-Foto geht noch, einfach nur weil ich das Fischauge gerade so gerne mag.

das ehemalige KGB Technologiezentrum von außen

Gar wunderbar, ich hatte den Finger sogar noch mit im Bild… aber egal jetzt, genug getrödelt. Ich bin mal besser weg hier.

 

PS: dieser Ort ist zwar technisch betrachtet heute nicht mehr geheim; weil er aber im Internet (derzeit noch?) doch eher schwer zu finden ist, möchte ich nicht derjenige sein der hier jetzt mit Ortsnamen und Kartenmaterial um sich wirft. Wer den Ort finden will der schaft das mit ein klein wenig Mühe, und zu leicht soll man es ja auch keinem machen =). Deswegen kommt dieser Eintrag heute ausnahmsweise mal ohne genauen Ortsnamen und ohne Karte daher.

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